© Radio Bremen/​ARD Degeto/​Svenja von Schultzendorff

"Tatort"-Kritikerspiegel: Sachlich bis in die Triebhausverwaltung

Umweltschützer drohen im neuen "Tatort" damit, das Trinkwasser zu vergiften, und eine neue Kollegin setzt sich ungefragt auf Kommissar Stedefreund. Es gibt viel zu tun.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Gewalt gegen das System von linken Gruppierungen ist heute auch immer digital flankiert. In dieser Folge drohen Umweltaktivisten, das Bremer Trinkwasser zu vergiften, um auf die Machenschaften eines Biotechkonzerns aufmerksam zu machen – und hacken dabei lustig in ihre Laptops. Klar, Öko-Terrorismus geht nicht ohne Cyber-Terrorismus, aber einige Digitalgimmicks sind in diesem "Tatort" leider arg schlicht geraten.

Lars-Christian Daniels: Sie stehen auf "24"? Wir auch. Inga Lürsen (Sabine Postel) ist zwar kein Jack Bauer (Kiefer Sutherland), aber wir haben uns trotzdem an einer entsprechenden "Tatort"-Variation versucht – mit überschaubarem Erfolg.

Kurt Sagatz: Bremen wird von einem Terroranschlag bedroht, weil deutsche Firmen Profite mit Pestiziden machen, die massenhaft zum Schutz von genmanipulierten Futtermitteln in der dritten Welt eingesetzt werden. Die Story von Autor Christian Jeltsch verspricht einen Klasse-"Tatort" mit Sabine Postel und Oliver Mommsen, Regisseur Florian Baxmeyer fängt beherzt an. Doch leider geht der Produktion im Verlauf die Puste aus.

Kirstin Lopau: Ein Terrorist bleibt ein Terrorist, auch wenn er Umweltaktivist ist und eigentlich für das Gute kämpft. Und: Trinkwasser bleibt der empfindlichste Punkt für einen Terroranschlag, wenn man mal eben ganze Bevölkerungen auslöschen möchte.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte für Lürsen und Stedefreund, 8 Punkte für die neue BKA-Kollegin.

Kurt Sagatz: Lürsen und Stedefreund routiniert nordisch herb: 6 Punkte.

Kirstin Lopau: Lürsen wortgewandt, effektiv und ein bisschen eifersüchtig an der richtigen Stelle: 9 Punkte. Stedefreund nicht minder effektiv und samt Knackpo immer dort, wo man ihn braucht: 9 Punkte. Hervorgehoben werden muss auch Barnaby Metschurat als Einsatzleiter des Krisenstabs, toll gespielt, kühl, scheinbar emotionslos (es sei denn, es geht um die Qualität des Kaffees im Präsidium) und ein sehr kluger Kopf, deshalb außer Konkurrenz: 10 Punkte.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die Ermittler kriegen vom BKA eine junge, attraktive Spezialistin zugewiesen. In einer Szene hält sie Stedefreund für einen Verdächtigen, überwältigt ihn und setzt sich auf ihn drauf. Der Kollege genießt die Unterwerfung sichtlich, sie sagt trocken: ""Sex"? Später, wenn alles vorbei ist." So sind sie, die Profis, sachlich bis in die Triebhaushaltverwaltung.

Lars-Christian Daniels: "Ich bin die Beste, wenn man mich in Ruhe lässt!" – BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolframam) sorgt bei ihrem ersten Einsatz für einige Lacher und bringt mit ihren egozentrischen Ermittlungsmethoden frischen Wind in die Hansestadt. Dabei ist es an der Weser eigentlich kühl genug: In diesem "Tatort" liegen bei bedecktem Himmel und geschätzten 14 Grad Außentemperatur Badegäste im Bikini im Bremer Stadionbad. Manchmal möchte man kein Statist sein.

Kurt Sagatz: "Sollen wir die Öffentlichkeit informieren oder es aussitzen wie Mutti?", fragt Inga Lürsen in die Krisenrunde. Das Ende der Ära "Merkel" ist offensichtlich näher als gedacht.

Kirstin Lopau: Dieser "Tatort" ist spannend bis zur letzten Sekunde, gut geschnitten, frisch durch Rückblenden und eingeblendete Uhrzeiten, die die Spannung steigern. Endlich mal was anderes! Die Kommissare agieren in einem Krisenstabteam aus LKA, BKA, Staatsrat und Innensenatorin – einer nicht ganz harmonischen Mischung. So ätzt der Herr Staatsrat gegen Frau Lürsen: "Sind wir hier wirklich alle Profis? Alles immer gleich öffentlich machen? Da haben sich unsere Sicherheitsbehörden zuletzt ganz schön blamiert, oder?" Lürsen lächelt süffisant und sagt: "Lieber aussitzen wie Mutti?" Die Interaktion im Team ist sehr gelungen. Auch das Aufeinandertreffen von Stedefreund mit der Spusi-Computerfreak-BKA-Tussi ("Ich arbeite allein. Ich bin die Beste, wenn man mich in Ruhe lässt.") hat er sich verdient, weil sie ihn nicht nur professionell inspiriert. "Eifersüchtig" bin ich trotzdem. Und Inga Lürsen auch.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Klar, Hacker haben Macht. Aber dass sie sich nicht nur ins Polizeipräsidium einhacken, sondern auch gleich die Kamera im Computer des Gegners lenken können, ist schon sehr weit hergeholt.

Lars-Christian Daniels: Die flotte Inszenierung und das hohe Erzähltempo können nicht über die holzschnittartigen Nebenfiguren und die dicken Logiklöcher im Drehbuch hinwegtäuschen: Umweltaktivist Sven (Franz Pätzold) kapert zwar mühelos eine Webcam im Bremer Polizeipräsidium, lässt sich am Laptop aber mit einer simplen Retourkutsche aufs Kreuz legen, statt seinen Rechner einfach abzuschalten.

Kurt Sagatz: "Sex? Später wenn alles vorbei ist", sagt BKA-Frau Selb ("Ich bin die Beste") zu Kommissar Stedefreund beim zweiten Aufeinandertreffen. Das erinnert doch stark an Die Brücke mit Asperger-Ermittlerin Saga Norén.

Kirstin Lopau: Nicht peinlich, aber so unfair mir gegenüber: Stedefreund versucht, nicht romantisch zu sein, und ist es dafür umso mehr. Schnüff.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 5 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 3 Punkte.

Kurt Sagatz: Ein starker Tatort mit unnötigen Schwächen: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Eine wirklich tolle Folge aus Bremen, 9 Punkte.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren
Spruce Goose
#1  —  16. Mai 2016, 15:57 Uhr

"Die Ermittler kriegen vom BKA eine junge, attraktive Spezialistin zugewiesen. In einer Szene hält sie Stedefreund für einen Verdächtigen, überwältigt ihn und setzt sich auf ihn drauf. Der Kollege genießt die Unterwerfung sichtlich, sie sagt trocken: ""Sex"?"

Nein, was für eine schöne und politisch korrekte "Lieblingsszene" - Motto: Alle Männer stehen drauf, wenn sich Frauen auf sie drauf setzen und "Sex?" fragen! Obige Szene Bitte einmal mit vertauschten Geschlechterrollen denken ("die Kollegin genießt die Unterwerfung sichtlich")...