Andersrum ist auch nicht besser Ein Tomboy muss gar nichts

© Matthias Nareyek/Getty Images
Aus der Serie: Beziehungen

Germany hat ein neues, nächstes Topmodel und der Schock sitzt tief: Die junge Frau hat kurze Haare. Menschen, die emotional stabil genug sind, die Show zu verfolgen, wissen, dass Kim Hnizdo sehr unglücklich ist mit ihrem von Heidi Klum verordneten Look. Innerhalb der Modeszene gelten kurze Haare bei Frauen als Ausdruck für Modernität, Androgynität und Coolness – außerhalb des Circuit als kämpferisch und männlich, aka lesbisch.

Ganz falsch ist das nicht: Die Kurzhaarfrisur haben tatsächlich lesbische Frauen etabliert. Das ist neben der Wiederentdeckung des Holzfällerhemds vor fünf Jahren vermutlich die einzige modische Entwicklung, die aus der Lesbenszene geboren wurde. Okay, und Hosen wahrscheinlich. Hosen, Hemden und Haare.

Als Frauen in den 1920ern begannen, sich die Haare abzuschneiden, galt das als Ausdruck von Selbstbewusstsein. Ein Großteil dieser Frauen kam aus der sogenannten Oberschicht und hatte keine Männer nötig, die das Geld nach Hause brachten. Einige von ihnen mögen lesbisch gewesen sein, andere nicht – Idole ihrer Zeit waren sie alle. Leider verschwanden Annemarie Schwarzenbach, Erika Mann, Marianne Breslauer und alle anderen Vorreiterinnen weiblicher Emanzipation mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus dem Bewusstsein. Die gesellschaftlich propagierte Frau trug langes Haar.

Ein bisschen so wie heute. Denn die klassische Haarbiografie der durchschnittlichen 18-Jährigen ist 2016 ebenso normiert wie vorhersehbar: Zunächst jahrelanges Züchten der immer gleichen Langhaarfrisur, gelegentlich verzwirbelt mit etwas Kunsthaar. Ab Mitte dreißig wird gesträhnt und ab fünfzig tragen sie dann genau die pflegeleichten Kurzhaarschnitte, die sie an ihren Müttern und Großmüttern so furchtbar fanden.

Die Jungen haben es aber auch nicht leicht. Das kurze Aufbäumen der Männerwelt durch den Herrendutt war nur ein Strohfeuer. Dabei galten lange Haare früher als das ultimativ männliche Machtaccessoire. Doch mittlerweile ist sie fast vergessen, die Geschichte des sagenumwobenen Samson, der seine Kraft in dem Augenblick verlor, in dem ihm Delila des Nachts das Haupthaar schnitt. Heute gibt Mann seine Männlichkeit freiwillig beim Friseur ab, hinten kurz, oben bisschen länger, Bundeswehr. Verweigern ist nicht.

Andererseits beklagten aber genau diese Exemplare den Verlust der Weiblichkeit, als der (einseitig rasierte) Sidecut aufkam, tobten angesichts des (beidseitig rasierten) Undercut, und fallen beim Anblick des wiederbelebten Tomboy-Schnitts in Agonie. 

Als Tomboy bezeichnet der anglophile Sprachraum ein "maskulin" auftretendes Mädchen, einen Wildfang, der keine High Heels für Dreijährige trägt und sich nicht mit Schlangengift die Kinderhaut behandeln lässt, sondern über Zäune und auf Bäume klettert und sich auch mal die Knie aufschlägt. Eher Shiloh Jolie-Pitt als North West-Kardashian. Ein Tomboy muss auch nicht lesbisch oder trans sein. Ein Tomboy muss nämlich gar nichts. 

Der Haarschnitt zumindest hat es mittlerweile auf Blogs und Straßen der Großstädte geschafft und während die Millennials die Modewelt mit heteronormativem Spießertum zu Tode langweilen, hat die Generation Snapchat längst begriffen, dass Vielfalt das neue Schwarz ist. Die coolen Kids tasten sich gerade an den neuesten Trend heran: Der Buzzcut wurde in den späten Achtzigern schon einmal etabliert – von der aparten Sinead O’Connor, der Männer wie Frauen zu Füßen lagen. Zu der Zeit hieß die Frisur vermutlich noch "abrasierte Fast-Glatze", damals hatte man ja noch keine tollen Namen für Trends.

Dass Topmodel Kim demnächst mit Buzzcut posiert, scheint ausgeschlossen. Vermutlich lässt sie wachsen, sobald sie Klums Martermühle entkommen ist. Im Finale des Topgemodels haben die gewieften Drehbuchschreiber ihr übrigens eine halbherzige Lesbengeschichte anzudichten versucht. Nur in einem Nebensatz und überdies wenig überzeugend nach der Präsenz ihres Machofreundes in der Show. Glaubt natürlich keiner. Denn kurze Haare machen noch keine Lesbe. Aber eben leider auch keine Amazone.

Kommentare

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Unabhängig vom Sujet läßt sich grundsätzlich etwas Vorhandenes variantenreicher gestalten, als etwas Nichtvorhandenes. Wenn Sie sich also jetzt eine Glatze schneiden lassen, reduzieren Sie Ihre frisürlichen Variationsmöglichkeiten auf null, wenn man davon absieht, dass Sie sich Ihren Kahlkopf täglich verschieden einfärben können, was ich aber nicht als Frisur bezeichnen würde. Das mag ganz toll bei Ihnen aussehen, steht aber wohl nur den wenigsten Frauen und! es wird schnell langweilig immer nur den rasierten Kahlkopf zu sehen.
Meine langen Haare kann ich vielfältig variieren, auch ohne sie zu schneiden. Alleine schon der klassische Dutt bietet viele Variationen und erst Flechtfrisuren, Pferdeschwänze, Zöpfe usw. Mit langen Haaren kann ich jeden Tag eine andere Frisur tragen, mit Glatze ... eine.

Langweilig im Zusammenhang mit langem Haaren zeigt nur fehlende Kreativität.