Fußball-EM: Haufenweise Glück

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Der schönste Haufen, der sich bei dieser Fußball-EM bislang bildete, war einer aus irischen Fußballern nach dem 1:0 gegen Italien in der Vorrunde. Robbie Brady hatte getroffen, er rannte nach links, dort flippten die Fans aus. Kurz vor dem Seitenaus sank er auf die Knie, was der Szene etwas Religiöses gab. Die Botschaft an die Mitspieler, die eh schon dicht hinter ihm waren: Fallt über mich her! Was sie dann auch taten. Drei Spieler legten sich über ihn, zwei knieten daneben und steckten ihre Köpfe zwischen die Körper der Liegenden. Zwei, die auf dem Haufen keinen Platz mehr fanden, vielleicht auch aus Rücksicht auf den unten Liegenden, umarmten sich direkt daneben. Wen dieses Bild nicht bewegte, der muss eigentlich kein Fußball mehr gucken.

Dieser Haufen war eine Ausnahme im Turnier und es ist kein Zufall, dass ihn die Iren bauten, eine Mannschaft, die kaum mit dem Sieg gegen Italien rechnen konnte. Offenbar hatte Robbie Brady sich zuvor nicht überlegt, wie er ein mögliches Tor gegen Italien feiern würde. Stattdessen freuten sich Torschütze und Mitspieler, wie es ihnen gerade in den Sinn kam. Mit möglichst viel Körperkontakt.

Ein ganz anderes Bild bot sich, als Frankreich das 2:1 gegen Irland erzielte. Frankreich galt als Favorit in diesem Spiel, Frankreich war überlegen, Frankreich musste noch ein Tor schießen. Als Antoine Griezmann das gelang, rannte er los, dorthin, wo ihn kein Mitspieler beim Jubel stören konnte. Er fand ein Plätzchen am rechten Pfosten des irischen Tores, ein traditionell unüblicher Platz für einen Stürmerjubel. Dort führte Griezmann ein Tänzchen auf, das einstudiert aussah. Er tanzte für die Bilder des Tages, vielleicht sogar für den EM-Rückblick, eventuell für den Titel des Torschützenkönigs. Erst nachdem er fertig getänzelt hatte, kamen seine Mitspieler. Man umarmte sich, aber niemand ging zu Boden. Dabei hatte sein Tor durchaus "erlösenden" Charakter.

Bereits Minuten zuvor hatte Antoine Griezmann das 1:1 erzielt und auch da war der Wille zum Solo-Jubel sichtbar: Er riss sich von den Mitspielern los, die seine Nähe suchten, und rannte, um erst einmal allein an der Seitenlinie zu feiern. Dort imitierte er einen Bogenschützen auf Knien. Seine Mitspieler kamen hinterher und sahen aus, als wüssten sie nicht recht, ob sie dieses Selbstbildnis nun berühren durften oder nicht. Schließlich fassten sie ihn zaghaft an der Schulter.

Die meisten Torschützen aus den erfolgreichen Ligen jubeln heute lieber alleine, nicht nur Cristiano Ronaldo, nach dessen Toren man manchmal fürchtet, es käme wirklich niemand mehr vorbei zum Gratulieren. Wer sich des Haufens entsagt, bekommt das bessere Foto. Wenn man schon kein Selfie machen und es posten kann, dann soll wenigstens ein Einzelporträt für die Nachwelt entstehen.

Vorbild dafür ist Mario Balotelli, dem es bei der vorigen EM gelang, nicht nur ein entscheidendes Tor gegen Deutschland zu schießen, sondern auch eine Pose für die Fußballgeschichte zu konstituieren. Sein Foto wird wahrscheinlich bis zum Ende seiner Tage ganz oben stehen, wenn man ihn bildergoogelt.

Noch liegen keine empirischen Daten vor, jedoch hat man den Eindruck, dass der Haufen früher ein viel üblicheres Ritual war. Das Ritual, das wie kein anderes Freude über ein Tor versinnbildlicht, wird eher noch im Amateur– als im Profifußball gepflegt, eher in Island oder Irland als in Italien oder Deutschland.

Der Profi des Jahres 2016 spielt zumeist in einem Spielsystem, das die Mannschaft und das schnelle Abspiel bevorzugt, nicht Einzelspieler und die Einzelaktion. "Zu eigensinnig" zu spielen ist das Schlimmste, was man über einen Spieler sagen kann. Nicht nur während des Spiels müssen die Fußballer "mannschaftsdienlich" sein, auch danach beenden sie jede Reporterfrage mit dem Satz, es käme nur auf die Mannschaft an. Kommt es natürlich nicht, wie auch der Spielerberater weiß. Also will der Spieler, wenn er ein Tor geschossen hat, diesen Moment für sich alleine haben. Der Haufen, so kuschelig er auch sein mag, ist kommunikativ eine Katastrophe: Man sieht den Torschützen gar nicht.

Kommentare

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Man kann im Profifußball m. E. auf manches verzichten. Zum Beispiel auf die einstudierten Jubelgesten, die, wie die Säge, das Tänzchen um die Eckfahne, der Lutschdaumen im Mund, das Schuhputzen eher peinlich sind und künstlich wirken. Auf keinen Fall entstehen sie spontan.

Nichts dagegen gegen natürliche, spontane Freude über das Tor, den Sieg.

Fußballer sind ab einem gewissen Marktwert nicht mehr nur Sportler, sondern eben auch eine eigene Marke. Diese Marke braucht ein spezielles brand design, um sich von anderen abzuheben. Dazu gehören Jubelgesten, aber auch das spezifische Posing von Ronaldo vor einem Freistoss.

Marcus05

#3  —  1. Juli 2016, 15:37 Uhr

Beim 1:0 von Portugal im Achtelfinale konnte man auch gut beobachten, wie Ronaldo seinen Assist für sich selber feierte und sich kaum dass der Ball im Netz zappelte von Quareshma weggedreht hat.

Gestatten Sie mir diese etwas ketzerische Frage, Herr Stolz: Brauchen Sie immer 20 Jahre, um einen neuen Trend zu erkennen? Ich gebe Ihnen ja Recht. Ein authentischer Jubel, der die spontane Freude über das Tor ausdrückt und dabei völlig frei von irgendwelchen Vermarktungsgedanken ist, ist nicht nur sympathischer, sondern letztlich auch mannschaftsdienlicher. Man denke nur an Gerd Müller, der einfach aus purer Freude über jedes gelungene Tor in Luft hüpfte und dabei den Arm mehrmals hochriss. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei. Dass sich Spieler bereits im Vorfeld einer Partie Gedanken über die Art und weise des Jubelns machen, und sei ein Tor noch so unwahrscheinlich, ist leider ein alter Hut. Statt "2016" hätten Sie auch "1996" schreiben können.