"Tatort"-Kritikerspiegel: Leider wahr

© NDR/​Alexander Fischerkoesen
Der letzte gemeinsame Fall des Ermittlerduos Falke und Lorenz erinnert an einen wahren Fall: Ein Asylbewerber verbrennt in seiner Zelle. Der "Tatort" im Kritikercheck
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Lasst uns Tacheles reden. Dieser Tatort über Polizeigewalt gegen Flüchtlinge ist nach einem wahren Fall erzählt und bringt die schwierige Gemengelage aus latentem Rassismus und massiver Behördenüberforderung auf den Punkt.

Lars-Christian Daniels: Ein grausamer Mord an einem unschuldigen Asylbewerber, dem die Kommissare Kontakte zu Schleusern unterstellen: Dieser Tatort trifft mal wieder den Nerv der Zeit. Dabei liegt die Vorlage für die Folge Verbrannt bereits zehn Jahre zurück: Drehbuchautor Stefan Kolditz arbeitet den realen Fall von Oury Jalloh aus Sierra Leone auf, der 2005 in einer Dessauer Gefängniszelle verbrannte.

Kirstin Lopau: Selten war ein Tatort so aktuell und brisant: Rassismus in Deutschland scheint allgegenwärtig, die Tristesse in Asylbewerberwohnheimen ist erschreckend – und Vorsicht vor kleinen Männern, insbesondere, wenn sie sich für Hagen halten.

Markus Ehrenberg: Es gibt institutionellen Rassismus in Deutschland, als zugespitzte Form des Rassismus in der Gesellschaft, vor allem bei der Polizei.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke: 5 Punkte, Petra Schmidt-Schaller als Kommissarin Lorenz: 6 Punkte. Rabiat zum Auftakt, nachdenklich im Mittelteil, kitschig beim Abgang.

Kirstin Lopau: Beide 8 Punkte.

Markus Ehrenberg: 8 Punkte. Schade, dass Petra Schmidt-Schaller gehen will. Man hatte sich gerade an sie gewöhnt.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Ermittlerin Lorenz auf einer Grillparty von eingeschworenen Streifenpolizisten: allein unter Bullen.

Lars-Christian Daniels: "Hier geht jeder für jeden durchs Feuer", dudelt Andreas Bouranis WM-Hit Auf uns bei einer Polizei-Grillfeier. Ein ebenso doppeldeutiges wie bitterböses Detail, das aufmerksamen Zuschauern auf Tätersuche nicht entgehen dürfte.

Kirstin Lopau: Keine Lieblings-, aber die erschütterndste Szene: "Hagen" hält vor seinen Männern eine ironische Rede: "Gibt mir ein gutes Gefühl, dass hier ein Afrikaner mehr wert ist als ein junger deutscher Polizist, der Tag für Tag den Kopf hinhält für unsere Demokratie." Ebenso widerlich ist Black Magic Woman als Soundtrack zum fröhlichen Grillen, kurz nachdem ein Afrikaner in seiner Zelle verbrannt ist. Perverser geht es nicht mehr. Falke erkennt ganz richtig: "Was ist denn das für ein Sumpf hier?" Dieser Tatort macht betroffen und war emotional kaum auszuhalten für mich. Das ist in diesem Fall ein Qualitätsmerkmal! Meine Lieblingsszene: Falkes Abschied von Lorenz. Offensichtlich mochte er sie mehr, als wir dachten. Ich werde sie auch vermissen.

Markus Ehrenberg: Der Kleinstadtpolizist Mutlu beschreibt der gebürtigen Hamburgerin Lorenz, was sich bei ihm zu Hause in der niedersächsischen Provinz ereignet: "Der Bäcker ist jetzt Türke, die Kneipe heißt Platon 3, das ist keine Heimat mehr."

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Dieses Rumlavieren zwischen Falke und seiner Kollegin Lorenz, weil sie mal was miteinander hatten. Habt Euch nicht so, wir sind doch alle erwachsen!

Lars-Christian Daniels: Im Schlussdrittel bricht sich der Frust der niedersächsischen Beamten Bahn, ständig "den Dreck" der Bundespolizei "wegmachen" zu müssen: Leider gipfelt das Ganze in einer übertriebenen Referenz auf Siegfried-Mörder Hagen von Tronje aus der Nibelungensage, die man keinem der Beteiligten wirklich abkauft.

Kirstin Lopau: Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Bauernopfer wirklich erschießen musste.

Markus Ehrenberg: Die Musik auf der Grillparty bei den, um es vorsichtig zu sagen, dem Rassismus nicht gerade abgeneigten Polizisten: Black Magic Woman.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte.

Kirstin Lopau: Aktuell und verstörend: 8 Punkte.

Markus Ehrenberg: 9 Punkte. Der beste, weil aufrüttelndste Fall dieses Ermittlerduos. Beruhend auf einer wahren Geschichte.

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren
Lampyridae
#1  —  11. Oktober 2015, 17:40 Uhr

Beim wahren Fall scheiterte die Verurteilung der Polizisten daran, dass die ermittelnden Polizisten die Spurensicherung völlig verpfuschten und die beschuldigten bzw. als Zeugen zu vernehmenden Polizisten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machten bzw. unter kollektiver Erinnerungsschwäche litten.
So blieb es bei einer symbolischen Verurteilung eines Polizisten wegen Fahrlässigkeit.

Ernuwieder1
#2  —  11. Oktober 2015, 18:30 Uhr

Die Polizei hat einen schwierigen Balanceakt zu bewältigen.

Einerseits darf sie natürlich nicht rassistisch sein, andererseits ist die Kehrseite der Medaille, daß "nichtrassistischen" Polizisten die Hände gebunden sind, eben weil ständig das Damoklesschwert des Rassismusvorwurf über ihrer Arbeit schwebt.
Hier ein Alarmruf einer Polizistin, die beklagt, daß der Staat sein Gewaltmonopol nicht mehr einnehmen kann:
http://www.deutschlandfunk.d…
Die Polizeiarbeit ist eben nicht immer einfach, man hat es eben auch oft mit unangenehmen, gewaltbereiten und gefährlichen Menschen zu tun.

Insofern wäre es eine Win-win-Situation für alle, wenn mehr Polizisten mit Migrationshintergrund eingestellt würden, mit möglichst vielen verschiedenen Herkünften: Das bietet einen gewissen Schutz vor polizeiinternem Rassismus und Korpsgeist, entkräftet aber auch den Rassismusvorwurf, der immer schnell bei der Hand ist, wenn die Polizei sich mal gegen ausländische Banden durchsetzen muß. Und es schafft Arbeitsplätze, sorgt für mehr Sicherheit auf den Straßen, bekämpft Kriminalität und hilft bei der Integration von Zuwanderern in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Es wäre gut investiertes Steuergeld.

Also wer dieses "den Boden ebnen" nicht versteht, der hat aufgehört zu denken! Soll die Gesellschaft auf diese weise neu sensibilisierst werden und grundsätzlich die zügellose Asylflut gerechtfertigt werden? Propaganda vom feinsten! Vor wenigen Tagen gibt der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft ein sehr kritisches Interview zum Thema Asyl und nun muss was gegen die Polizei getan werden?! Woher kommt eigentlich die Annahme, das Fremde sei generell "gut" oder sogar "besser"?

Na das sind ja Verschörungstheorien der extra Klasse, gratuliere! Der Drehbegin dieses Tatorts war Anfang Novemver letzten Jahres, das Drehbuch wird mit Sicherheit schon eine ganze Weile vorher gestanden haben.
Aber nein, das haben die Systemmedien mal innerhalb weniger Tage aus dem Hut gezaubert um einen tapferen Polizeivertreter zu diskreditieren, na klar. Das dieser Fall komplett an die realen Geschehnisse um Oury Jalloh angelehnt ist macht ihre Theorie nur umso absurder.

Ps: Wo wird denn im Tatort oder in den Kommentaren auch nur im Ansatz angedeutet dass "das Fremde generell besser sei"?