Gesellschaftskritik Alternative für Dosenobst

© Wolfgang Rattay / Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Neulich als wir mit frisch erblühter Todessehnsucht über einen Streetfoodmarkt schlurften, entfuhr uns der ein oder andere Seufzer über den Reichtum des Lebens. Weil wir Konsumgören aber generell Wahlfreiheit, Vielfalt und reichhaltige Angebotspaletten zu schätzen wissen, präzisierten wir den nächsten Seufzer hinsichtlich des Wortes "Alternative", dem in vielen Zusammenhängen längst nicht mehr zu trauen ist.

Früher war das natürlich anders, als Musik von vom Leben gekränkten jungen Männern in Wollpullovern noch Alternative Rock hieß, der in alternativen Jugendzentren gespielt wurde, wo es nach veganer Bolognese roch, nach Schweiß und umgekipptem Bier und rieselnden Milben, aber das konnten wir verkraften, weil es besser war als das Konzert von Roland Kaiser in der Stadthalle nebenan.

Heute sind wir bei Alternativen kritischer. Denn das, was als Alternative beworben und angeboten wird, ist oft nur ein schnöder Ersatz, der an das, was man eigentlich wollte, nicht heranreicht. Man muss immer auf der Hut sein, wenn uns ein Verkäufer anjubelt, er habe zum leider schon seit Wochen ausverkauften Kaschmirmantel eine "schöne Alternative", weil man dann mit einem Blouson mit Adventure-Aufschrift das Geschäft verlässt und sich fragt, wie das passieren konnte. 

In anderen Fällen ist es ähnlich: Nehmen wir Fernbusse. Oder Stevia. Oder Umhängekeyboards. Oder Markus Lanz, den Polizeiruf und, da senken wir nun verschworen unsere Stimme: Dosenmandarinen. Dosenmandarinen sind nämlich zu gar nichts gut, sie sind klebrig und sie versauen jeden anständigen Käsekuchen. Vielleicht könnte Ai Weiwei, wenn er wieder sein minutenlanges Schweigen bricht, die weltweiten Dosenmandarinenbestände aufrüttelnd in ein Museumsfoyer kippen, dann hätten ja manche noch was davon.

Anderen Alternativen ist stets dann zu misstrauen, wenn sie mit den modischen Zusätzen "clever" oder "smart" oder "Deutschland" angepriesen werden, weil das oft Folgekosten im Kleingedruckten nach sich zieht. Besonders argwöhnisch sollte man ja ohnehin sein, wenn leuchtend "das ist mal was anderes" über etwas steht, oder dieser Satz anderweitig fällt, der besonders von Leuten leichtfertig gesagt wird, die gerne mal geistig ummöblieren oder aus "ihrem Alltag ausbrechen" wollen, unter dem sie eigentlich kaum leiden.        

Mit diesem folgenschweren Satz rechtfertigen Menschen dann Beschlüsse, derentwegen sie nun mit einer Reisegruppe 14 Tage das "Sauerland erkunden" oder "pfiffige" Frisuren tragen oder in ein morsches Gedankengebäude einziehen, in dem es zugig ist und kalt und, bis auf die neue Mitbewohnerin Frauke Petry, obendrein herzbitterlich einsam. Und vielleicht legt die Welt den Mal-was-anderes-Menschen dann die Hand auf die Schulter und sagt ein paar tröstende Worte, die wir allerdings aus Gründen der Diskretion jetzt nicht so genau wiedergeben möchten. Da hoffen wir nun auf Ihr Verständnis. Alternativ auch auf Ihr Entgegenkommen. Das sehen wir nicht so eng.

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