Gesellschaftskritik Sie sind die Besten!

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Während seines Besuchs in Hannover hat der US-Präsident Barack Obama der Bundeskanzlerin viele Komplimente gemacht: "Kanzlerin Merkel ist zuverlässig, beständig und vertrauenswürdig. Sie hat einen guten Sinn für Humor, den sie aber nicht immer auf Pressekonferenzen zeigt." So viel flirty Zuspruch hat selbst Angela Merkel entwaffnet: "Vor lauter Fragen hab ich jetzt vergessen... Was wollten Sie von mir? Ich hab so interessiert zugehört..."

Nun ist es ja nicht so, dass wir Schrumpfschläuche von der Systempresse nicht längst gespürt hätten, dass Angela Merkel einen trockenen Humor pflegt. Das weiß sie mittlerweile wahrscheinlich sogar selbst. Nur sieht man an ihrer Reaktion auch, dass ihr mitunter etwas Nonchalance im Umgang mit Journalisten fehlt. Selbst der charmanteste US-Präsident kann nicht gewollt haben, dass der "Mensch" Merkel im Öl seiner Schmeichelei ins Schlittern gerät.

Komplimente haben meist, aber das wissen Sie, verehrte Leser, natürlich längst, einen Hintergedanken. Sie verfolgen oft ein Ziel jenseits der Schmeichelei ("Sie haben die schönsten Ohren, die ich je gesehen habe."), und dienen so einem höheren Zweck. Warum sonst sollten Sie, liebe Leser, uns immer derart loben, in den Kommentaren, bei Facebook, ja selbst auf Twitter? Sie haben ja nicht nur ein sensibles Gespür für Humor, für Hinter- und Tiefsinniges, nein, Sie sind das Zementfundament unserer Metaebenen! Ironie? Für Sie kein Problem. Leser anderer Medien haben damit richtig Probleme! Und selbstredend wissen Sie auch, dass ein Kompliment Türen, Verhandlungen, Portemonnaies, die Herzen und auch den Geist öffnet. Dafür möchten wir Ihnen endlich einmal danken.

Nur durch Sie haben wir gelernt, dass man mit Komplimenten den härtesten Gegner weich klopft, und gern würden wir auch der Bundeskanzlerin ein paar schmeichelnde Worte mit auf den holprigen Weg der Diplomatie geben. Mit Ihnen lacht es sich so gut, Recep! Der Markus ist ein genauso feiner Kerl wie du, Horst. Sie haben das Herz am richtigen Fleck, Frau Storch.

Jedes Kompliment antwortet auf die zutiefst menschliche Sehnsucht, endlich mal der/die/das Beste zu sein. Ohne Komplimente gäbe es keine Schlagertexte, keine Großraumbüros, keine Bundesliga, keine U2-Konzerte, kein Instagram, keinen Muttertag, und Kai Pflaume und Rainer Brüderle wären ziemlich arbeitslos. Schon allein deshalb sind Komplimente eine ganz und gar wunderbare Sache – mit einem klitzekleinen Haken: Sie sind leider im seltensten Falle wahr. Sonst hätten Sie heute ja auch tatsächlich eine ganz fantastische Frisur.  

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

In einer Phase, in der die Regierungsweise von Frau Merkel zunehmend monarchisch wird, sind Komplimente Gift. Sie bestärken die verbal so reichlich Beschenkte in dem Glauben, sie sei im Gegensatz zu den Anderen mit ihrer Froschperspektive im Besitz der höherwertigen Moral.
Es wäre schade, wenn Frau Merkel den Weg des Kanzlers Kohl nachvollziehen würde, der nur noch blühende Landschaften sah und Kritik zunehmend als Majestätsbeleidigung empfand.