"Tatort"-Kritikerspiegel Der Schmerz der anderen

© SWR/Stephanie Schweigert
Dieser "Tatort" stellt große Fragen: nach Liebe, Familie, Selbstjustiz und Tod. Für junge Eltern kaum auszuhalten, für die Kritiker eine gern gesehene Herausforderung.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Irgendwie kann man Selbstjustiz ja auch verstehen. Die Filmemacher zeigen ein Ehepaar, das die Vergewaltigung und den Mord ihrer Tochter rächt, und verlieren sich riskanterweise in den Ambivalenzen des Stoffes.

Lars-Christian Daniels: Trautes Heim, Glück allein – diese Zeiten sind im Stuttgarter Tatort vorbei. So ist auch das einleitende Vater-Tochter-Glück von Hauptkommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) und Tochter Maja (Miriam Joy Jung) nur von kurzer Dauer. Die Kleine wird entführt. Bremsten die mal mehr, mal weniger harmonischen Familienszenen den Krimi aus dem Ländle früher oft aus, bildet das gemeinsame Bangen von Bootz und Ex-Frau Julia (Maja Schöne) diesmal das emotionale Epizentrum der Geschichte.

Joachim Huber: Wer entscheidet darüber, ob die Rettung eines Menschen das Opfer eines anderen Menschen bedeuten darf?

Kirstin Lopau: Willkommen in der Ethik-Vorlesung: Ein Mann entführt Ihre Tochter und stellt als Forderung die Übergabe eines Verbrechers, der am Tod der Teenager-Tochter des Entführers nach erlittener dreitägiger Quälerei verantwortlich ist. Er stellte davon einen Film und etliche Fotos ins Internet. Sie sind bei der Polizei und könnten einen Austausch arrangieren. Sie wissen, dass der Verbrecher nach dem Austausch getötet wird. Sie wissen auch, dass der Entführer mit der Tötung Ihrer Tochter droht, wenn Sie nichts tun. Was tun Sie?

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 3 Punkte

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte

Joachim Huber: Thorsten Lannert (Richy Müller) 8 Punkte, Sebastian Bootz 8 Punkte

Kirstin Lopau: Bootz selten so emotional, fast gebrochen, und am Ende zurück auf dem richtigen Weg: 9 Punkte. Lannert etwas ruhiger diesmal, "verrät" seinen Freund und Partner, um ihm zu helfen und steckt dafür einiges ein: 8 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Sagt der Rächervater zum Folteropfer: "Ich bin Arzt. Das heißt aber auch, dass ich mich in Anatomie gut auskenne. Die neuralgischen Punkte des Schmerzes."

Lars-Christian Daniels: "Wenn ihr auch nur irgendetwas passiert, Thorsten, dann werden wir nicht mehr die Alten sein", fährt Bootz seinen Kollegen bei einer gemeinsamen Autofahrt in Lannerts Porsche an. Der gibt die passende Antwort: "Das sind wir jetzt schon nicht mehr." Das Vertrauensverhältnis der Stuttgarter Kommissare wird in diesem packenden Krimidrama in seinen Grundfesten erschüttert – und der genannte Dialog bringt das perfekt auf den Punkt.

Joachim Huber: Es sind stets die Momente, in denen Väter – Lannert, Bootz, Frank Mendt – über den möglichen und tatsächlichen Verlust der Töchter reden, streiten, schreien.

Kirstin Lopau: Lannerts vermeintlicher Verrat seines Partners vor den Kollegen, gefolgt vom totalen emotionalen Zusammenbruch von Bootz. Lannert ist sich sicher, dass dieses Ereignis ihre Freundschaft verändern wird. Insgesamt spielt der Tatort mit den Fragen um Schuld und Sühne, um Selbstjustiz und Gerechtigkeit und mit der Frage, wie man nach dem schlimmsten Verlust, dem des eigenen Kindes, weiterleben kann. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Für junge Eltern ist dieser Tatort kaum auszuhalten.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: "War er da schon tot?" So Kommissar Lannert, als ein Forensiker ihm sagt, dass ein Müllmann einen Toten im Abfall gefunden hat. Was für eine Frage: Ja, hätten sie den Mann denn liegen gelassen, wenn er am Leben gewesen wäre?

Lars-Christian Daniels: Als Bootz von der Entführung seiner Tochter erfährt, versucht er zunächst, das vor seinen Kollegen geheim zu halten – was ihm angesichts seines desolaten mentalen Zustands mehr schlecht als recht gelingt. Doch schöpfen die Kollegen im Präsidium Verdacht? Keine Spur. Insbesondere Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) scheint wirre Fahndungstaktiken, plötzliche Schweißausbrüche und permanente Telefonate im Nebenzimmer von ihrem Ermittler gewöhnt zu sein und schenkt sich in Seelenruhe einen Kaffee ein.

Joachim Huber: Ich konnte keinen entdecken.

Kirstin Lopau: Ich konnte keinen entdecken.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 2 Punkte

Lars-Christian Daniels: 7-8 Punkte

Joachim Huber:  Ehrliche 9 Punkte

Kirstin Lopau: Eindringlich 8 Punkte

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