Stalking "Der Stalker sucht eine Beziehung zum Opfer"

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Wie wird ein Mensch zum Stalker? Wo verläuft die Grenze zu Mobbing? Der Psychotherapeut Wolf Ortiz-Müller über die Tätermotive und die Versuchung digitaler Kontrolle. Interview:

ZEITmagazin ONLINE: In Arnsberg wurde gerade eine Rentnerin freigesprochen, die einen Pfarrer fast 15 Jahre gestalkt hat. Laut Gericht ist sie schuldunfähig. Es ist nur einer von mehr als 20.000 Fällen, die jährlich bei der Polizei angezeigt werden. Sie führen nur sehr selten zur Anklage und noch seltener zu einer Verurteilung. Warum ist es so schwierig, die Täter zu bestrafen?

Wolf Ortiz-Müller: Im Nachstellungsgesetz, das vor acht Jahren verabschiedet wurde, heißt es, dass die Lebensgestaltung des Opfers "schwerwiegend beeinträchtigt" sein muss. Das ist ein offener Rechtsbegriff. Die einschlägigen Gerichtsurteile haben die Messlatte sehr hoch gelegt: Erst wenn jemand den Arbeitsplatz wechselt oder umzieht, könne man von einer "schwerwiegenden Beeinträchtigung" sprechen. Nicht aber, wenn der Täter dem Opfer dauernd SMS schickt oder vor der Haustür Ansprachen hält.

ZEITmagazin ONLINE: Welche psychologischen Folgen kann Stalking haben?

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Ortiz-Müller: Menschen, die gestalkt werden, erleben innere Unruhe, Ängste, viele entwickeln Schlafstörungen oder Depressionen. Je nach Ausmaß des Stalkings kann es auch zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung kommen, sodass jemand permanent unruhig ist, bestimmte Orte meidet und immer wieder durch Flashbacks an besonders zudringliche Handlungen denken muss.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt ähnlich wie die Folgen, die Opfer von Mobbing haben. Wo verlaufen da die Grenzen?

Ortiz-Müller: Die Folgen können sich ähneln, aber die Intentionen sind ganz unterschiedlich: Bei Mobbing geht es darum, jemanden aus dem Kollegen- oder Freundeskreis hinauszudrängen. Der Stalker hingegen sucht die Beziehung zum Opfer, obwohl es nicht will. 

ZEITmagazin ONLINE: Sie leiten eine Einrichtung, in der Stalker Hilfe suchen können. Was sind das für Menschen, die zu Ihnen kommen?

Ortiz-Müller: Sie sind sehr unterschiedlich. Das Ex-Partner-Stalking macht fast die Hälfte aller Fälle aus. Dann gibt es den Fan, der sich eine Beziehung zu einem Prominenten vorstellt, obwohl es dafür keine reale Grundlage gibt. Oft gibt es auch den Stalker, der eine Beziehung sucht, aber sozial inkompetent ist: Schon ein freundliches Lächeln interpretiert er als Aufforderung, weiter nachzuhaken. Er unterscheidet sich deutlich von dem rachsüchtigen Stalker: einem Patienten, der sich von seinem Arzt schlecht behandelt fühlt oder einer Studentin, die mit ihrem Professor noch eine Rechnung offen hat.

ZEITmagazin ONLINE: Wie wird man zum Stalker?

Ortiz-Müller: Zum Stalker wird man, wenn man ein geringes Selbstwertgefühl hat. Wenn man nach einer Trennung das Gefühl hat, keinen anderen Partner mehr zu finden und meint, mit allen Mitteln um die Beziehung kämpfen zu müssen – auch wenn dabei die Grenzen des anderen überschritten werden. Viele Stalker können mit Kränkungen nicht umgehen, weil es ihr narzisstisches Selbstbild bedroht.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben also einerseits einen Stalker, der ein schwaches Selbstwertgefühl hat, und andererseits ein Opfer, das sich regelrecht terrorisiert fühlt. Wie paradox, dass ein schwacher Mensch über einen anderen so eine Macht erringen kann!

Ortiz-Müller: Jeder Stalker sucht sich irgendeine moralische Rechtfertigung für sein Handeln. Manche sagen: Die soll ruhig mal spüren, wie es mir immer geht. Oder: Eigentlich will sie mich ja doch noch. Oder: Das, was er oder sie mir angetan hat, kann ich nicht ungesühnt lassen.

ZEITmagazin ONLINE: Durch das Internet verwischen die Grenzen zwischen Nähe und Distanz. Auf Facebook sieht man auch nach der Trennung, was die Ex-Freundin macht. Vergrößert das die Gefahr, gestalkt zu werden?

Ortiz-Müller: Das hängt davon ab, wie sich diese im Netz präsentiert. Es ist ja nicht verboten, zu gucken, was jemand auf Facebook macht. Aber es vergrößert die Versuchung, immer wieder nachzuschauen, ob es Neues von der ehemaligen Partnerin gibt. Das kann zu einer suchtartigen Kontrolle werden und in Stalking münden, wenn man sieht: Da gibt's einen neuen Freund.

ZEITmagazin ONLINE: Was kann man tun, wenn man gestalkt wird?

Ortiz-Müller: Es ist wichtig, sich deutlich abzugrenzen. Man muss dem Stalker einmal sagen: Ich will auf keinen Fall von dir kontaktiert werden, und ich werde auf deine Kontaktversuche nicht eingehen! Für viele Betroffene ist es schwer, dabeizubleiben und nicht aus Mitleid doch einmal zu reagieren. Aber das wirkt wie eine Belohnung. Der Stalker denkt dann: Beim letzten Mal hat's 50 E-Mails gebraucht, dann muss ich dieses Mal nur dranbleiben und irgendwann wird er oder sie mir schon wieder antworten.

Leseraufruf

Stalking ist seit acht Jahren ein Strafbestand. Aber die Fälle landen selten vor Gericht. Im Jahr 2013 wurden nur zwei Prozent der mutmaßlichen Täter angeklagt, weniger als ein Prozent wurde verurteilt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Opfer nicht nur belegen müssen, dass sie über einen längeren Zeitraum auf verschiedene Arten belästigt wurden; sie müssen vor allem beweisen, dass diese Belästigungen ihre Lebensführung schwerwiegend beeinträchtigt haben. Das ist eine recht umstrittene Bedingung des Paragrafen 238 im Strafgesetzbuch – eine Onlinepetition, die zu seiner Verschärfung aufruft, hat bereits 85.000 Unterzeichner.

Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Stalking gemacht? Haben Sie versucht, sich dagegen zu wehren? Waren Sie erfolgreich damit? Oder haben Sie selbst jemanden gestalkt und sind bereit, uns davon zu erzählen? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an stalking@zeit.de.

Wir veröffentlichen Ihre Geschichte auf ZEIT ONLINE. Ihre Einsendung wird vertraulich behandelt. Wenn Sie es wünschen, bleiben Sie bei der Veröffentlichung Ihres Beitrags anonym.

Kommentare

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Hallo,
Keine Ahnung ob auf dieser Seite noch Fragen beantwortet werden.
Ich versuche es einfach.
Seit Mitte letzten Jahres erhalte ich ständig irgendwelche Briefe. In denen heißt es ..Er wüsste immer wo ich bin. Diese Nachrichten hängen immer am hinteren Nummernschild meines Autos. Der letzte Brief war sehr beängstigend,darin stand ..Ich zitiere : bald ich holen dich, meine Cousins helfen mich dabei. Bisher sind seit dem einige Wochen vergangen. Ich weiß jetzt das ich alles hätte aufheben müssen, am Anfang war es für mich lächerlich. Mittlerweile habe ich einfach nur Angst. Meine Freunde wissen davon. Solange aber nichts passiert kann ich da nichts machen. Mein Ex ist es nicht denn dies klingt eindeutig nach einem Neubürger. Seit Juni 2016 wohne ich jetzt in meiner neuen Wohnung zusammen mit meiner Tochter.
Ich hoffe das er endlich mal vor mir steht, denn für mich sind das leere Drohungen.