Gesellschaftskritik Anarchie in der Chipstüte

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Es gibt Fußballerinterviews, die lesen sich, als seien sie aus einem Bausatz der ewig wiederkehrenden Fußballerausdrücke zusammengesetzt. Wenn es gut läuft, gibt es ein "Lob an die Mannschaft", dann ist es "nicht so wichtig, wer die Tore schießt" und der "Trainer hat uns optimal eingestellt". Wenn es nicht so gut läuft, heißt es: "wir müssen mehr die Zweikämpfe suchen" und "wir waren nicht hungrig genug". Zumindest Letzteres scheint bei Mats Hummels, Verteidiger bei Borussia Dortmund, in der vergangenen epochal schlechten Hinrunde seines Vereins keine Rolle gespielt zu haben. Kürzlich gestand er dem Kicker, die erste Saisonhälfte sei "gewichtsmäßig eine Katastrophe" gewesen: "Ich trage das Laster des Frustessens in mir. Und weil mir die Hinrunde eben viel Frust beschert hat, bin ich in einen kleinen Teufelskreis geraten."

Frustessen ist ein Wort, das im Bausatz der Fußballersprache sonst nicht enthalten ist. Weil es ein gefährliches Wort ist, aus dem sich gemeine Überschriften zimmern lassen, die man als Fußballer unter Aufbietung jeder möglichen Floskel gern vermeidet. Frustessen fällt eher in die Kategorie Klartext, weil wir alle bei seinem Gebrauch genau wissen, was Sache ist. Es gehört zu uns aufs Sofa. Frustessen ist undiszipliniert, ungesund und vollkommen menschlich. Als Profi-Fußballer ist es unprofessionell, unverantwortlich und vollkommen menschlich. Gerade deshalb fällt es uns positiv auf, wenn ein Sportler zugibt, Frustesser zu sein: Weil so ein kurzer Einbruch des Menschlichen in die Sportwelt ganz gut tut.

Denn eigentlich haben wir ja eher das Gefühl, dass der Sport sich immer weiter von uns entfernt. Sportler werden zu makellosen Helden aufgebaut, die keine Schwächen zeigen dürfen und deren Abschiedswerbevideos, wie bei Bastian Schweinsteiger, schon vor dem Abschied fertig sind. Die Transfersummen im Fußball sind schon lange nicht mehr nachvollziehbar, momentan sind sie absurder denn je. Über der Leichtathletik hängt aktuell der Verdacht, Hunderte von Athleten könnten in den vergangenen Jahren gedopt haben, auch Medaillengewinner. Olympische Winterspiele werden nach Peking vergeben, und Michel Platini, ein Katar-Freund, will Fifa-Chef werden. Da bekommt man schon beim Schreiben großen Heißhunger auf Chips.

Ist natürlich keine Lösung, langfristig. Mats Hummels hat auch schon wieder ein paar Kilos verloren. Sein neuer Trainer Thomas Tuchel achtet auf die Ernährung, er selbst nahm in seinem Sabbatical so wenige Kohlenhydrate zu sich, dass man sich bei seiner ersten Pressekonferenz besorgt fragen musste, ob er überhaupt 90 Minuten am Spielfeldrand stehen kann. In Dortmund wurde der Koch ausgetauscht, es wird jetzt fettarm gekocht, Vollkorn und Omega-3-Fettsäuren und so. In einer Welt, in der Laktatwerte, Laufwege und Leistungsvermögen berechnet werden, ist das wohl professionell. Und obwohl wir das alles wissen und begreifen und ja auch gern auf die Millionäre schimpfen, wenn sie nicht funktionieren, haben wir eben diese Sehnsucht, dass die freudvolle Anarchie mal die Oberhand über die freudlose Daueroptimierung und die makellose Vermarktung gewinnt. Dass ein Kugelblitz wie einst Ailton übers Feld rollt und die Sportmaschine durcheinanderbringt. Dass irgendwas passiert, was nicht schon vorher ausgerechnet wurde. Wir haben noch Hoffnung. Und eine Chipstüte, für alle Fälle.

Kommentare

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Freudvolles Frust-Fressen - ha, das ist doch mal verbales Frou-Frou, nur daß eben die Chipstüte raschelt (und nicht die eleganten Damenunterröcke aus der Belle Epoque). ... und frönt lustvoll dem litteralen Laster der ausdrucksstarken Alliteration, die anbetende Autorin. "Laktatwerte, Laufwege, Leistungsvermögen" - lauter lieblose Lasten, daß man schon beim Lesen an Langeweile laboriert. Ausgelobt sei vielmehr Anarchie, Antritt, Ailton ... und dann, auweh, Abstieg bis nach Ahlen. Aber davor sei doch Held Hummels, Höhenflug (naja, für Kerzen im Strafraum war er immer schon gut - soviel zur "Kategorie Klartext"), heiteres Hochzeiten, herbei mit den Hümmelchen. Liebe Frau Kemper, Ihre Schreibe erfreut mich doch immer wieder ... nur Assoziationen arten außerathletisch aus: CheissChunger Chipstüte ...