Andersrum ist auch nicht besser Schwuler schwitzen

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Aus der Serie: Beziehungen

Heute gibt es so viele Verschwörungstheorien, da ist für jeden etwas Passendes dabei. Manche Menschen glauben zum Beispiel, dass Schwule die Weltherrschaft übernehmen wollen. Seit Kurzem weiß ich: Diese Befürchtung ist durchaus berechtigt. Ich war in einem Fitnessstudio in Berlin-Mitte zu einem Probetraining.

Erst sah alles ganz gewöhnlich aus. Weder an der Beinpresse noch an der Hantelbank gab es Hinweise auf eine schwule Machtübernahme. Später ging ich in die Sauna. Dort waren die Homos plötzlich in der Überzahl. Es schien, als hätten sie die Heteros verdrängt. Dann traute sich aber doch noch ein heterosexueller Mann in den Saunabereich. Als er die Tür zum Dampfbad öffnete, überraschte er zwei Typen, bei denen es gerade zur Sache ging. Der Mann trat wütend gegen Wand und knallte die Tür. Außerdem brüllte er: "Macht das doch zu Hause!"  

Vielleicht ist die Eroberung der Fitnessstudios für Schwule eine Art Bewältigungstherapie. Ich glaube, dass viele von uns unter den Spätfolgen eines Traumas leiden. Das Trauma heißt Sportunterricht.

Für das Gefühl des Alleinseins haben Filmemacher, Fotografen und Maler unzählige wirkungsvolle Bilder gefunden: Ein Cowboy reitet durch die Prärie. Eine alte Frau sitzt in ihrer Küche. Noch treffender wäre folgendes Bild, das ich noch nicht gesehen habe: Ein schwuler Teenager versagt beim Schulsport. Das ist wahre Einsamkeit. Von 100 Sportstunden im Jahr wurden in meiner Schulzeit 80 Stunden Fußball gespielt. Die Dominanz dieser Sportart im Unterricht wurde nur übertroffen durch das Thema "Drittes Reich" im Fach Geschichte. Ich erinnere mich nicht daran, ein einziges Tor geschossen zu haben. Ich schätze, es ist nicht nur mir so ergangen. Jetzt zahlen es die Schwulen den Heteros heim, indem sie sie aus den Fitnessstudios verdrängen.

Gemeinsames Sporttreiben mit heterosexuellen Männern bereitet vielen Schwulen auch heute noch Unbehagen. Deshalb gibt es Sportvereine speziell für Homosexuelle in allen größeren Städten. Wäre ich Mitglied in einem, würde ich es geheim halten. Nicht wegen der sexuellen Orientierung der Sportvereine, sondern wegen ihrer Namen. Hier hat man Humor mit Zotigkeit verwechselt. Und Kreativität mit Irrsinn. In Berlin heißt der schwule Verein "Vorspiel". Ich kenne Männer, die dort jahrelang Mitglied waren und es niemandem erzählt haben, weil ihnen der Name peinlich war. Dieses Problem besteht nicht nur in der Hauptstadt. Im Ruhrgebiet heißt der Verein "AufRuhr". In Bremen "Wärmer Bremen". In Bielefeld "Warminia Bielefeld". Ich war erleichtert, als ich feststellte, dass es keinen schwulen Sportverein in Pforzheim gibt.

Bei Vorspiel in Berlin gibt es eine Fußballmannschaft. Man kann auch Pilates machen, und Yoga, und sogar etwas, das sich Line Dance nennt, das ist ein Tanz zu amerikanischer Countrymusik. Ich habe einen Kurs für Kickboxen gesucht. Der wurde nicht angeboten. Kickboxen gibt es nur bei den Lesben. Ihr Verein heißt "Seitenwechsel".  

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn Schwule, Lesben und Heteros getrennt Sport machen. Eine Nische ist immer auch ein Ort der individuellen Freiheit. Schon seit längerer Zeit gibt es ja Fitnessstudios, in denen nur Frauen Mitglied sein dürfen, weil die ohne Männer offenbar entspannter trainieren können. Ich habe nun auch eine Geschäftsidee: ein Studio nur für Heteromänner. Für Namensvorschläge bin ich offen.   

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"Als er die Tür zum Dampfbad öffnete, überraschte er zwei Typen, bei denen es gerade zur Sache ging. Der Mann trat wütend gegen Wand und knallte die Tür. Außerdem brüllte er: "Macht das doch zu Hause!"[...]
Gemeinsames Sporttreiben mit heterosexuellen Männern bereitet vielen Schwulen auch heute noch Unbehagen.[...]
Ich habe nun auch eine Geschäftsidee: ein Studio nur für Heteromänner."

OK, got it.
Interessanter Einblick in die Perspektive der schwulen Berliner Subkultur: Die Namen der schwulen Sportvereine sind irgendwie™ kacke, also holen wir uns im Dampfbad des Studios gegenseitig einen runter, weil muss jetzt echt mal sein. Die lesbischen unmd heterosexuellen Minderheiten werden vor Ausrutschen auf schwul-subversivem Bodensperma durch Einrichtung von Fitness-Reservaten geschützt. Macht Sinn. :p