Deutschlandflagge Viele Farben braucht das Land

Die Fahnenwälder während der Europameisterschaft lösen bei vielen jungen Menschen ein mulmiges Gefühl aus. Ist es Zeit für eine neue Deutschlandflagge? Von

Am Anfang war die Wut. Also genau das falsche Gefühl in diesen aufgebrachten Tagen, in denen man doch einfach aus Prinzip lieben sollte, weil alle so verdammt wütend sind. Wut ist das Gefühl, das den Brexit gebracht hat. Und Trump bis zur Nominierung. Ein egoistisches Gefühl, das aus Angst entsteht, die einem aber noch mehr Angst macht als die Wut, weshalb man sich für letztere entscheidet, weil sie wenigstens gegen jemanden oder etwas anderes gerichtet ist und nicht gegen sich selbst.

In meinem Fall gegen eine Deutschlandflagge aus Papier. Die steckte in einem schwarzen BMW mit dem Kennzeichen B-MW, zwischen Kofferraum und Karosserie. Es war halb drei Uhr nachts an einem Samstag in Berlin, ich hatte zwei Wein getrunken, vielleicht drei. Als ich die Deutschlandfahne sah, konnte ich nicht anders, ich rupfte sie aus dem Zwischenraum, in den sie der Fahrzeughalter mühevoll hineingezwängt hatte und zerriss sie. Ihre Schnipsel mein Konfetti. Der Mond schien hell. Deutschland hatte gerade erst ein Spiel gemacht. Gegen die Ukraine. Die Fahne zu zerreißen, gab mir ein gutes Gefühl, die Balance war wiederhergestellt.

Weil auch ich schon wieder von "wir" sprach, wenn ich von der Nationalmannschaft redete. Mich mit dieser Mannschaft zu identifizieren, fällt mir leicht. Ich bin mit ihr groß geworden. Schweini und ich ergrauen parallel. Er und Poldi sind heute die Alten im Team. Als die beiden 2006 das erste Mal zu großer Form aufliefen, war ich mit meinen Klassenkameradinnen auf Abifahrt in Santa Susanna, drei Dörfer hinter Lloret de Mar, und tanzte in einem Deutschlandtrikot zwischen Plastikpalme und Tiki-Bar. Es war das erste und letzte Mal, das ich ein Deutschlandtrikot trug. Sommermärchen. Mit 18 dachte ich, das gehört sich so: Trikot, Hawaiikette in Schwarz-Rot-Gold und jedes Spiel eine Party.

Bis heute habe ich für mich diese nationalistische Verirrung geschämt. Der deutsche Nationalkomplex hatte mich fest im Griff. Er hat es bis heute – ich erinnere an die Übersprungshandlung "Zerstörung der Deutschlandflagge". Aber woher kommt diese Sehnsucht nach Ausgleich?

Bei dem Adjektiv stolz wird mir schlecht. Beim Anblick von aus Fenstern an der Hauswand hängenden Deutschlandfahnen kriege ich Gänsehaut. Schwarz-Rot-Gold macht mir Bauchschmerzen. Trotzdem spreche ich von "wir", wenn es um die Nationalmannschaft geht. Und ich bin nicht alleine. Ich habe drauf geachtet: Die meisten meiner Freunde reden dieser Tage von "wir", wenn sie von der deutschen Nationalmannschaft reden. Sogar jene, die Die Linke wählen. Ob "wir" reif genug sind, um den Angstgegner Italien zu besiegen? Wie "wir" den Müller besser ins Spiel bringen wollen. Es gibt ein Wir, aber es ist für Turniertage reserviert.

Das sollen unsere Farben sein?

Seit der WM im eigenen Land sind zehn Jahre vergangen. Der Fußball hat den Deutschen das Wir zurückgegeben. Ganz ohne Nationalmief. Den meisten jedenfalls. Wo wir wieder bei der Flaggenwut wären.

Denn wie man sie dreht und wendet: Wenn einer wie Björn Höcke die Deutschlandflagge demonstrativ bei Günther Jauch raushängen lässt, kann man das selber beim besten Willen nicht tun. Weil Höckes Flagge nicht die meine ist. Sie steht nicht für das Müller-Özil-Neuer-Boateng-Khedira-Kroos-Podolski-Deutschland von 2006, 2010 und 2014. Sondern für Hass und Ausgrenzung, für Hetze und Aggression.

Und seien wir mal ehrlich: Nicht nur am nächsten Morgen auf dem Kopfkissen, sondern auch schon am Abend davor auf der Wange – die deutsche Fahne ist verdammt hässlich. Altbacken. Aus der Balance. Dieses schwarze Schwarz, rote Rot, gelbe Gelb. Das sollen unsere Farben sein? Wo ist das Grün der Wälder? Das Beige-Gelb-Grün-Grau der Felder? Das Blau der See? Mein Auge ist bahnreisengeschult: Deutschland ist nicht Schwarz-Rot-Gold. Deutschland ist grün und blau und braun und gelb und rosé und beige und rot und orange und noch so viel mehr dazwischen und darüber hinaus.

Das britische Magazin Monocle hat gerade ein Buch mit dem Titel How to Make a Nation herausgebracht. Ein Kapitel ist den nationalen Symbolen gewidmet, der Kommunikation.

Deutschland bringt seine Botschaft mit den Farben des Lützowschen Freikorps und der Jenaer Burschenschaften in die Welt. Diese Männer haben vor über 200 Jahren für die Befreiung von Napoleon gekämpft. Das war edel und gut. Heute gibt es andere Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Für die man aber zum Glück keine schwarze Uniform mit roten Beschlägen und goldenen Knöpfen braucht.

Vielleicht ist es deshalb Zeit für neue Farben und eine neue Flagge? Vielleicht für eine, die so bunt ist wie das Fenster des Dresdner Künstlers Gerhard Richter im Kölner Dom. Es besteht aus 11.263 Farbquadraten in 72 Farben. Die neue deutsche Flagge wäre vielfarben, wie das Wir-schaffen-das-Deutschland, eine Flagge der Vielfalt, der Optimisten, nein, der Realisten. Eine Flagge der Einheit im Dissens, wie Georg Simmel mal gesagt hat. Der Auseinandersetzung. Der Vermischung. Des Lebens als Fest. So eine würde ich sicher nicht vom Auto rupfen.

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