Gesellschaftskritik: Ein Kobold wird zum Hipster

© Jan Saße /​ Kosmos Verlag /​ dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Hurra, hurra, der Pumuckl ist wieder da! Zum 95. Geburtstag seiner Schöpferin Ellis Kaut gibt es bald ein neues Buch mit Geschichten vom Kobold mit dem roten Haar. Der sieht allerdings nicht mehr ganz so aus wie früher: Sein Gesicht ist nicht mehr mondrund, sondern zerknautschter, die roten Wangen sind kleiner und der ganze Klabautermann ist dünner und sehniger als früher. Der neue Pumuckl verzichtet anscheinend auf seine Lieblingsspeisen Schokolade und Pudding. Oder, um es koboldmäßig auszudrücken: Schwupps, schon ist das Bäuchlein weg, wer hat es wohl wegversteckt?

Es war der Verlag. Pumuckl solle einen "leicht modernen Touch bekommen, um die neue Generation Kinder anzusprechen, die Pumuckl jetzt lesen", heißt es dort. Moderner Touch also, das klingt flott, das klingt trendy, das klingt nach Gegenwart. Da hätten wir noch einige Vorschläge, um Pumuckl noch zeitgemäßer zu machen: Er sollte unbedingt einen besonders langen rechten Daumen bekommen, damit er sein Smartphone besser bedienen kann. Außerdem wäre bei ihm heute längst ADHS diagnostiziert worden, weshalb er Ritalin schlucken muss, damit er in der Werkstatt des Meister Eder nicht dauernd Chaos stiftet. Die Werkstatt liegt selbstverständlich in einem seelenlosen Häuserblock in der Vorstadt, weil Meister Eder die horrenden Mieten im Münchener Stadtteil Lehel schon lange nicht mehr bezahlen kann.

Es gäbe in dieser Hinsicht überhaupt noch einiges zu tun: Benjamin Blümchen muss den Zoo verlassen, um tiergerecht ausgewildert zu werden. Karla Kolumna hält sich mit Nebenjobs über Wasser, seit sie nicht mehr fest angestellt ist, und schlägt sich mit "Lügenpresse"-Vorwürfen herum. In der Villa Kunterbunt ist es still geworden, seit Tommi und Annika nachmittags nicht mehr bei Pippi Langstrumpf vorbeikommen, weil sie durch die G8-Schulreform immer so lange Unterricht haben und danach noch zum Chinesisch müssen. Karlsson vom Dach hat Ärger mit den Nachbarn, die ihn für eine Drohne halten. Die Fünf Freunde sind eine Whats-App-Gruppe und gegen Sindbad, den kleinen Jungen aus Bagdad, demonstriert Pegida.

Das klingt alles nach, äh, ganz zauberhaften Kindergeschichten mit modernem Touch. Wir hoffen jedenfalls, dass die Modernisierung des Pumuckls nur ein Schabernack war. Denn wenn man der Zwangsmodernisierung zu sehr auf den Leim geht, wird vor allem eins sichtbar: Dass es manchmal auch ok ist, es einfach mal beim Alten zu belassen. Altes Koboldsgesetz, sozusagen.

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ehrlich gesagt ist es mir schnurzpiep egal, ob Pumuckl einen Bauch hat oder nicht.

Interessant ist eher, was Menschen dazu bewirkt, dieses Thema leidenschaftlich zu diskutieren. Scheint ein Trend zu sein, dass sich die Generation Y gerne über ihre Kindergeschichten austauscht.

Ich hab schon Parties von Menschen zwischen 25 und 35 erlebt, auf denen plötzlich die Titelmelodien irgendwelcher Zeichentrickserien gesungen wurden - sei es Benjamin Blümchen oder irgendeine Geschichte mit Bärchen, die ich nicht kannte. Früher hat man auf solchen Parties eher diskutiert, wie man die Gesellschaft positiv verändern kann.

Es gibt sicherlich psychologische Erklärungen dafür. In einer Zeit, in der alles schlechter zu werden scheint, sehnt man sich nach der "guten alten Zeit", in der vermeintlich alles besser war.

und was bewirkt sie dazu, diesen Artikel zu lesen und dann noch zu kommentieren, wenn es Ihnen schnurzpiep egal ist und es wichtigere Themen gibt?
Nenn wir es doch Zerstreuung. In einer Zeit in der man im ersten Semester schon angesprochen wird ob man bereits eine BU-Versicherung abgeschlossen und an seine Rente gedacht hat und man an jeder Ecke mit ernsten Themen konfrontiert wird, da ist eine Party doch der ideale Ort für ein wenig Zerstreuung und Spass.

Gerade eben in der Mittagspause:
- Kennt ihr nocht "Tom & Jerry"?
-Die waren cool! Oder Speedy Gonzalez, oder Chip & Chap. Man das war noch cool!
-Und wie böse gewalttätig die waren. Aber trotzdem ist keiner von uns zum Gewalttäter gereift.
- Disney baut jetzt einen "Classics Channel" auf, wo nur alte Zeichentrickserien ausgestrahlt werden sollen.
- Ich werde meinen Kindern nur das alte Zeug zeigen. Mein Neffe und meine Nichte gucken hin und wieder mal das neue Zeug. Entweder sind die nach 30 min so aufgedreht, dass sie das Wohnzimmer auseinander nehmen oder sie sind nach 10min gelangweilt.
- (sing) Gummibär'n... hüpfen hier und dort und überal....

Ich denke mehr ist zu diesem Artikel nicht zu sagen. Vielen Dank! Super geschrieben.