Schlafen: Augen zu und weg

Angeblich wirkt Powernapping im Büro wie leistungssteigernde Drogen. Kreativer soll man auch werden. Wie schrecklich! Ein Plädoyer für das zweckfreie Nickerchen Von

Vom Nickerchen am Arbeitsplatz hörte man in den letzten Jahren sehr regelmäßig, wenn man Zeitung las oder dem Radio lauschte. Meist bestand Einigkeit darüber, dass so etwas bei Arbeitgebern "verpönt" sei (WDR2), obwohl es doch so viel Gutes mit sich brächte, Effektivität zum Beispiel oder Kreativität und was man sonst noch im Büro so braucht. Von einem "Produktivitätsturbo" sprach das Handelsblatt.

Gibt es keine schöneren Argumente für das Nickerchen, das, wenn es nicht Powernap genannt wird, so einen lieblichen Namen trägt? Vielleicht arbeiten Menschen auch besser, wenn sie glücklich verliebt sind? Sollten sie sich deshalb der Firma zuliebe verknallen? Als Kraftverliebte? Das Nickerchen, das ich überaus schätze, ist so zweckfrei, wie es die Liebe manchmal ist. Ich mache Nickerchen nicht, weil ich hoffe, dass es mein "Gehirn kreativer" macht (Handelsblatt), sondern weil ich es an sich so schätze.

Der Kurzschlaf, den ich regelmäßig praktiziere, teilt sich in zwei Phasen: die Eindösphase und das Tiefnickerchen. In der Eindösphase beginnt das Hirn langsam damit, sehr unsinnige Dinge zu denken. Man kann es dabei sogar beobachten und sich angemessen wundern. Wenn die Gedanken irrsinnig unsinnig werden, ist man schon fast im Tiefnickerchen, das natürlich nie so tief ist wie der Tiefschlaf in der Nacht. Und dann ist auch schon wieder Schluss. Wie angenehm, kurz mal ganz weg zu sein.

Im Zug zum Beispiel gibt es nichts Besseres. Viele Reisende behaupten, endlich in Ruhe lesen zu können, sei das Schönste an einer Bahnfahrt. Ich lese dort am liebsten langweilige Artikel in Fremdsprachen, weil ich dabei so gut eindöse. Wer im Zug döst, stellt sich nicht die Frage, wann er endlich ankommt, und muss sich auch nicht ärgern, dass er keinen Handyempfang hat.

Besonders schön ist diese Form des Schlafs in Gesellschaft. Wer noch Großeltern hat, der sollte deren Einladung zu einem Nickerchen auf keinen Fall ablehnen. Großmütter und Großväter sind zumeist Meisterinnen und Meister dieses Faches. Sie verfügen auch über erstklassiges Dös-Equipment: bequeme Ohrensessel, Kissen und Decken. Wer gemeinsam döst, gibt der Welt zu verstehen, mal kurz sehr gut ohne sie auskommen zu können. Das verbindet. Auch wenn man mit Freunden reist, ist es schön, einander zu sagen: "Komm, wir dösen mal ne halbe Stunde." Wer mit einem Freund in einen Aktivurlaub aufbricht, kann sich nie sicher sein, ob der Freund wegen der Freundschaft oder wegen der Aktivität mitgekommen ist. Döst man gemeinsam, ist alles klar. Ich war mal eine Woche lang mit einem Freund in Dösurlaub an der Nordsee. Es war sehr schön.

Nie länger als 20 Minuten!

Eine Kollegin schläft gern gegen 23 Uhr kurz, bevor sie später noch mal ausgeht. Ich hingegen finde das Feierabendnickerchen ganz angenehm. Jedem seine Zeit dafür. Als Connaisseur weiß ich aber, dass das Nickerchen nie länger als 20 Minuten dauern sollte. Überschreitet man diese Dauer, wacht man auf und stellt sich folgende Fragen: Wo bin ich? Welcher Tag ist? Welche Uhrzeit? Und um Antworten auf diese Fragen zu finden, braucht das Hirn ebenso lange, um wieder wach zu werden, wie ein Arm, der in der Sofaritze eingeschlafen ist. Und selbst wenn einem die Antworten auf diese Fragen wieder einfallen, bleibt die Grundstimmung irgendwo zwischen wach, verschlafen und übellaunig stecken. Das Nickerchen muss sich kurz halten, sonst wird es zum Mittagsschlaf, den ich entschieden ablehne. Das Nickerchen ist das petit four unter den Schlaftechniken.

Natürlich spräche nichts dagegen, das Nickerchen auch im Büro zu praktizieren. Solange es nicht verpflichtend ist wie einst im Kindergarten und danach zu Ideenrunden geladen wird, solange es nicht in hässlichen Schlafkabinen geschehen muss, wie sie bei Samsung im Silicon Valley rumstehen sollen. Aber nicht alles, was im Leben schön ist, muss auch im Büro stattfinden.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Das stimmt mit meinen Erfahrungen überein. Ich finde powernaps super, wenn sie denn klappen. Manchmal schafft man es nicht abzuschalten.
Hin und wieder mal zu lange zu nappen und in diesen "braindead" Modus zu gelangen ist auch eine witzige Erfahrung.

Jap, ist wie der Resetknopf am PC nachdem zuviele Programme gleichzeitig laufen und sich gegenseitig ausbremsen. 20 min triffts auch ziemlich genau.

In einer der stressigsten Lebensphasen, nämlich während der Examensvorbereitung, konnte ich jederzeit für 20 oder auch nur 5 erfrischende Minuten schlafen, in der Bibliothek über dem aufgeschlagenen Buch oder auch zu Hause, fünf Minuten vorm Ausdemhausgehen. Hingesetzt, Wecker auf 5 Minuten gestellt, Augen zu, scharchi-püh. Im Berufsleben gelingt mir das leider nicht mehr, auch wenn ich wirklich müde bin. Keine Ahnung, woran das liegt, ich denke schon, dass es erholsam wäre.

Dankeschön, aber nehmen Sie doch nächstes Mal den Post mit dem Tippfehler weg und nicht den zweiten, in dem ich ihn korrigiert habe ;-)