© Hudson Hayden

Der neue Mann : Bitte nicht lächeln!

Als Alleinstehender, heißt es, hat man heute dank Dating-Apps so viele Möglichkeiten wie nie. Mag schon sein, findet unser Autor, wäre da nicht die Peinlichkeit, sich auf Fotos als begehrenswerter Mann darstellen zu müssen. Von
Aus der Serie: Der neue Mann

Mein Gesichtsausdruck auf Fotos ist seit meiner frühen Jugend immer der gleiche: die Augen starr auf die Kamera gerichtet, geschlossener Mund, angedeutetes Lächeln, quasi ein Blick wie ein Volvo. Bodenständig, sympathisch. Ich finde diese Fotos von mir ganz gut, was andere davon halten, weiß ich nicht. Ich habe nie gefragt. Ein Foto hat für mich eine beiläufige, unprätentiöse Sache zu sein.

Eine neue Entwicklung bringt meine Haltung nun durcheinander. Als Alleinstehender hat man heute dank Dating-Apps bekanntlich so viele Möglichkeiten wie nie. Um mitzumachen, ist man aber gezwungen, Fotos von sich hochzuladen, die einen besonders begehrenswert erscheinen lassen. Im Grunde: sexy. Wer sich einmal mit dieser Idee an den Computer gesetzt hat, vor eine Reihe von Fotos von sich selbst, weiß, was das für eine schwere, peinliche Aufgabe ist.

Als mir eine Freundin auf ihrem Smartphone Tinder-Fotos von Männern zeigte, wurde mir klar, dass ich offenbar nicht der Einzige bin, der mit anderen nicht über die eigenen Bilder spricht. Da war praktisch nichts dabei, von dem man sich vorstellen konnte, dass vorher einer gesagt hat: Jawoll, Peter, super Foto, damit kriegst du sie! Ich sah einen Mittdreißiger im Nadelstreifenanzug, der zwei Frauen in den Armen hielt, eine links, eine rechts. Manche hatten offenbar ihre Ex-Freundinnen per Bildbearbeitungsprogramm aus dem Motiv geschnitten, am Rand waren dann noch halbe Frauenfrisuren zu sehen. Ich sah Männer mit Fischen in den Händen, einer bediente gerade einen Bohrer.

Ein anderer stand, nur in Boxershorts bekleidet, mitten in seiner Wohnung, trank aus einer Kaffeetasse, hatte gleichzeitig sein Handy am Ohr und schaute in die Kamera wie ein Welpe.

Meine gute Freundin ist ein sanftmütiger Mensch, sie sagt, sie finde diese Art der männlichen Selbstdarstellung "irgendwie süß".

Die erfolgversprechendste Pose für einen Mann ist der Blick in der Ferne.
Christian Rudder

Und, ja, ich verstehe sie, wahrscheinlich würde ich sogar Geld für eine Ausstellung ausgeben, in der es darum geht, dass gewöhnliche Männer ein Bild von sich aussuchen sollten, auf dem sie sich besonders attraktiv vorkommen. Es bewegt einen, weil es so etwas Bemühtes, fast schon Verzweifeltes hat. So, wie sie auf ihren Fotos Holz hacken, Wände hochklettern, Feuer machen, ihre Muskeln zeigen, scheinen diese Männer einem Rollenbild gerecht werden zu wollen, von dem sie selbst nicht recht wissen, wie es aussieht. Einer hat sich mit lässig nach unten hängender Zigarette im Mundwinkel fotografiert, im Stile der Männer auf Kinoleinwänden in den Fünfzigern, direkt vor seinem Laptopbildschirm. Doch seine Zigarette brennt nicht, im Hintergrund sieht man Schreibtische, eine Topfpflanze, der Mann sitzt in einem Großraumbüro.

Auch ich habe absolut keine Ahnung, was Frauen auf Fotos attraktiv finden. Doch es gibt Untersuchungen zu dieser Frage. Psychologen der University of British Columbia fanden heraus, dass Männer auf Fotos lieber nicht lächeln sollten, wenn sie sexuell attraktiv wirken wollen. Eine Studie der Universität Cambridge besagt, dass Menschen, die auf ihren Profilfotos die Farben Pink, Lila und Rot meiden, intelligenter wirken. Die amerikanische National Academy of Sciences erklärt, dass Frauen beim Zappen durch Dating-Bildergalerien eher bei Männern hängen bleiben, die möglichst gerade dastehen, also eine besonders raumgreifende Pose einnehmen, und nicht in Decken gehüllt im Bett rumliegen (ebenfalls ein beliebtes Tinder-Motiv!). Interessante Erkenntnisse fand ich auch beim Mathematiker Christian Rudder. Er hat Fotos der Dating-App OkCupid ausgewertet, die er vor Jahren selbst mitbegründet hat und bei der er mittlerweile ausgestiegen ist. Ihm zufolge ist die erfolgversprechendste Pose für einen Mann der Blick in der Ferne. Was der Mann dabei unbedingt nicht machen sollte, ist lächeln oder, noch schlimmer, so aussehen, als würde er flirten.

Wovon nirgends die Rede ist: Fische in Kameras halten, mit attraktiven Frauen posieren. Ach, und die ganze Oben-ohne-Bauchmuskelnummer kommt laut Rudder auch nur gut an, wenn man Anfang zwanzig ist.

Dieser Text stammt aus dem neuen ZEITmagazin MANN – ab 6. September am Kiosk.

Wenn Frauen das alles gar nicht wollen, wie kommt es dann zu diesen Aufnahmen? Ich glaube, es liegt daran, dass Männer schon als Kinder eher mit ihrem Können angeben und weniger mit ihrem Aussehen. Schulkameraden lobten einen dafür, dass man es geschafft hatte, über einen besonders hohen Zaun zu klettern, niemals aber für schöne Augen oder besonders glänzendes Haar. Dann kam bei Mädchen auch noch das Schminken hinzu, Stunden also, in denen sie sich intensiv mit der Wirkung ihrer Gesichter auseinandersetzten. Dieser Unterschied ist ständig bemerkbar, ich habe zum Beispiel noch nie gesehen, dass sich zwei Männer unter ihre Facebook-Profilfotos gegenseitig Dinge schreiben wie "Du siehst soooo gut aus!" oder "Du Hübschi!". Dating-Apps stellen Männer deshalb vor ein Problem, hier geht es – ob man das gut findet oder nicht – nur darum, als Mensch möglichst attraktiv auszusehen, und nicht um irgendwelche Accessoires wie Bohrer oder Surfbretter. Und zum anderen rühren die Foto-Missverständnisse einfach daher, dass Männer nicht um Rat fragen.

Ich habe damit mittlerweile begonnen. Meiner Bürokollegin zeigte ich ein Foto von mir auf einer Vespa. Ich vermutete, dass es ein gutes Tinder-Bild sein könnte. Italien im Hintergrund, mein Volvo-Blick. Meine Kollegin lächelte, dann schüttelte sie den Kopf. "Wir finden ein anderes", sagte sie.

-

In der Liebe, im Job, in der Familie oder der Freizeit: In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles an dem Männerbild unserer Gesellschaft verändert. Das ZEITmagazin ONLINE widmet sich mit der Serie "Der neue Mann" den Problemen und Herausforderungen des modernen Mannes. Mehr lesen Sie hier

Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren
SnoopyCornflakes
#3  —  6. September 2016, 8:06 Uhr

Das Problem im Artikel: Wenn alle Männer so unbegabt im Foto-für-Tinder-finden sind, dann ist das doch gar kein Problem und sie haben es deswegen in keinem Fall "schlechter" als Frauen. Frauen hingegen müssen unter anderen Frauen bestehen, die Zitat: sich "Stunden ..." mit Make Up "intensiv mit der Wirkung ihrer Gesichter auseinandersetzten". Wenn Sie da als Frau nicht auf Augenhöhe mitspielen können, haben Sie total verloren.

https://img.buzzfeed.com/...

Vielleicht hilft diese Erkenntnis sich bei den Oberflächlichkeiten auf das Wesentliche zu fokuszieren, die Schönheit der Person ganze ohne "die" richtige Pose, Farben im Bild oder MakeUp. Authentizität ist vielleicht der Trend der Zukunft hier!