Digitale Familie Wir fühlen uns so Top Gun

© Marin Majica
Aus der Serie: Beziehungen

Vier Rotoren schlagen krachend auf den Boden, Plastikteile fliegen davon, Elektromotoren jaulen auf, Stille. Kein schöner Anblick, so ein Drohnencrash. Der Besitzer der Phantom 3 schaut schockiert zu seinem Fluggerät. Wir fühlen mit ihm, Solidarität unter Piloten. Andererseits sind wir auch dankbar für ein bisschen Action. Allzu viel hatten wir davon noch nicht an diesem Sonntagnachmittag auf der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst.

Mein Freund, zwei meiner Jungs und ich sind hierher gekommen, um bei den ersten DroneMasters dabei zu sein, einem Drohnen-Wettfliegen. Wir als Neueinsteiger auf diesem Gebiet haben uns viel versprochen von dem Event. Doch draußen bläst ein heftiger Wind über das weite Rund der Rennbahn, weshalb nur drinnen gestartet werden kann. In der Halle, wo sonst die Wettscheine verkauft werden, ist ein Hindernis-Parcours mit Stangen und Bögen aufgebaut. Das erinnert mehr an einen Verkehrsübungsplatz für Grundschüler: immer schön langsam fliegen und Schulterblick nicht vergessen. Von irgendwoher kommt trotzdem schon wieder das kreischende Geräusch eines Absturzes.

Wir beobachten die Leute, mit denen wir neuerdings eine Leidenschaft teilen. Aufgeregte Tüftler, die ihre Flugmaschinen selbst zusammengelötet haben und die ihre trudelnden Kisten immer wieder über den Parcours jagen. Angeber, die ihre Fernsteuerung samt iPad stolz in Fernsehkameras halten. Und Profis, die ihre superschnellen Renndrohnen über Datenbrillen steuern. Cyberpunk trifft Physik-Leistungskurs.

Ich muss daran denken, wie mein Freund und ich vor ein paar Tagen in unserer Lieblingsbar standen. "Und ihr beide seid jetzt Drohnenpiloten oder was?" fragte uns eine Freundin, sie hatte Fotos und Videos von unseren ersten Flugversuchen auf Facebook gesehen. Ich hielt ein Bier in der Hand und fand, dass das eigentlich ziemlich cool klang, verwegen, so nach Top Gunund endlosem Himmel. Dann sah ich den Blick der Freundin. Sie schien eher die Frage in den Raum stellen zu wollen, ob zwei Männer um die Vierzig sich nicht vielleicht ein altersgemäßes Hobby suchen sollten. Theater, Kochen, Segelboote, Sportwagen, so etwas.

Unser neues Hobby sei aufregender als das, versuchte ich ihr zu erklären, und ganzheitlicher! Schließlich geht es um viel mehr als ein technisches Spielzeug, dessen Akku 23 Minuten Flugzeit verspricht und deren Kamera hochauflösende 4K-Bilder schießt. Diese Erleuchtung kam mir bei unserem ersten Testflug auf dem Berliner Teufelsberg: Früh am Morgen wegen des guten Lichtes irgendwo hinfahren, den Rucksack mit der Drohne schultern, zusammen mit den Kindern irgendwo hin- oder hinaufwandern, die Landschaft erkunden, am Boden und aus der Luft, gute Bilder finden und sich dabei selbst filmen – ein tolles Konzept. Familienausflüge mit fliegendem Selfie-Stick, den selbst der Neunjährige problemlos steuern kann. Und das Beste: Es ist neuerdings ganz einfach, die Jungs zu einem Ausflug ins Grüne zu überreden.

Unter der Woche sammeln wir Ideen für gute Locations, suchen auf Google Maps vielversprechende Lichtungen und leerstehende Ruinen und besprechen, ob wir trotz des Verbots auf dem Tempelhofer Feld fliegen sollten. Ich lerne auf Instagram fast täglich neue Piloten aus der ganzen Welt kennen, der Dreijährige will schon Kindergeburtstage schwänzen wegen der Drohne. Wenn das Wetter zu schlecht ist, fahren wir eben zu den DroneMasters, stehen wie beim Fußball auf der Tribüne, reden nicht viel, essen Bratwurst und schauen Drohnen beim Fliegen und Abstürzen zu. Male Bonding unter Nerds.

In der Halle haben sich an diesem Sonntag doch noch eine Handvoll Piloten gefunden, um ein Rennen zu fliegen. Die Jungs vergeben Spitznamen, damit es spannender wird. Der "Poser" fliegt als erstes und ängstlich wie ein Häschen. Der "Nervöse" kriegt seine Drohne tatsächlich noch in die Luft und fast ohne Bauchlandung ins Ziel. Der "Sunnyboy" crasht und ist raus. Der "Killer" ist ein stiller Junge, aber ein echter Han Solo des Drohnenfliegens mit halsbrecherischen Manövern, das ist spannender als Kino. Am Ende gewinnt der "Killer", nach dem Rennen ist er umringt von Fans, während wir uns zufrieden auf den Heimweg machen. Auf der Fahrt beraten wir, ob wir mit unserer Drohne nicht doch noch kurz irgendwo aufsteigen sollen, aber es hat keinen Sinn, der Wind ist zu stark. Wir versuchen es nächste Woche wieder, im Himmel über Berlin. Und zu Weihnachten wünschen wir uns alle nur noch Akkus.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren
Kabelbrand Höllenfeuer
#2  —  9. September 2015, 10:15 Uhr

Auf dem Tempelhofer Feld sind Drohnen verboten? Ich sehe dort ständig welche und die fliegen auch nicht an der Stelle, wo auch die Modellflugzeuge starten, sondern surren bevorzugt über den Wegen, wo Radler und Jogger ihren Sport machen.
Ansonsten sind Drohnen irgendwie elektrische Eisenbahn 2.0 und muss man wirklich jeden umweltverseuchenden (Herstellung, Plastik, Kleber, Akkus) und auf Billiglohn basierenden Schrott kaufen, insbesondere wenn es sich um Spielzeug handelt?
Wenn die Kinder nur mit einer Drohne ins Freie gelockt werden können, ist übrigens sowieso schon vorher eine Menge schiefgegangen.

Zu Ihrer Frage, bei der Grün Berlin GmbH heißt es: Es gibt den kleinen Teil des Feldes, auf dem das Fliegen (mit Drohnen oder Modellflugzeugen) geduldet wird. Überall sonst verstößt es gegen die Parkordnung und wird im Zweifel als Ordnungswidrigkeit geahndet. Über einem kleineren Teil des Geländes liegt aber wiederum noch die Bannmeile des Bundestages, und hier stellt das Fliegen sogar eine Straftat dar. Filmaufnahmen bedürfen außerdem einer vorherigen Genehmigung.

Schoener Artikel, macht Lust auf mehr!

Ich war schon als Kind ein Fan von ferngesteuerten Autos, die neuen Drohnen sind ein wahrgewordener Kindheitstraum. :)

Leider sind sie auch sehr teuer, die 500€+ werde ich mir wohl erst naechstes Jahr leisten koennen.

An meinen Vorposter, den Vergleich zur elektrischen Eisenbahn finde ich gar nicht schlecht. Etwas das die ganze Familie generationen uebergreifend zusammenbringt.
Die anschliessende Schwarzmalerei kann ich aber nicht nachvollziehen.