Andersrum ist auch nicht besser Und wer ist bei euch der Mann?

Aus der Serie: Beziehungen

Individualität gelingt nur Einsiedlern. Und Singles, sofern sie keine Tiere haben. Für alle anderen gilt: Wesen, die viel Lebenszeit miteinander verbringen, werden sich zunehmend ähnlicher. Im Äußeren, im Inneren, unabhängig davon, ob Mensch mit Mensch oder Mensch mit Tier, egal ob leidenschaftliche oder platonische Liebe – wenn die Nähe stimmt, nähern sich die Geschmäcker an. Älterwerden macht es nicht besser. Lesbischsein auch nicht.  

Es gibt Menschen, die behaupten, alle Lesben sähen ohnehin gleich aus. Das ist natürlich Unsinn. Wobei es durchaus welche gibt, die sich problemlos gegeneinander austauschen ließen, ohne dass es auf den ersten Blick auffallen würde. Weil sie den gleichen Haarschnitt, die gleichen Klamotten und den gleichen Gesichtsausdruck tragen. Aber das lässt sich auch über Red-Carpet-Reporterinnen und It-Girls sagen. Man kann das auf gesellschaftliche Standards und Szenecodes zurückführen oder auf den Wunsch, normgerecht aufzufallen. Aber das geheimnisvolle und schleichende Entstehen einer zwillingsgleichen Ähnlichkeit ist eine ganz andere Sache.

Streng genommen bezeichnet der Begriff Symbiose die "Vergesellschaftung von Individuen zweier unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist".  Auf dieser Beziehungsform fußt das gute alte Patriarchat seit Jahrtausenden. Das Prinzip des gegenseitigen Voneinander-Profitierens von Muräne und Putzer-Garnele ist dem der durchschnittlichen Steinzeitgesellschaft gar nicht so unähnlich. Männchen jagt, Weibchen macht die Höhle sauber, dafür hält Männchen die Feinde fern und Weibchen stellt Blumen auf den Tisch. Umgangssprachlich hat sich der Begriff für alles durchgesetzt, was zu einer Einheit verschmilzt und ohne einander nicht mehr gedacht werden kann. Was sich zeitgeistig in Äußerlichkeiten manifestiert. Worin sonst?

Dass der symbiotische Look Homos schneller ereilt als Heteros liegt – Freunde von Biologismen dürfen sich die Hände reiben – an den physiologischen Grundvoraussetzungen. Außerdem verlieben sich Menschen gerne in Leute, die ihren eigenen Idealen nahekommen. Und da hat sich das mit den Biologismen dann auch schon erledigt, denn Ameise und Blattlaus mögen eine fruchtbare Symbiose sein – ähnlich sehen sie sich nicht. Lesbische Symbiosen schon. Was an der Liebsten toll aussieht, will eine selbst auch haben und dank oft ähnlicher Schuh- und Konfektionsgrößen sind Kleidung, Schuhe und Attitüde schnell ausgetauscht.

Klar, Heteros können das auch. Aber kein heterosexueller Mann zwängt sich in die Skinny-Jeans seiner Freundin, und auch die Boyfriendvariante des Girlfriends ist in den seltensten Fällen aus seinem Kleiderschrank entliehen. Eine Hetero-Frisurendoublette geht nur, wenn man Brad Pitt heißt und Gwyneth Paltrow, Jennifer Aniston, Angelina Jolie an seiner Seite hat. Lesben hingegen sehen sich schneller ähnlich, weil sie es leichter haben mit dem Lookalike – und werden dabei nur von Schwulen getoppt. Bei denen sind die Szenecodes markanter. Ein Lederkerl sucht sich selten einen schlaksigen Indieboy, der wiederum auch lieber mit seinesgleichen als mit haarigen Daddybären symbiotisiert.  

Abgesehen von ihrer Sichtbarkeit sind sich Homo- und Heterosymbiosen aber erstaunlich ähnlich. Die Paare nennen sich Hasi und Hasi und sprechen ausschließlich in der ersten Person Plural von sich. Und der Partnerlook in Outdoormode ist bei Lesben wie bei dem Ehepaar Merkel und Sauer gleichermaßen beliebt. Darüber hinaus haben Heteros aber deutliche Vorteile in der Verschleierung ihrer Vergesellschaftung – den Rollenklischees sei Dank. Schon die Wahl zwischen Herren- oder Damenbrille, fragilem Ohrring oder schwerer Armbanduhr, zwischen Anzug oder Kleid, Coloration oder Grauhaar zementiert die Unterschiede.

Und wir so? Müssen, neben der biologischen Ähnlichkeit, gegen eine weitere Symbiotisierungsgefahr ankämpfen. Dem einer gleichgeschlechtlichen Beziehung inhärenten Verständnis für das seelische Grundgerüst der Geliebten. Wir haben die Hürden weiblicher Sozialisierung genommen, kennen die Stolpersteine der Rollenerwartungen und müssen uns gegenseitig nicht erklären, warum einmal im Monat der Schokoladenkonsum steigt und das Nervenkostüm dünner wird. Wir wissen es einfach. Das schafft eine Form von Nähe, die unbewusst auch nach Außen drängt. 

Als Individualistin kann man dagegen kämpfen. Oder aufgeben, aufgeben ist auch eine Lösung. Das Verschmelzen zulassen und gut ist es. Es hat sogar eine gesellschaftspolitische Dimension, wenn der Neid auf die Möglichkeiten lesbischer Girlfriendjeans oder -shirts bei Partnerinnen zum regelmäßigen Kleidertausch führt. Weil auf Familienfesten hübsche Verwirrung herrscht, wenn keiner mehr auf den ersten Blick weiß, mit wem über die neuesten Rezepte und mit wem über Technikspielereien geplänkelt werden muss. Und das Beste ist: Die nervtötende Frage nach dem Wer ist denn bei euch der Mann? erübrigt sich gleich mit. Die Antwort lautet, unisono und wie immer: Wir.

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