Endlich Vintage! Ich habe mein Update verpasst

Falscher Security-Code. Software veraltet. Update verkackt. Früher war Altern auch einfacher. Und man hatte mehr Zeit für Schönes. Fast könnte man die Toten beneiden. Von
Aus der Serie: Beziehungen


Ich nehme zur Kenntnis, dass es Senioren gibt, die der Welt wichtige Impulse geben, Herr Gates und Frau Miranda, meine Altersklasse, also 50er-Jahre-Modelle, und so was von global unterwegs! Afrika auf Zack bringen, die Welternährungsfrage lösen! Herr Hartz brachte es fertig, den Sozialstaat zu schreddern, mit 60plus. Herr Blatter musste mit 79 Jahren quasi mit Handschellen aus der Fifa-Chefetage entfernt werden. Unser Herr von Weizsäcker pflügte bis zu seinem Tod mit 95 Jahren jeden Morgen durch das Schwimmbad und gab danach kluge Statements ab. Nun, ich schaffe es gelegentlich kaum, meinen Prä-Seniorenhaushalt im Griff zu behalten. Ja. Ich fühle mich überfordert. Von was? Von zu vielem.

Wie habe ich früher das Leben gewuppt, Job, Kinder, die Fahrradflotte plus Au-pair auf Betriebstemperatur halten. Um sechs unter die Dusche, die Wäsche vom Abend aufgehängt, Kids aus dem Bett, Frühstück auf den Tisch, leichte Musik gegen die Hektik. Alle aus der Tür schaufeln. Hochtourig zum Job, im Torpedo-Gang zurück, kochen, dazwischen Hausaufgaben checken, erste Wäsche in die Maschine, erstes Kind ins Bad, hoppla, Klavierüben vergessen. Post musste warten. Blumen waren abgeschafft. Gebügelt wurde schon lange nicht mehr. Kids ins Bett, dann vorlesen, Mama, nur noch drei Bücher! So in der Art. Gegen Mitternacht die Trikots der Sportmannschaft einlegen.

Ich träumte davon, wie irgendwann alles abfallen würde, das Kuchen backen um fünf Uhr morgens für das Geburtstagschulfrühstück. Ja, ich hatte Erwartungen an die Vintage-Zone, im Sinne von "Jetzt könnt ihr mich mal". Es läuft aber anders. Die Aufgaben wachsen. Normale Alltagsabläufe türmen sich zu Bergen. Kleinste Vorgänge weiten sich zu größten Komplikationen. Es geht mir fast wie Helmut Schmidt, der in diesem berühmten Spot seinen Gehaltszettel beäugt, und dann gluckst, nö, verstünde er nicht. Ich finde es aber nicht zum Glucksen.

Gestern etwa habe ich mich mit der Gasabrechnung überbeschäftigt. Auf vielen Seiten ist aufgelistet, nach wie vielen Wochen oder Tagen der Tarif, den ich ausgewählt hatte, in verschiedene Richtungen korrigiert wurde. Welche Auswirkung hat das, ist die Taktung der Tariferhöhung vernünftig, ist es klug oder dämlich, das wissen zu wollen oder angesagt, das zu ignorieren?

Eine Woche, nachdem ich zu dem neuen Biogas-Anbieter gewechselt hatte, wurde offensichtlich, dass der Tarif nicht bindend war. Er lag sogar weit über dem des letzten Anbieters. Jetzt versuche ich zu verstehen, wie viel mich das kostet, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, es ist nicht einfach. Oder bin ich zu blöd? Vorzeitige Birnenerweichung? Ich versuche mich zu erinnern, wie die Temperatur im Januar war, als die Preise hochgingen, es erinnert mich fatal an die Abrechnung für "Hilfe zum Toilettengang" von Tante Helga, die im Altersheim lebt, und die auch nicht erklären kann, ob die notierten Zeiten 7.45 / 10.13 / 11.04 Uhr für jenen Dienstag oder Donnerstag des Vormonats korrekt sind. Ich bezweifle, ob ich selber es schaffen würde, mich an meine Toilettengänge des Vormonats zu erinnern, womöglich wurden solche Abrechnungen für die Angehörigen entworfen, um für die Krankenkasse zu testen, ob deren Kopp noch funktioniert, die Blase schon schwächelt und wann mit der Einweisung der restlichen Bagage zu rechnen ist?

Tatsächlich lasse ich körperlich ein wenig nach. Manuell. Ich meine – früher habe ich über Stunden mit meiner kleinen Felco-Schere im Garten Äste und Zweige geschreddert, jetzt kribbeln danach nachts die Finger. Ich habe deshalb beschlossen, mir einen Häcksler zu kaufen. Um mir das Leben einfacher zu machen. Ha!

Früher wäre ich mit meinem kleinen Honda zum Gartencenter geheizt. Ein netter Typ hätte mir den neuen Häcksler ins Auto getragen. Wir hätten gescherzt, ich hätte mich bedankt, er hätte mich an meine eigenen Kinder erinnert, ach so charmant. Aber das Gartencenter verkauft Häcksler jetzt online. Lieferzeit drei Tage. Nach drei Tagen plus einer einwöchigen Verspätung wurde ein Paket geliefert, das dann fünf Wochen lang in meinem Wohnzimmer stand, ich konnte es ja nicht bewegen, schon gar nicht hätte ich einen Häcksler zusammenbauen können. Abends saß ich auf dem Sofa und blickte auf das Häcksler-Packet und kämpfte gegen so ein maues Gefühl. Ein graues Altsein-Gefühl. Endlich tauchte eines der Kinder auf, ich hörte mich diesen Schreckenssatz meiner Mutter sagen: "Du, ich brauche mal Deine Hilfe!" Hä?

Kommentare

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Liebe Susanne Mayer,

ich erinnere mich noch an Ihre journalistischen Anfänge. Ihr Artikel macht mich glücklich, denn Sie haben von Ihrem Esprit und Scharfsinn nichts eingebüßt. Das rechne ich natürlich hoch auf meine eigene alternde Schaffenskraft.

Grämen Sie sich nicht - der Ringkampf mit der Firma in Magenta wurde vielen Mitbürgern aufgezwungen. Das ist die Folge der Umwandlung in ein marktkonformes Unternehmen. Ich erinnere mich an Zeiten, da kam der Techniker von der Post ins Haus und installierte. Er hatte einen Namen und eine Telefonnummer. Und dann funktionierte das Ding, ob klassisch in Bakelit oder das revolutionäre rundliche Folgemodell. Eine üble Nebenerscheinung: wenn der Techniker seine Jobs erledigt hatte, hatte er manchmal die Zeit, sich an die Alster zu legen. Ich weiß das, ich kannte so einen persönlich. Das ging natürlich gar nicht, und ich hoffe, so ein Schlendrian wurde nun ausgemerzt.

Ich wünsche Ihnen noch viele gelungene Artikel. Und Ihr Sohn wird Ihnen weiter klaglos zur Seite stehen, wenn die Techniker dieser modernen und marktkonformen Welt nicht mehr ins Haus kommen, einen Namen haben und sogar eine Telefonnummer.

Haben Sie's gut!

Sehr geehrte Frau Mayer, es ist mir nachträglich ein Trost, dass auch andere Mütter um ihr Kindergeld kämpften und ganze Ordner vorweisen können, die den Schriftwechsel belegen. Irgendwann bin ich als Sieger hervorgegangen.

Und seien wir ehrlich, mit solchen Erfahrungen kann uns nichts erschüttern. Was mich betrifft, ich bin gespannt, ob meine Rente ohne weiteres gezahlt wird.
Übrigens, ich weigere mich konsequent, mir ein Smart- oder iPhone zuzulegen. Ich bleibe bei meinem uralten Handy. Das funktioniert ohne Update.