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"Tatort"-Kritikerspiegel Eine Meditation über die Endlichkeit des Menschen

Der zweite "Tatort" aus Franken ist da, gleich drei Fälle purzeln den Kommissaren vor die Füße. Doch die bleiben ruhig. Zu ruhig? Unsere Kritiker sind sich einig.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Wir können das menschliche Herz vermessen, aber wir können es nicht wirklich begreifen. Wie in kaum einer Tatort-Folge zuvor werden hier Organe aus Leichen geschnitten und befingert – und doch bleiben die Gefühle der Menschen ein Rätsel. Dieser Tatort ist eher eine Meditation über die Endlichkeit des Menschen als ein klassisches Täterrätsel.

Lars-Christian Daniels: Aller guten Dinge sind drei: In diesem Franken-Tatort laufen gleich drei Geschichten parallel, am Ende aber nicht zusammen. Verknüpft sind sie stattdessen durch die Gefühlswelt ihrer Protagonisten: Einsamkeit und Verzweiflung sind die seelischen Leitmotive dieses ansprechend inszenierten, aber selten spannenden Krimis.

Markus Ehrenberg: Dieser Tatort ist sehr schwer zu dechiffrieren. Beate Langmaack hat alle Register gezogen, den Kommissaren drei (Mord-)Fälle gegeben, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Es geht um Einsamkeit, "das Recht, sich zu sorgen", wie die Folge eben heißt, und am Ende um die Frage, was Eltern schrecklicherweise bereit sind, für ihre Kinder zu tun.

Kirstin Lopau: Keine Sorge, liebes Publikum, es fallen uns immer noch ein paar Plattitüden und Binsenweisheiten ein – wie zum Beispiel "Blut sieht immer schnell alt aus".

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte. Sympathisch, aber (noch) ohne die reizvollen Ecken und Kanten.

Markus Ehrenberg: 6 Punkte. Fabian Hinrichs: 8 Punkte. Es braucht noch etwas, bis die beiden, mithin der ganze Franken-Tatort wie aus einem Guss wirken. Aber vielleicht sollen sie das auch gar nicht.

Kirstin Lopau: Hauptkommissarin Paula Ringelhahn bekommt dank einer guten Tat 4 Punkte. Hauptkommissar Felix Voss (Ex-Gisbert aus München) diesmal völlig farblos: 2 Punkte. Schade.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Der entscheidende Moment, der Augenblick, in dem man töten könnte, und es dann nicht tut, kennst Du das?" Kommissarin Ringelhahn rückt mit dieser Frage ihrem Kollegen Vessel auf die Pelle – und man glaubt, dass sie über diesen Moment schon oft nachgedacht hat. Ein stiller, sanfter Abgrund, diese Frau.

Lars-Christian Daniels: "Ein Wunderwerk, das menschliche Herz. Es arbeitet wie ein Uhrwerk und bei pfleglicher Behandlung arbeitet es hundert Jahre." Professorin Magdalena Mittlich (Sibylle Canonica) gibt den Nürnberger Kommissaren einen Crashkurs in Anatomie. Leider darf die Schweizer Schauspielerin in diesem Tatort nicht ansatzweise so viel zeigen wie im großartigen Kieler Tatort: Borowski und die Frau am Fenster, in dem sie 2011 als eiskalte Killerin von nebenan begeisterte.

Markus Ehrenberg: Ein Detail, ein Hinweis, den die Autorin in diesen rätselhaften, elliptischen Tatort einstreut. Im Auto eines Verdächtigen findet und blättert Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) in E. T. A. Hoffmanns satirischem Bildungsbüchlein Lebens-Ansichten des Katers Murr, zwei zunächst völlig getrennt scheinende Biografien, die des Katers Murr und der des Kapellmeistes Kreisler. Warum dieses Buch? Warum in Nürnberg? Und: Wer soll in diesem Tatort der Kater sein?

Kirstin Lopau: Als ich noch nicht aus Langeweile zum Babyklamottenflicken übergegangen war, gefiel mir die Fantasterei zwischen Ringelhahn und Voss ganz gut. "Je schöner die Landschaft, umso weniger bringen sich die Leute um. Das wäre ein Grund, in Franken zu arbeiten", sagt Voss. Bis auf den fränkischen Dialekt ("Des dud mer leid. Da kann Ihnen die Bolizei net helfe.") gab es sonst leider nichts Erwähnenswertes.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Die Idee, dass hier die ganze Zeit gefuttert werden muss, während man über Innereien und Knochenreste spricht, ist in ihrer Ironie stellenweise ein wenig aufdringlich.

Lars-Christian Daniels: "Wir haben einen mutmaßlichen Mörder, der hockt in irgendeinem Wald, und wir sollen uns vier Jahre alte Knochen angucken?" Hauptkommissarin Ringelhahn (Dagmar Manzel) ist alles andere als erfreut darüber, dass Polizeipräsident Kaiser (Stefan Merki) den gestressten Ermittlern noch einen zweiten Todesfall aufs Auge drückt. Keine halbe Minute später geht sie vor die Tür des Präsidiums und gesellt sich dort zu einer älteren Dame (Tessie Tellmann), um in Seelenruhe mit ihr Kaffee zu trinken. So viel Zeit ist offenbar doch.

Markus Ehrenberg: Der Polizeipräsident turtelt mit der verdächtigen Anatomie-Professorin.

Kirstin Lopau: Richtig peinlich war nichts, aber dafür der Rest so unendlich langweilig und fad. Das hat der Franken-Tatort nicht verdient, wirklich nicht.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Markus Ehrenberg: 8 Punkte.

Kirstin Lopau: 3 Punkte.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Habe letztens den Bremer Tatort "Der hundertste Affe" gesehen. Ich war glücklich, endlich wieder mal bei einem Tatort spannend unterhalten worden zu sein. Was diese Folge Tatort darstellen sollte erschließt sich mir nicht. Prima als Schlafmittel geeignet, da der Spannungsbogen einen Anstieg von Null hatte. Ich dachte mal, Tatort hat was mit Krimi zu tun. Aber davon hab ich mich schon seit dem Klaumauk-Duo Börne/Thiel verabschiedet, die vermehrt im Genre Komödie auftreten könnten als im Krimi.