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"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Ein Schlitzohr, dieser Neue

Kommissarin Brasch trinkt zu viel, hat jetzt aber einen neuen Kollegen zum Anstoßen. Zwar weiß dieser, wie man Handy-Apps bedient, doch hilft er auch, den Fall zu lösen?

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Manche Aufträge sind so aussichtslos, da kann man nur zur Flasche greifen. Dieser Polizeiruf 110 ist der erste nach dem Ausstieg des grandiosen Sylvester Groth. Irgendwann in diesem besonders deprimierenden Fall um den Mord an einem Pflegekind greift die alleingelassene Claudia Michelsen als Kommissarin Brasch zur Whiskyflasche, die der Ex-Kollege zurückgelassen hat. Therapeutische Maßnahme der Drehbuchautoren: Mit Matthias Matschke als Kommissar Köhler wird der Fast-Alkoholikerin ein freundlicher Zeitgenosse zur Seite gestellt. Das rettet den angeschlagenen Magdeburger Polizeiruf aber leider auch nicht.


Lars-Christian Daniels: Sie hatten die Hoffnung schon aufgegeben, dass nach den mauen Folgen nochmal ein richtig starker Polizeiruf aus Magdeburg kommt? Wir beweisen Ihnen das Gegenteil: Endstation ist eine packende Kreuzung aus klassischem Whodunit und beklemmendem Sozialdrama. Eine der besten Polizeiruf-Folgen der letzten Jahre!

Joachim Huber: Unser Leben ist das Produkt unserer Träume.

Kirstin Lopau: Die Schleichwege-Magdeburg-App spart wirklich Zeit. Ansonsten vielleicht: "Ich hab keinen Bock auf deinen Kleinbürgerscheiß. Lieber erschieße ich mich", ausgesprochen von dem trotzigen Jungen Sascha, der stets mit Zornesfalte im Gesicht herumläuft und dessen Bruder ermordet wurde. 



Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 4 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 9 Punkte für das neue Duo – auch wenn man die Uhr danach stellen kann, dass es zwischen Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke) zum Auftakt ordentlich knirscht.

Joachim Huber: Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen): 8 Punkte. Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke): 8 Punkte.

Kirstin Lopau: Dauerlächelnd und dabei fast unerträglich schlecht drauf, Hauptkommissarin Doreen Brasch: 3 Punkte. Neu im Team und stets bemüht, Hauptkommissar Dirk Köhler: 6 Punkte. 



Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Wie sich Köhler am Anfang als Reihenhausdaddy in seine neue grimmige und suchtgefährdete Kollegin einfühlt, hat man in der Griesgram-Ermittlerwelt des deutschen Fernsehkrimis so noch nicht gesehen. Soziale Kompetenz als Alleinstellungsmerkmal.

Lars-Christian Daniels: Dieser Polizeiruf liefert die tollen Szenen gleich im Dutzend und schont das Nervenkostüm der Zuschauer dabei nicht: Am aufwühlendsten wird es, wenn im Haus der überforderten Eltern der rabiate Sohn, die leibliche Tochter, die geistig behinderte Schwester und die drogensüchtige leibliche Mutter eines der Pflegekinder aneinandergeraten. Mittendrin und wahrlich nicht zu beneiden: die Kommissare.

Joachim Huber: Komplett dialogfrei, die Kamera streift über die Gesichter der Kinder, der Pflegeeltern, der Kommissarin – die Welt ist ein einsamer Ort, die Menschen sind verloren.

Kirstin Lopau: Eine ausgesprochene Lieblingsszene habe ich nicht. Die Familiengeschichte um den ermordeten Jungen Marko ist aber interessant: Seine Mutter ist drogenabhängig und angeblich gerade wieder clean. Marko wächst mit seinem größeren Bruder in einer Pflegefamilie auf, wo es noch ein weiteres Pflegekind und ein leibliches Kind gibt. Der Rest war, trotz des 45-jährigen Jubiläums des Polizeirufes, leider nervtötend. Ein Ermittlerteam aus einer schlecht gelaunten, aber dauerlächelnden Kommissarin, einem arbeitsmüden Kollegen und dem übereifrigen neuen Kollegen ist schrecklich anstrengend. Ein Wunder, dass dieser Fall aufgeklärt wird. Hervorzuheben ist jedoch die Kulisse: die Kinderzimmer sind auffallend schön gestaltet!



Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Die leibliche Mutter des Opfers füllt sich mit Heroin und Fusel ab, bis sie nicht mehr stehen kann. Das wird zur Junkie-Folklore mit fragwürdigem Schauwert.

Lars-Christian Daniels: Wie in fast jedem Tatort oder Polizeiruf 110 gibt es auch diesmal eine obligatorische Verfolgungsjagd per pedes – die allerdings ziemlich trashig inszeniert und zum Glück nach einer halben Minute wieder beendet ist. Warum? Hauptkommissar Köhler verschafft sich mit der praktischen Smartphone-App "Schleichwege Magdeburg" den entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Kollegin und Gejagtem. Ein Schlitzohr, dieser Neue.

Joachim Huber: "Wir sind Partner!" – Der neue Hauptkommissar Köhler streitet sich mit Kommissarin Brasch um die gemeinsame Ermittlungsarbeit. Dabei greift er nach dem Helm seiner Kollegin – und schlägt sich damit ins Gesicht.

Kirstin Lopau: Kommissarin Brasch schreibt ihre Dienstnummer für Sascha mit Kuli an dessen Türzarge. Die hätte ich als Mutter wegen Sachbeschädigung verklagt!




Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 6 Punkte
.

Lars-Christian Daniels: 8-9 Punkte.

Joachim Huber: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: 5 Punkte.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Von wegen "schlecht geglückte Wiedervereinigung"! Auch in der ehemaligen DDR hat man es geschafft, wirklich billige deutsche Krimis zu drehen, wie ich es eigentlich nur den Autoren von Tatort und Derrick zugetraut hatte. Nicht zu vergessen: Die Protokolle des Herrn M. In einer Folge wurde der Mordfall völlig unerwartet durch einen übereinstimmenden Schuhabdruck gelöst. Ich lag am Boden vor Spannung...