Digital Neuland "Wer ist eigentlich dieser Wifi?"

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Früher brachten sie uns Laufen bei, heute helfen wir ihnen mit Handys und Computern. Die Technologie macht unsere Eltern zu hilflosen Kindern. Und uns zu Besserwissern. Von

Es ist Samstagmorgen, viertel nach zehn. Das Telefon klingelt. Meine Mutter ist dran: "Hallo? Du, passt es Dir gerade? Falls nicht, ist's auch nicht schlimm, es eilt ja nicht. Ich habe hier nur irgendetwas verstellt am Computer und …" Ich weiß, sie sitzt seit Stunden vor dem Telefon und fragt sich, wann sie mich wohl anrufen darf und auch erreicht. Es ist nämlich dringend, das hörte ich am Klingeln des Telefons, das höre ich auch jetzt an ihrer Stimme. Ich atme einmal tief durch.

Bis in die neunziger Jahre war zumindest der technische Haushalt unserer Eltern klar sortiert: Waschmaschinen wuschen, Bügeleisen bügelten, und mit Telefonen wurde telefoniert. Seit einem Vierteljahrhundert ist das nun anders, und unsere Eltern sind völlig verunsichert. Der Computer ist schuld. Seitdem zittert die Stimme meiner Mutter am Telefon nicht nur, wenn sie sich Sorgen um meine Gesundheit oder ihre eigene macht, sondern vor allem wenn es um die des Computers geht.

Es hilft dann nicht, das Telefon klingeln zu lassen. Sie wird es immer wieder probieren. Es hilft auch nichts, sich aufzuregen. Das Einzige, was hilft, ist Ruhe. Ich tröste sie mit der gleichen Geduld wie sie mich damals, als ich lernte, Rad zu fahren. Ohne Schrammen geht es eben nicht.

Mit den Computern zog damals die Idee von der universellen Maschine in die Privathaushalte ein. Unsere Eltern sahen sich durch ihre PCs zum ersten Mal mit einer Technologie konfrontiert, die ihnen Unbehagen bereitete, weil sie ihnen wie ein Chamäleon in ständig neuem Gewand gegenübertrat. Computer waren undurchschaubare Black Boxes. Sie konnten ständig immer mehr und stürzten dabei auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit ab, obwohl man sie korrekt bediente. Hatten sich unsere Eltern einmal an den neuen Mitbewohner gewöhnt, sah er nach dem nächsten Update schon wieder völlig anders aus. Wie sollte man sich darauf verlassen können?

Seitdem bin ich nicht mehr nur Sohn, sondern auch IT-Berater und Admin. Der meiner Eltern. Schon als mein Vater sich sein erstes Navigationsgerät kaufte, lag nicht nur der Haussegen, sondern eigentlich der gesamte Urlaub in meinen jungen Händen. Mal vertraute mein Vater der Stimme aus dem Off, mal nicht. Er kenne die Gegend doch besser, sie hätte ja keine Ahnung. Hätte ich damals nicht heimlich neues Kartenmaterial aufgespielt, meine Eltern würden bis heute mit ihrem Auto im Hafenbecken von Cuxhaven stehen. 

Gut gegoogelt ist halb gewonnen

Das ist ihre Strategie, denn: "Bisher ging es doch auch ohne." Mein Vater will keine Updates einspielen. Der PC wird für ihn immer ein Ersatz für die Schreibmaschine bleiben. Zusätzliche Funktionen ignoriert er so lange, bis mindestens zwei Drittel seines Bekanntenkreises damit zurechtkommen. Erst dann ist das Update halbwegs vertrauenswürdig. Und ich muss es ihm dann beibringen. Es kommt vor, dass ich mich plötzlich mit erhobenem Zeigefinger neben ihm wiederfinde, während er mich anschaut, als hätte er gerade sein Abendbrot nicht aufgegessen. Ich kämpfe dann wie ein Pokémon in der Arena mit meiner Ungeduld, lasse mir aber nichts anmerken. Es würde ja doch nichts bringen.

Mein Vater zählt zu der Generation, die deutlich früher als ahnungslos abgestempelt wird, als das bisher je der Fall war. Geht es um den technologischen Wandel, werden nicht nur die Rentner von der Gesellschaft abgehängt, sondern auch viele Berufstätige, selbst in leitenden Positionen. Günther Oettinger stolperte in sein neues Arbeitsfeld, und auch Angela Merkels "Neuland" spricht eine deutliche Sprache: Diejenigen, die uns noch vor einigen Jahren mit Erfahrung und Weisheit den Weg wiesen, lassen sich nun verunsichern. Plötzlich sind sie auf uns angewiesen, wenn sie sich nicht vollkommen blamieren, sondern einfach nur mitmachen wollen. Warum haben wir weniger Angst vor Technik als unsere Eltern?

Mein Computer war ein Kamerad. Wir lernten uns kennen, wir spielten miteinander. Stürzte er ab, war das kein Beinbruch – höchstens eine weitere Herausforderung auf dem Weg zum Endgegner. Ich eignete ihn mir an wie eine neue Gegend oder eine neue Klasse. Neugierig, offen, verspielt. Die Tricks notierte ich mir auf kleinen Zetteln, manchmal kaufte ich mir eine Zeitschrift, um mehr zu wissen, einfach zum Spaß. Irgendwann lernte ich: Gut gegoogelt ist halb gewonnen. Das galt zuerst und immer noch vor allem für das Innere meines Rechners.

Ich mochte die Technik und stellte sie deswegen meiner Familie vor. Sie nickten und fragten interessiert: "Und wer ist eigentlich dieser Wifi?" Oma schenkte ich ihr erstes Mobiltelefon zu ihrem 80. Geburtstag. Mit ihm erfand Oma eine neue Textgattung, Haiku ohne Satzzeichen, Vokale und Kleinbuchstaben: "BIN KRZ SUPRMARKT! RUF AN WNN DU ZEIT HST U MR HLFN KNNST! DNK, OMI!" Wenn unsere Nachkriegsgeneration etwas auszeichnet, dann eiserne Sparsamkeit ohne Rücksicht auf Verluste.

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