Gesellschaftskritik: Sonne macht Alba

© Reuters /​ Mario Anzuoni
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Während die Hitze auch unsere Breitengrade erreicht, muss die Schauspielerin Jessica Alba im stets sommerlichen Los Angeles viel Kritik einstecken: Die von ihr verkaufte Sonnencreme, angeblich mit Lichtschutzfaktor 30, mag ausreichend sein für den Starnberger See, aber nicht für Kalifornien. Nach dem Einsalben kann von Bikinistreifen keine Rede sein, stattdessen posten Kunden Fotos verbrannter Körperpartien. The Honest Company, zu deutsch Die ehrliche Firma, heißt Jessica Albas Marke, die neben besagter Creme auch ökologisch korrekte Tampons vertreibt. Wir Sonnenanbeter vom Starnberger See sind da gleich hellhörig geworden. Weniger wegen der Tampons, schon eher, weil wir an den großen Wahrheiten des Universums interessiert sind. Ist in Amerika nicht alles fake, von den Inhaltsstoffen der Fischbrötchen über die Gebisse zeitgenössischer US-Lyriker bis hin zu Gwyneth Paltrows Ernährungskonzept? Wobei, wir haben die Beinahe-Starnbergerin Uschi Glas, deren Faltencreme dereinst auch mehr versprach, als sie halten konnte.

Nun denn, statt auf prominenten Unternehmerinnen herumzuhacken, könnte man sich fragen, warum es Frauen überhaupt in die Sonne zieht. Wir wissen jetzt: Männer lassen sie kalt. Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge orientieren sich Klimaanlagen in Büros am Temperaturempfinden des männlichen Durchschnitts. Der sogenannte Standardmann friert weniger schnell als sein weibliches Pendant, kann also bei 18 Grad gelassen wahlweise den obersten Hemdknopf schließen oder den Saum seiner karminroten Socken eineinhalb Zentimeter nach oben rollen. Ihm gegenüber schlingt die Arbeitnehmerin den Alpakaschal enger um ihre Brust und überschminkt im Stundentakt ihre eisblauen Lippen.

Gerne flöhe sie nach draußen, in die Wärme, aber sie weiß, was sie dort erwartet: träge Vormittage ohne Flurfunk, Mittagessen ohne Kantinenvorauswahl, Übermut schon vor dem ersten After-Work-Campari. Das alte Grufti-Sprichwort "Sonne macht albern" kommt nicht von ungefähr. Büroflucht ist eigentlich keine Option. Sogar die Frau am Herd hat es leichter, denn sie kann ihre Hände am Ceranfeld wärmen.

Eigentlich wollten wir nicht schon wieder auf den Standardmann schimpfen, aber wenn wir ihn schon mal am Krawattenknoten (schon bei 22 Grad deutlich gelockert) haben, halten wir ihn auch fest. Wegen seiner Standardmaße müssen wir hohe Schuhe tragen, damit wir im Supermarkt ans oberste Regal mit den Schnapspralinen kommen. Er ist schuld, dass Unisex-T-Shirts an uns so unförmig aussehen wie ein Sack Süßkartoffeln. Genau genommen ist er sogar schuld daran, dass Jessica Albas Sonnencreme versagt. Die Sonne in Los Angeles brennt ja nur deswegen so heiß vom Himmel, weil der Methanausstoß der Rinder die Ozonschicht zerstört. Die Viecher verdauen, weil sie leben und sie leben, weil der Standardmann Steak will statt Seitan, so einfach ist das.

Die Standardfrau hat also die Wahl: Entweder sie bleibt in der Kälte sitzen mit schlotternden Gliedern und warmen Gedanken. Oder sie verabredet sich mit dem Standardmann nach Feierabend draußen zum Sundowner. Lichtschutzfaktor überflüssig.

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Albewaere den in sich gekehrt und vor sich hin brütenden männlichen Karmingimpel! Angeblich steht er auf der Roten Liste - bei deren Erfassung sind sonnenferne Büroräume allerdings nicht berücksichtigt, das Biotop sieht seltene Stinkfinken nicht vor. Hinaus in die Glut des Albiceleste zieht es nur sein blasses, aber erlebnishungriges Weibchen, das den sie bedrängenden Sonnenstrahlen entgegenzwitschert wie ein Loriot: "Wüh-djü - und wenn ihr ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?" (Jessicas Vater, verzweifelt monologisch). Darauf die doppelt solipsistische Tochter (Mutter aller bling-bling-süchtigen Gott-schaut-dich-an) am Strand von Venice: "Manno, ich werde durch meine Creme ölig werden, sie hat mich zu einer wiedergeborenen Toastin gemacht". Im Alwara aller verbliebenen Gruftis - Sonne macht ernsthaft, Straßenkäffken wärmt zudem. An der nächsten Kreuzberger Lampe wartet noch so'n Don Giovanni (keine Krawatte, nur ein Foulard), der die flatterhafte Zerlina zur Cavaliera machen wird: "Reich mir den Chicken Wing, mein Leben - komm auf mein Mac mit mich. Ich will dich Burger geben; denn adelige Toro-Steaks kriegste nich". (Und wenn doch, dann nur von glücklichen Kühen, die unter freiem Himmel in den argentinischen Pampas Selbstmord begangen haben). Der männliche Karmingimpel hingegen knabbert im Büro immer noch Cashewkerne - so albern ist er allemal.