Verführung Nicht jeder kann ein Casanova sein

Aus der Serie: Beziehungen

ZEITmagazin ONLINE: Was genau ist Verführung?

Ulrich Clement: Verführung ist, jemanden zu etwas zu bewegen, von dem er noch nicht weiß, dass er es will.

ZEITmagazin ONLINE: Aber verführt werden will derjenige schon?

Clement: Latent, ja. Ein guter Verführer spürt die Bereitschaft, auch wenn sie nicht ausgesprochen ist. Es gibt bei dem französischen Meisterverführer Cyrano de Bergerac eine schöne Szene: Christian, der ohne die wortgewandte Unterstützung de Bergeracs hilflos ist, sagt zu seiner angehimmelten Roxane: "Je vous aime." Und sie antwortet: "Brodez! Brodez!", was soviel heißt wie: "Schmücken Sie es aus!" Er stammelt aber nur weiter, dass er sie liebt. Schließlich sagt sie entnervt: "Sie bieten saure Milch mir, und ich wollte Sahne! Wie lieben Sie mich denn?" Gefragt ist beim Verführen nicht die sexuelle direkte Sprache, sondern die erotische Sprache des Andeutens. Man bleibt bewusst vage.

ZEITmagazin ONLINE: Verführung ist also ein verbaler Balztanz?

Clement: Ja, man möchte herausfinden: Wie gut achtet der andere auf mich? Ist er aufmerksam? Meint er wirklich mich?

ZEITmagazin ONLINE: Würde man zu schnell nachgeben, hätte die Sache also gar keinen Reiz mehr?

Clement: Genau, Erotik braucht eine kleine Hürde. Sonst ist sie wie Tennis ohne Netz: witzlos. Der amerikanische Sexualtherapeut Jack Morin hat dafür die erotische Gleichung aufgestellt: Erregung = Anziehung + Hindernis. Anziehung allein reicht nicht. Man muss etwas haben, das es zu überwinden gilt.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Ingredienzien braucht eine kunstvolle Verführung noch?

Clement: Mal abgesehen davon, dass es immer darauf ankommt, wer wen verführen will, muss die Situation auf jeden Fall in der Schwebe sein. Noch ist nichts eindeutig. Eine Verführungssituation endet genau in dem Moment, in dem die Lage nicht mehr offen, sondern klar ist.

ZEITmagazin ONLINE: Um zu spüren, was der andere will, ohne es zu sagen, braucht es also besondere Aufmerksamkeit. Das ist es, was schon Casanova beherrschte.

Clement: Richtig, der Verführer lässt die Frau spüren, dass er sie – und zwar genau sie – will. Damit macht er ihr das Kompliment, unwiderstehlich zu sein, und wertet sie auf.

ZEITmagazin ONLINE: Sie könnte einwenden: Den Trick macht er doch mit jeder.

Clement: Aber psychologisch funktioniert die erotische Aufwertung andersherum. Gerade wegen seines Images als Verführer und Kenner, sagt sich die anvisierte Frau: Wenn dieser erfahrene Mann ausgerechnet mich haben will, obwohl er genug andere haben könnte, muss ich besonders begehrenswert sein.

ZEITmagazin ONLINE: Hängt der Zuschreibung "Casanova" nicht inzwischen etwas Altbackenes an?

Clement: Die reale Person Giacomo Casanova lebte im 18. Jahrhundert, als höfische Sitten noch den Ton angaben. Stil, Ästhetik und Manieren waren ein hohes Gut. Zudem wurden die kulturellen Geschlechterrollen noch nicht infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund konnte Casanova seine Verführung improvisieren. Heute mag das in der klassischen Form überholt sein, vor allem weil Frauen in einer gesellschaftlich anderen Position sind. Aber ich stimme der negativen Konnotation des Wortes "altbacken" nicht ohne Weiteres zu: Stil und nobles Verhalten sind auch für den Verführer des 21. Jahrhunderts noch wertvoll.

ZEITmagazin ONLINE: Braucht es nicht auch Zeit und eine gewisse Hartnäckigkeit, um zu verführen? Ich empfinde es als schmeichelhaft, wenn sich mein Gegenüber daran erinnert, worüber wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, und nun darauf zurückkommt.

Clement: Sicher, aber Zeit sollte man auch aus einem anderen Grund investieren. Schließlich kann es sein, dass weder der Verführer noch die Verführte wissen, ob sie wollen. Verführen bedeutet auch, dem anderen die Zeit zu geben, innerlich zu prüfen, wie weit er oder sie ist. Wobei sich Verführen vom Wertschätzen unterscheidet.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern?

Clement: Wenn der andere zum Beispiel beruflich sehr beschäftigt ist und den Kopf voll von Arbeit hat, wäre es wertschätzend zu sagen: "Komm, ich nehme dir was ab, damit du dich deiner Arbeit widmen kannst." Verführen hingegen bedeutet, den anderen auf eine andere Ebene mitzunehmen. Das merkt man dem Wort sogar an: Beim Ver-führen lenkt man den anderen von etwas weg. Allerdings so, dass dieser einem gerne folgt. Andernfalls würde es sich um Nötigung handeln. Das ist auch ein Abbringen, jedoch in eine Richtung, die der andere nicht will. Damit sind wir beim Gegenkontext der Verführung, nämlich dem sexuellen Übergriff. Tatsächlich wird hier ein Dilemma deutlich. Der Grundsatz "Nein bedeutet nein" ist politisch und auch strafrechtlich natürlich richtig. Verführungslogisch ist er jedoch nicht immer so klar. Angenommen, ich würde mit Ihnen flirten und Sie denken sich: "Der ist ja freundlich und interessant, sollte aber nicht so schnell vorpreschen", dann sagen Sie "nein". Ich aber höre: "Da liegt vielleicht noch etwas drin." Ein "Nein" kann in der Verführung eben auch "vielleicht" oder "später" bedeuten. Oder tatsächlich "nein".

ZEITmagazin ONLINE: Angesichts der aktuellen Diskussion um das Sexualstrafrecht fällt es manchen Menschen offensichtlich schwer, den Unterschied zwischen einem eindeutigen Nein und einem Nein als Teil eines reizvollen Verführungsspiels zu erkennen. Ist das schwieriger geworden?

Clement: Durch die öffentliche Diskussion ist deutlich geworden, wie heikel das ist. Der zentrale moralische Wert ist Respekt, dafür braucht es aber ein Mindestmaß an sozialer Aufmerksamkeit und Rücksicht. Aktueller sind indes die kulturellen Kontexte geworden. Einen Mann oder eine Frau aus einem anderen kulturellen Umfeld zu verführen, setzt unter Umständen andere Regeln voraus. Hierbei kann es viel schneller zu brisanten Missverständnissen kommen.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Verführung durch einen Mann und durch eine Frau?

Clement: Dazu gibt es ein interessantes Experiment: Unter dem Vorwand irgendeiner Untersuchung wurden Frauen und Männer einbestellt, die man dann paarweise in einem Raum warten ließ, weil – so wurde vorgeschoben – der Versuchsaufbau noch nicht ganz fertig wäre. Dabei hielt eine Kamera ihr Verhalten fest. Bei denen, die sich sympathisch fanden und die zu flirten begannen, konnte man hinterher sehen: Zunächst hat die Frau bestimmte Signale gesendet. Sie zog etwa ihre Augenbrauen hoch oder fasste sich in die Haare. Der Mann ging dann bei Interesse darauf ein. Befragte man die beiden hinterher, wie es denn gelaufen sei, behaupteten die Männer meistens von sich, sie hätten angefangen. Halten wir also fest: Die Frau hat ihnen das Signal zum anfangen gegeben. Eigentlich hat sie angefangen, unter Umständen noch nicht mal in dem Bewusstsein, etwas Konkretes zu unternehmen. Die Entscheidung, daraus aktiv etwas zu machen, lag dann beim Mann.

ZEITmagazin ONLINE: So läuft das tatsächlich noch immer mehrheitlich ab?

Clement: Ja. Das Blöde an Klischees ist, dass sie oft einen wahren Kern enthalten. Im Durchschnitt ist Männern das Gefühl, verführt zu haben, wichtiger als Frauen.

ZEITmagazin ONLINE: Warum eigentlich?

Clement: Die Frau kann ihre Attraktivität prüfen, indem sie Signale sendet, die im Grunde Fragezeichen sind: Findest du mich reizvoll? Meist tut sie dies auf so subtile Weise, dass sie sich ohne Gesichtsverlust zurückziehen kann. Sie hat schließlich nichts gesagt. Der Mann geht das höhere Risiko ein, indem er den Schritt aus der Mehrdeutigkeit des Flirts in die Eindeutigkeit eines sexuellen Angebots macht. "Magst du noch mit zu mir kommen?" 

ZEITmagazin ONLINE: Charmant. Aber worum geht es den beiden mit diesem Verhalten eigentlich genau?

Clement: Es gibt in der Sexualforschung die Theorie der sexual economics, eine ökonomische Theorie des sexuellen Verhaltens, die besagt, dass jedes Umeinanderwerben dem Verhalten auf einem Marktplatz gleicht: Die einen haben etwas anzubieten, die anderen wollen etwas haben. Frauen haben etwas, was Männer wollen, nämlich Sex. Nach dieser Theorie ist lediglich weiblicher Sex wertvoll, männlicher Sex hingegen ist nichts wert, weil den jede überall umsonst haben kann. Deswegen prüfen Frauen, wie teuer sie sich verkaufen können. Sie sind Marketingexpertinnen in eigener Sache. Wenn Frauen flirten, bedeutet das übrigens aus diesem Grund auch nicht unbedingt, dass sie bereit sind für Sex, wie manche Männer irrtümlich annehmen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie wundern sich dann, dass sie abblitzen?

Clement: Ja, aber das ist einem Mann weniger unangenehm als einer Frau. Männer lassen es eher mal darauf ankommen und wagen einen ersten aktiven Schritt. Das gehört für sie natürlich zum Wettbewerbsverhalten dazu – ein bisschen wie beim Fußball, da muss man auch mal aus einer nicht ganz klaren Situation heraus aufs Tor schießen. Diese größere Toleranz gegenüber dem eigenen Scheitern erklärt übrigens auch das schon mehrfach beobachtete Phänomen, dass Männer bei Befragungen aktiver aus ihrem Sexualleben berichten als Frauen. Sie overreporten, heißt es im Fachjargon, während Frauen tendenziell underreporten. Frauen lassen peinliche Begegnungen eher weg, vielleicht verdrängen sie sie sogar, während Männer sich sagen: "Egal, es war zwar doof, aber immerhin: ein Versuch."

ZEITmagazin ONLINE: Finden es Männer inzwischen nicht auch attraktiv, angesprochen zu werden? Eine Bekannte von Mitte Zwanzig berichtet, dass sie auch selbst auf Männer, die ihr gefallen, durchaus mit Erfolg zugeht und sagt: "Ich finde dich süß, wollen wir nicht ein Bier zusammen trinken?"

Clement: Das ist Verführung eben nicht vor einer klassischen Folie wie bei Casanova, sondern vor einer demokratischen. Mann und Frau haben hier keine komplementären Rollen inne, sondern symmetrisch gleichberechtigte. Entsprechend ist auch ein ebenbürtiges Verhalten möglich. Ich würde die beschriebene Situation jedoch weniger als Verführung bezeichnen, denn als Anfrage. Eher als pragmatischen Klartext, denn als ein Spiel mit Möglichkeiten. Das gibt es auch, hat aber den klassischen Stil nicht abgelöst. Und es ist ja auch nicht so schlecht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die ein ganzes Spektrum von Umwerbungsvarianten erlaubt.

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