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"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Ob's der Laubbläser war?

Die Verhältnisse an der deutsch-polnischen Grenze sind kompliziert. Dem gerecht zu werden, wäre wohl zu viel für einen Sonntagskrimi. Der "Polizeiruf 110" in der Kritik.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die Verhältnisse an der deutsch-polnischen Grenze sind kompliziert – deshalb machen wir es uns besser einfach und erzählen eine Geschichte über Autoschieber und Machos, das versteht auch der schlichteste Zuschauer.

Lars-Christian Daniels: Erinnern Sie sich noch an das erste Wort von Til Schweiger im Hamburger Tatort? Genau: "Fuck!". In diesem Polizeiruf ist es das letzte.

Kurt Sagatz: Schwere Zeiten für den rbb-Polizeiruf mit der deutsch-polnischen Mordkommission. In der Auftaktfolge hatte es einen halbgaren Witz über polnische Autodiebstähle gegeben, nun folgt in der zweiten Episode mit dem Titel Der Preis der Freiheit ein echter Autodiebstahl Richtung Polen mit tödlichem Ausgang für eine junge polnische Polizistin. Hoffentlich variiert das Thema in den künftigen Folgen aus Frankfurt an der Oder.

Kirstin Lopau: Männer mit Laubbläsern sind gefährlich. Oder: Korruption lohnt sich auf lange Sicht nie.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Lucas Gregorowicz schärft als Adam Raczek sein Macho-Profil und Maria Simon bleibt als Olga Lenski diplomatisch, in Ekstase geraten beide nicht: 6 Punkte.

Kirstin Lopau: Lenski: 6 Punkte, Raczek: 5 Punkte.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Maria Simon singt als alleinerziehende Kommissarin Olga Lenski ihrem Kind etwas zur Gitarre vor und das singt mit. Die organischste Szene in diesem Polizeiruf, in dem sonst alles ein bisschen konstruiert wirkt.

Lars-Christian Daniels: Olga Lenski kann einfach alles: Mörder zur Strecke bringen, ihrer kleinen Tochter ein Schlaflied singen, Gitarre spielen – und wenn es sein muss, sogar mit einem hölzernen Samuraischwert durchs Büro tänzeln. Nur mit dem Polnisch hapert es noch ein bisschen. Macht aber nix: Den allermeisten Zuschauern geht es schließlich genauso.

Kurt Sagatz: Lenski wird von der Doppelbelastung als Kommissarin und Mutter stark gefordert: "Wie machen Sie das mit den Kindern?", fragt sie ihren polnischen Kollegen. Und lacht, als Raczek antwortet: "Ich bin Pole, das macht meine Frau."

Kirstin Lopau: Ach, irgendwie war das alles sehr vorhersehbar: Der böse, böse Russe lässt Autos verschieben und schmiert die Polizei. Wer gewinnt wohl am Ende? Einzig Polizeihund Speedy hatte wieder einen unvorhersehbaren Auftritt, wird er doch verdächtigt, Wolles Pausenbrot gefressen zu haben. Dabei frisst er gar keinen Käse, so denkt man.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Auf dem Obduktionstisch beim Gerichtsmediziner liegt eine Leiche, die Griffspuren aufweist. Der Gerichtsmediziner fragt den Kommissar: "Bist du mit steinzeitlichen Höhlenmalereien vertraut?" Keine Reaktion. "Fun Fact: Drei Viertel aller Handabdrücke stammen von Frauen." Der Kommissar: "Weil die Männer alle jagen waren." Gerichtsmediziner: "Genau. Und dieser stammt von einem Mann." Umständlicher geht es nun wirklich nicht.

Lars-Christian Daniels: Ganz ohne seichte Vorabend-Momente kommt auch der zweite deutsch-polnische Polizeiruf nicht aus: Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann (Fritz Roth) muss sich wieder mit Präsidiumshund Speedy auseinandersetzen, dem er prompt seine Stullen mit Harzer Käse vorsetzt. Fast wie in den guten alten Kommissar Rex-Zeiten, in denen Assistent Ernst Stockinger (Karl Markovics) vom tierischen Hauptdarsteller regelmäßig um seine Wurstsemmeln gebracht wurde.

Kurt Sagatz: Die Auswahl ist groß: Der Revier-Hund Speedy soll die Stimmung auflockern und muss dazu Harzer Käse fressen. Noch schlimmer: Weil es sich bei dem geklauten Auto um einen SUV gehandelt hat und die Besitzer während des Diebstahls im Urlaub weilten, weiß ein Polizei-Informant sofort, welcher Bösewicht hinter allem steckt.

Kirstin Lopau: Kommissarin Lenski macht auf gute Mutter und spielt ihrer Tochter Gitarre vor und singt dazu. Bisschen dick aufgetragen, findet auch Flat Eric, der der Szene auf dem Sofa sitzend beiwohnt.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 4 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5-6 Punkte.

Kurt Sagatz: Der Polizeiruf lässt sich viel Zeit, bevor er zum Ende hin etwas Tiefgang bekommt. Für mehr als 6 Punkte reicht es aber dennoch nicht.

Kirstin Lopau: Irgendwie vorhersehbar, aber trotzdem besser als der erste Teil mit diesem Team, deshalb 4-5 Punkte.

Kommentare

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Merkwürdig blasse Kritik an einem Film, der insgesamt doch sehr gelungen war. Autodiebstahl an der Deutsch-Polnischen Grenze ist natürlich kein "Kracherthema" wie der arg überkonstruierte Tatort von neulich mit dem grundbösen Psychomörder, der ob seines diabolischen Charmes auch noch reihenweise die Psychologinnen, die ihn eigentlich begutachten sollen, flachlegt, aber hei, was hier gestern gezeigt wurde, gibt es wenigstens tatsächlich im wirklichen Leben und man kann es sich entsprechend auch vorstellen.

Der Rest war sehr solide gemacht, inklusive der Charakterisierung der Typen des Bürgerwachschutzes, die es in solchen Gegenden wohl auch wirklich gibt. Am Ende war es trotz der Autoschiebereien noch nicht mal ein Mord, sondern eher ein blöder Unfall und der scheinbar korrupte Bulle entpuppte sich als ein durch einen sehr rustikalen Gangster eingeschüchterter Mann, der Angst zum seine Familie hatte.

Wie gesagt, dass hat alles Hand und Fuß, ist nachvollziehbar und ganz offensichtlich kein ausgedachter Quatsch. Die Kommentatoren verschiedener Zeitschriften tendieren nach meiner Meinung aber eher dazu, ausgedachten Quatsch gut zu finden. Das finde ich schade.