Andersrum ist auch nicht besser: Plötzlich Schwulenversteher

© Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images
Aus der Serie: Beziehungen

Es gibt Putinversteher. Und Frauenversteher. Seit dem Referendum im Vereinigtem Königreich existieren sogar Brexitversteher. Mir wäre aber lange niemand eingefallen, der als Schwulenversteher bezeichnet werden könnte. Jetzt ist das anders. In einer Rede vor wenigen Wochen hat Donald Trump sich als Schwulenversteher geoutet.

Es ging um den Massenmord im Club Pulse in Orlando. "Ask the gays!", sagte Trump, man soll doch mal diese Schwulen fragen, wen sie für ihren Freund hielten: Ihn, Donald, der vor der Gefahr durch eingewanderte Muslime warnt. Oder Hillary Clinton.

"Ask the gays" klingt so, als könnte man einfach mal ein oder zwei Gays anrufen. Die würden dann schon wissen, was die Schwulen so denken. Bei der Frage nach Terror und Hate-Crime ist Donald Trump auf der sicheren Seite. Das lehnen "the gays" sicher einhellig ab, da kann er eigentlich jeden fragen. Differenzierter wird es bei der Einwanderungspolitik. Es gibt liberale und konservative Gays. Noch uneiniger sind sich schwule Männer beim Thema Selbstbräuner. Da ist die Debatte extrem polarisiert: Geht gar nicht mehr, sagen die einen. Geht noch oder geht jetzt wieder, die anderen.

Wenn Trump glaubt, dass ein Gay wie der andere ist, liegt er falsch. Aber da ist er nicht allein. Das gleiche gilt, wenn ein Marketingmensch sagt, die Schwulen seien eine wichtige Käufergruppe. Jedes Mal, wenn ein Autohersteller, Möbelhersteller oder ein Fischstäbchenhersteller ein schwules Paar in einem ihrer Werbefilme auftreten lässt, findet sich irgendwer, der behauptet, jetzt endlich hätten die Unternehmen die Schwulen als Zielgruppe entdeckt. Deren Kaufkraft sei nämlich ganz enorm: Sie haben selten Kinder und dadurch mehr Geld, sie achten mehr auf ihren Körper und richten sich schön ein. Und sie würden ständig verreisen, noch viel lieber als der Rest der Menschheit. Einer wie der andere.

Ich glaube, es ist überhaupt ein Missverständnis, dass sich schwule Werbung an Schwule richtet. Dafür sind wir als Zielgruppe einfach nicht groß genug. Nehmen wir mal an, zehn Prozent der Menschheit sei homosexuell – ich rechne außerdem großzügig und beziehe Kinder und Greise in meine Rechnung mit ein: Das macht dann vier Millionen schwuler Männer in Deutschland. Wenn man für ein Massenprodukt werben möchte, ist diese Zahl überschaubar. Es gibt zum Beispiel drei Millionen Zierfischhalter in Deutschland. Aber ich habe noch nie von einem Autobauer gehört, der Werbespots für Menschen schaltet, die für Zierfische schwärmen.

Den Unternehmen geht es gar nicht darum, dass Schwule ihre Autos kaufen oder sich in ihre Züge setzen. Sie wollen sich mit diesen Werbespots tolerant und fortschrittlich präsentieren. Sie wollen Schwulenversteher sein, wie Donald Trump. Eigentlich müsste man sich da als schwuler Mann instrumentalisiert vorkommen. Ich bin lieber ein geschätzter Käufer als ein missbrauchter Werbeträger.

Es gibt nur wenige für Schwule maßgeschneiderte Produkte, die ein Erfolg sind. Schwule Romane und Spielfilme sind etwas für die Nische. Beim Thema Reisen funktioniert es, man kann schwule Mittelmeerkreuzfahrten buchen und in schwule Hotels einchecken. In den Hotels sind keine Kinder erlaubt. Das macht sie wohl auch für Hetero-Reisende attraktiv. Die Homo-Hotelkette Axel jedenfalls beschreibt sich als "heterofriendly".

Ein gutes Geschäft scheint auch schwule Pornografie zu sein. Ich habe bei Pornhub, einer der größten Pornoseiten der Welt, nachgefragt, wie hoch der Anteil schwuler Videos ist. Sie haben mir per E-mail geantwortet: Insgesamt schauen alle Besucher der Seite jeden Tag zwölf Millionen Stunden lang Pornos. Zwei Millionen Stunden davon seien Gay Porn. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Zwei von zwölf. Das ist viel mehr als zehn Prozent, fast ein Fünftel! Entweder, die Schwulen sind tatsächlich konsumfreudiger als andere Menschen. Oder selbst Gay Porn richtet sich nicht nur an Gays. Ask the straights!

Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Nein, die Schwulen werden nicht instrumentalisiert. Im Kampf gegen islamische Homophobie (mehr als 50% der befragten britischen Muslime zufolge sollte Homosexualität verboten werden) haben sie nur einen, der dieses Problem offen ausspricht, während Obama oder Clinton nach Florida nur Waffengesetze thematisieren wollten. Und das ist nun mal Donald Trump.

Anmerkung: Wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion von Argumenten. Bitte belegen Sie künftig Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/og

Es ist ein Unding zu behaupten Trump würde Homosexuelle instrumentalisieren, wenn Clinton erst vor fünf Minuten ihre Meinung offiziell änderte und sich den aktuellen Wahlkampf mit Spenden aus Ländern mit Todesstrafe für Homosexualität finanzieren lässt.

Trump hat die Gays nicht entdeckt, er wurde an sie herangeführt. Unter anderem durch das Wirken des schwulen Konservativen Milo Yiannopoulos (der Trump halb aus Scherz "Daddy" nennt), der ein Neuaufflammen von Homophobie erkennt, die gerade von links statt gehemmt sogar gefördert wird weil Muslime ja weniger priveligiert seien als Schwule und somit im Recht seien - siehe die Erklärungsversuche nach Pulse. Übrigens hat man herausgefunden, dass der Pulse-Schütze nun doch nicht selber schwul war und sich doch nie mit jemanden über Grindr traf. Trotzdem wurde ihm seine eigene Begründung abgesprochen und die Realität so geschoben dass sie passt.

"weil Muslime ja weniger priveligiert seien als Schwule und somit im Recht seien - siehe die Erklärungsversuche nach Pulse"

Ähm, die Quelle möchte ich gerne sehen, die Muslimen im Zusammenhang mit dem Pulse-Shooting recht gibt!

Es gibt auch keinen Grund Trump zu wählen der auch Evangelikale umgarnt und die Ehe aufheben will. Für wie blöd halten Sie schwule Amerikaner?