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"Tatort"-Kritikerspiegel "Wahrheit ist was für Arschlöcher"

Auch zum 25-jährigen Dienstjubiläum werden die "Tatort"-Kommissare Batic und Leitmayr nicht geschont. Dass die beiden in einem Mordfall ermitteln, löst eine Tragödie aus.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Lasst uns den Prostituierten Rumäniens, die in München anschaffen gehen müssen, eine Stimme geben. Das glückt leider nur halb. Zwar wird klug der bigotte Umgang mit osteuropäischen Sexarbeiterinnen gezeigt, das Drama um eine junge ausgebeutete Frau aus Bukarest aber ist wirr.

Lars-Christian Daniels: Filmemacher Max Färberböck und der Münchner Tatort – das passt einfach! Nach seinem herausragenden Tatort "Am Ende des Flurs", in dem 2014 beinahe ein Kommissar gestorben wäre, liefert der bayrische Autorenregisseur den nächsten Hochkaräter ab. Klasse Geschichte, starke Darsteller, stimmungsvoller Soundtrack und eine herausragende Bildsprache – in dieser feinen Kreuzung aus Whodunit, Melodram und Milieuthriller stimmt (fast) alles.

Joachim Huber: Das Böse in seinem Lauf halten weder Batic noch Leitmayr auf.

Kirstin Lopau: So ein 25-jähriges Dienstjubiläum muss man ja nicht feiern mit "so nem g'schissenen Champagner". Bei der Polizei reichen auch Espressi aus Pappbechern. Oder: Im Milieu gibt es keine echte Freundschaft. Auch nicht, wenn man sich noch aus Schultagen kennt.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 8 Punkte. Zu ihrem 25. Dienstjubiläum zeigen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl noch einmal, dass sie auch bei schwächeren Folgen das hohe Energielevel zu halten verstehen.

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte. Die diesmal abstinente Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner) hingegen vermisst man kein bisschen.

Joachim Huber: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) 8 Punkte, Ivo Batic (Miroslav Nemec) 9 Punkte.

Kirstin Lopau: Leitmayr ist kaum vorhanden, deshalb 2 Punkte. Batic, der "Batiboy", wirkt teilweise unheimlich und unsympathisch, deshalb 3 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Ein ehemaliger Zuhälter beschreibt dem Kommissar seine neue Funktion: Er sei ja nur noch Vermieter, und die Prostituierten freie Unternehmerinnen. So sieht er aus, der behördlich abgesegnete Rotlichtraubtierkapitalismus.

Lars-Christian Daniels: "Wie viel' Leut' hamma denn?", fragt Leitmayr (Udo Wachtveitl) vor einer großangelegten Recherche-Aktion, und erntet dafür von Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) blanken Sarkasmus: "Kalli 1, Kalli 2, Kalli 3...". Daraufhin Leitmayr: "Ja prima, mit dir zusammen seid ihr ja schon zu viert!" – Es spricht für das großartige Drehbuch, dass solch humorvolle Zwischentöne die dramatische Geschichte nie aus der Spur bringen.

Joachim Huber: Zum 25. Dienstjubiläum wird kein "gschissener Champagner" (Wachtveitl) kredenzt, sondern Espresso im Pappbecher.

Kirstin Lopau: Genau so dröge wie die Jubiläumsfeier im Revier ist dieser Münchner Fall. Hätte man den beiden nicht wenigstens heute zur Feier des Tages was Gutes mit frischen Dialogen auf den Leib schreiben können? So wie früher? Vielleicht hätte man zum 20-Jährigen auch einfach aufhören sollen. Einzig die Szene, in der eine Panzertätowierung auf dem besten Stück des Toten für Verwirrung und Bewunderung sorgt, rang mir ein müdes Lächeln ab.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Ein paar brutale Szenen werden mit dem melancholischen Indie-Rock von The National unterlegt. Tolle Musik – aber leider nicht in dieser Handlung. Emotionalisierungsterror pur.

Lars-Christian Daniels: Einen wirklich peinlichen Moment gibt es nicht, aber den verwöhnten Studenten im Designerpulli, der dank seiner schwerreichen Eltern nur aus Lust an der Freude studiert, hat man schon ein bisschen zu häufig gesehen. In diesem Tatort ist es der junge Markus Zöller (Vincent zur Linden), der sich den Kommissaren gegenüber stets untadelig gibt und es faustdick hinter den Ohren hat.

Joachim Huber: Einen peinlichsten Moment gibt es nicht. Dafür den Moment, der im deutschen Krimifernsehen stets peinlich ist: wenn die Oberschicht ein Verbrechen vertuschen will. Dann klirren erst die Gläser, dann scheppern die Dialoge und anschließend klappern die Figuren.

Kirstin Lopau: Batic schüchtert einen Zeugen ein: "...dann nehm ich Dich und reiß Dir das Herz raus" und setzt dazu einen irren Blick auf, den Hals fast bis zum Zerreißen angespannt.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 5 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Starke 8 Punkte.

Joachim Huber: Ehrliche 9 Punkte.

Kirstin Lopau: 4 Punkte.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Lars Christian Daniels könnte mal die Geschichte des Tatorts nacherzählen, ich habe sie nämlich an mehreren Stellen nicht verstanden. Aber er scheint ja alles gewuppt zu haben. Ich fand auch die Tonspur stellenweise so schlecht, dass ich dachte, ich hätte einen Hörschaden. Das ist natürlich auch schlecht, wenn man die Story verstehen möchte. Großartig waren ein paar Darsteller und ganz entsetzlich das Schicksal der zur Prostitution gezwungenen Frauen.

Ich hab tatsächlich alles gewuppt, habe den Tatort allerdings auch zweimal gesehen. Das trägt manchmal zum besseren bzw. vollständigen Verständnis bei. An dieser Stelle stelle ich aber die Frage, ob man denn immer alles in Gänze verstehen muss oder ob Dinge nicht einfach mal offen bleiben dürfen. Im Münchner Tatort "Der tiefe Schlaf" blieb sogar der Mörder geheim - bis heute eine der besten Tatort-Folgen. Der Unterhaltungswert eines Tatorts lässt sich an anderen Faktoren sicher besser messen.