Gesellschaftskritik Herzliche Grüße, Ihr Kokaindealer

© Netflix
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Im Zeitalter der digitalen Kommunikation bedeuten Briefe ja meistens: schlechte Nachrichten – Rechnungen, Steuerforderungen, Mahnungen. Aber es gibt auch Ausnahmen. Netflix zum Beispiel hat neulich einen Brief bekommen, in dem jemand dem Sender selbstlos seine Hilfe anbietet. Absender des Briefs: Roberto de Jesus Escobar Gaviria. Oder, wie der Absender gleich im ersten Satz höflich hinzufügt, um den Empfängern das mühsame Verheddern im spanischen Namenswust zu ersparen: der "biologische Bruder von Pablo Emilio Escobar Gaviria" und "eines der wenigen überlebenden Mitglieder des Medellín Kartells".

Im Folgenden bietet Roberto Escobar dem Sender seine Hilfe an. Dazu muss man wissen, dass Netflix im vergangenen Herbst die erste Staffel einer Serie ausgestrahlt hat, die Narcos heißt und Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar erzählt. Roberto Escobar, Pablos Bruder, hat diese erste Staffel gesehen, und es seien ihm – hier lässt sich die deutliche Wortwahl wohl damit erklären, dass Englisch nicht Escobars Muttersprache ist – einige "Fehler, Lügen und Unstimmigkeiten" aufgefallen, weswegen er gern die zweite Staffel vor ihrer Ausstrahlung sehen würde. Vermutlich, um Netflix davor zu schützen, sich nochmal so zu blamieren, jedenfalls schreibt er: "Dies ist eine freundliche Bitte um Kooperation. Alles, was wir wollen, ist, dass es richtig gemacht wird."

In einem Interview mit Newsweek nahmen sich Roberto Escobar und seine Anwälte sogar noch die Zeit, ihr Hilfsangebot noch ein wenig konkreter zu formulieren. Roberto sei nicht nur Pablos Buchhalter gewesen, sondern auch der Befehlshaber seiner Auftragsmörder – aus Netflix Sicht eine tolle Nachricht, bedeutet sie doch, dass er sich in allen Aspekten, die für das Drehbuch interessant sind, bestens auskennt. Roberto selbst betont seine Erfahrung, mit der er gern dem Hauptdarsteller der Serie zur Seite stehen würde: "Hat er Erfahrung darin, mit Kokain zu dealen? Hat er Milliarden Dollar gewaschen?"

Ein Erfahrungsaustausch, der dort, wo Escobar herkommt, eine schöne Tradition ist: Schon seine Mutter habe ihm, als er jung war, gesagt, er solle auf die alten Männer in Medellín hören: "Jetzt bin ich alt, und wenn sie mir nicht zuhören, werde ich sichergehen, dass ich gehört werde." Eine Formulierung, aus der man heraushört, wie dringend der Wunsch Escobars ist, sein Wissen weiterzugeben, bevor es zu spät ist. Alles, was er dafür als Gegenleistung verlangt, ist eine kleine Aufwandsentschädigung in Höhe der Summe, die er und sein Bruder "in den 80ern und 90ern in einer guten Woche" verdienten, wie er sagt: eine Milliarde Dollar.

Dass der Brief von Escobar in Versalien verfasst ist, sollte man auf keinen Fall als SCHRIFTLICHES ANSCHREIEN missverstehen. Es vereinfacht schlicht die Lesbarkeit. Bei Netflix sind sie vermutlich geschockt gewesen von so viel Liebenswürdigkeit, jedenfalls gibt es zu dem Brief noch keine offizielle Stellungnahme – sicher feilt man noch an einem adäquat höflichen Dankschreiben. Denn schließlich werden sie dort wissen, was sie von Escobar erhalten haben: Ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.

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