"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Die gerechte Strafe

© BR/Wiedemann & Berg Television & Co. KG/Philipp Haberlandt
Ein Mann bringt sich in seiner Zelle um. Hanns von Meuffels hat ihn in den Knast gebracht. Zu Unrecht? Ein Krimi über Schuld und Sühne und die Macht der Abbitte
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Lasst uns die Krimi-Logik auf den Kopf stellen! Im neuen Polizeiruf versucht der Mörder zu beweisen, dass er die Tat begangen hat, und der Kommissar versucht zu beweisen, dass der andere unschuldig ist. Ein komplexer Schuld-und-Sühne-Krimi, der in jedem Moment aufgeht.

Lars-Christian Daniels: Eine gute Geschichte, zwei starke Hauptdarsteller und ein wenig Sommermärchen: Manchmal braucht es gar nicht mehr für einen tollen Polizeiruf, der bis zum Finale mit Überraschungen aufwartet.

Markus Ehrenberg: Sich sein eigenes Versagen, seine eigene Schuld einzugestehen, ist der erste Schritt zur Vergebung. Das gilt auch für den Kommissar. Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) trägt offenbar Mitschuld am Schicksal eines Häftlings, der seit zehn Jahren für den Mord an einer 16-Jährigen einsitzt und in seiner Zelle erhängt aufgefunden wird. 

Kirstin Lopau: "Wer gibt mir die Strafe, die ich verdiene?" – "Vielleicht ist es Ihre Strafe, frei zu sein." Ein Polizeiruf über Mord und Sühne, Schuld und Abbitte, diesmal Krimi-untypisch andersherum: Der Mörder versucht den ganzen Polizeiruf über den Kommissar von seiner Schuld zu überzeugen. Leider quälend langweilig.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 9 Punkte

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte

Markus Ehrenberg: 9 Punkte: Erst arrogant, muffelig, dann väterlich, weinend, verzweifelt, kotzend – wer meint, diesen Hanns von Meuffels und seine Arbeit kennengelernt zu haben, wird immer wieder überrascht. Ein Mann ohne Eigenschaften, eine gute Redaktion. Eine Figur wie geschaffen für Matthias Brandt

Kirstin Lopau: Von Meuffels fast durchgängig mit demselben Gesichtsausdruck. Nur am Ende kann er auch Emotion: 3 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der selbsternannte Mörder zum Kommissar: "Waren sie mal dabei, als ein Mensch gestorben ist?" Auch wenn man nicht allen Aussagen des Mannes trauen kann: Seine aufgerissenen Augen können nicht lügen, sie müssen das Grauen gesehen haben.

Lars-Christian Daniels: "Aber Papa war nicht da. Papa hat Fußball geguckt."

Markus Ehrenberg: Der vermeintliche, um Sühne, um Erlösung winselnde Täter und der Vater des getöteten Mädchens stehen sich im Dunkeln in dessen Garten gegenüber. Was wird passieren?

Kirstin Lopau: Die Handlung plätschert so dahin wie der See, an dem der Mord 2006 geschah. Eine ausgesprochene Lieblingsszene hatte ich nicht. In all dieser Langeweile war das offene Ende vielleicht noch das Beste, weil man im Unklaren gelassen wird. Aber sonst? Gähn!

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Vielleicht noch am ehesten die Szene, in der der selbsternannte Mörder sein religiös motiviertes Handeln erklärt: "Sich seine eigene Schuld einzugestehen, ist der erste Schritt zur Vergebung." Diese Erklärung hätte dieser klug erzählte und gefilmte Krimi eigentlich gar nicht nötig.

Lars-Christian Daniels: Wer bei Heintje-Songs Ohrenschmerzen kriegt, sollte bei diesem Polizeiruf gelegentlich etwas leiser drehen. Immerhin: Mama bleibt dem Zuschauer erspart. Und das, obwohl bei der Mutter des vermeintlichen Frauenmörders Tim Haffling (Sebastian Griegel) sogar ein Heintje-Bild zwischen den Familienfotos hängt.

Markus Ehrenberg: Nichts ist hier peinlich, dafür pointiert. Ein Mann kommt ins Kommissariat und behauptet, ein Mädchen ermordet zu haben. Er will unbedingt mit Kommissar Meuffels sprechen. Er: "Ich habe Sie mir anders vorgestellt." Meuffels: "Das tut mir leid."

Kirstin Lopau: Die Fußballfans in der Rückschau sahen aus wie aus den Achtzigern entsprungen. Ausgesprochen peinlich war aber auch nichts.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 9 Punkte

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte

Markus Ehrenberg: Unkonventionelle Kamera, Schnitt- und Erzählform – der Münchner Polizeiruf mit Matthias Brandt bleibt einer der besten Krimis in Deutschland: 9 Punkte

Kirstin Lopau: 3 Punkte

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Gute geschichte. Möglicherweise auch ein gutes Drehbuch!
Die wahre gute und wichtige geschichten sind noch nicht gemacht.
Eignen sich die wahre geschichte für eine komerziale? Letzt endlich muß diese geschichte jemand abkaufen dafür bezallen wollen.
In wahrheit (und vor meine Erfarung her) Denke ich das kein Kommesar etwas gehrn eingestehen wurde.
Der system ist Kolektiv besezt.
Also weshalb Schuldgefülle?
Der Gericht hat den doch der letzte Word.
So lest sich auch eine verschmuzte Hand in Unschuld waschen.
Oder wird eine solches handeln als Feler betitelt der unvermeindluch bestandteil unseres Leben sein sollte. Und wir sind wieder bei der "0" grad
Mit verdrengen last sich beser Leben.

Von Anfang an Unfug!
Ein Unschuldiger wird verurteilt wegen Mord an einem 16jährigen Mädchen, dessen Leiche nie gefunden wurde? Die Mutter ist sogar davon überzeugt dass ihre Tochter noch lebt? Komisch! Ich habe immer gedacht: Wo keine Leiche, da auch kein Mord? Ob Polizeiruf oder Tatort und derzeit wie mit so vielem: Schlechte Recherche und Hauptsache irgendwas gesendet.

Warum soll es kein Mord ohne Leiche geben können? Genau dies wird gerade in Karlsruhe in einem Mordprozess verhandelt. Das ist zwar selten, aber es kommt vor. Ebenso wie es immer wieder zu falschen Geständnissen kommt.

Ich finde, es ist sehr gut gelungen, dies glaubwürdig zu machen. Der Knackpunkt war eine falsche Zeugenaussage eines Jungen, der nur dachte, etwas gesehen zu haben, weil er sich einen anderen Ablauf nicht vorstellen konnte. Das war gut inszeniert, der Film war weitgehend stimmig.