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"Tatort"-Kritikerspiegel: Das Klischee trägt Pullunder

Für Ballauf und Schenk geht es um die Wurst: ein Doppelmord, ein schweigendes Mädchen und nerdige Finanzbeamte. Was hat Metallica damit zu tun, und wo ist Bjarne Mädel?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Anfangs sieht alles wie ein normaler Einbruch aus, doch daraus entwickelt sich ein dramatischer Fall für die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). Die einzige Zeugin für die Tat ist acht Jahre alt und schweigt über das, was sie gesehen hat.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die gekonnte Mund-zu-Mund-Beatmung, die der Kommissar an einem Unternehmer mit Steuerschulden durchführt, der auf dem Finanzamt nach einem Herzinfarkt umkippt. Sagt der Finanzbeamte: "Wahrscheinlich der Stress. Wenn er Pech hat, kriegt er fünf Jahre." Sagt Schenk, in Anspielung auf den lebensbedrohlichen Zustand: "Wenn er Glück hat."

Lars-Christian Daniels: Spektakuläres bietet dieser routiniert abgespulte Kölner Tatort, der sich eher wie ein Familiendrama anfühlt, nur selten – aber zumindest gibt es nach jahrelanger Abstinenz endlich ein Wiedersehen mit der kultigen Wurstbraterei am Rheinufer. Die Fans von Ballauf und Schenk wird es freuen!

Anne Fromm: Der Film endet ausnahmsweise nicht an der Imbissbude am Rhein mit dem Kölner Dom im Hintergrund und zwei Kölsch für Freddy und Max. Wie konnte das passieren?

Kirstin Lopau: Muss als Tatort-Opener nach der viel zu langen Sommerpause wirklich ein Krimi her, in dem mal wieder Kinder die Leidtragenden sind? Wenigstens ist die Wurstbude endlich wieder da, wenn auch nicht am Schluss. Dass Freddy nun einen einen Landrover fährt, passt leider so gar nicht.

Carolin Ströbele: Dass Freddy Schenk kurz daran zweifelt, ob er wirklich der Vater seiner Tochter ist. 

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Das Steuersystem ist ungerecht, Eigenheime sind eine wacklige Angelegenheit, die Mittelschicht geht vor die Hunde.

Lars-Christian Daniels: Freiberufliche Journalisten haben es nicht leicht – müssen bis 70 arbeiten, damit die Rente halbwegs reicht. Wohl dem, der sich ein bisschen was dazuverdienen und vor dem bissigen Steuerprüfer ins Ausland flüchten kann. Was ich natürlich nie tun würde!

Kirstin Lopau: "Steuern sind nun mal Bürgerpflicht", sagt Ballauf. Der Journalist und Steuerhinterzieher Winthir daraufhin: "Ich nenne das Piraterie."

Anne Fromm: Dass Steuerfahnder und Journalisten tatsächlich ein Klischee ihrer selbst sind. Der Steuerfahnder ist entweder ein pullundertragendes Muttersöhnchen oder ein "Terrier". Der Journalist "kratzt und beißt".

Carolin Ströbele: Dass es offenbar ein Leichtes ist, Akten aus dem Finanzamt zu klauen. 

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was nur tun gegen die Krise der Mittelschicht?

Lars-Christian Daniels: Wie es wohl Freddy Schenks Familie geht? Der Kölner Kommissar plaudert diesmal ausführlich aus dem Nähkästchen – doch zu Gesicht bekommen hat das Publikum seine Frau, seine Töchter und seine Enkelin schon seit Jahren nicht mehr. Schade eigentlich.

Kirstin Lopau: Leben Mitarbeiter der Steuerfahndung wirklich so gefährlich? Und wo ist Freddys altes Auto hin?

Anne Fromm: Was hat Metallica mit all dem zu tun?

Carolin Ströbele: Wo kann man den maßgeschneiderten Küchenblock erwerben, der beim Schwager des Mordopfers steht?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der Finanzbeamte auf dem Amt ist in seiner Pullunderspießigkeit dann doch ein einziges Klischee.

Lars-Christian Daniels: Die junge Julie-Helena Sapina macht ihre Sache als verängstigte Achtjährige eigentlich ganz ordentlich, aber Zugang zu ihrer Figur ist trotzdem nur schwer zu finden. Das Mädchen wirkt eher bockig und teilnahmslos als traumatisiert und ist deshalb schnell wieder vergessen.

Kirstin Lopau: Ich fand diesmal alle Figuren gut besetzt.

Anne Fromm: Wenn schon Muttersöhnchensteuerfahnder, dann bitte von Bjarne Mädel gespielt!

Carolin Ströbele: Die des Finanzbeamten Schwarzhaupt. Bitte keine Pullunder, Siegelringe und Dackelblicke mehr. Vorschlag: Kevin Costner, der einzig attraktive Steuerfahnder der Filmgeschichte (als Eliot Ness in Die Unbestechlichen).


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Die Zeitlupenaufnahmen, die mit dieser schrecklich schwülstigen Kinderchorversion von Metallicas Nothing Else Matters unterlegt sind. Zum Gruseln klebrig!

Lars-Christian Daniels: Von keiner. Schlaflose Nächte bereitet mir eher die Frage, warum Freddy Schenk in diesem Tatort einen Range Rover von der Stange fährt und keinen Oldtimer aus dem Fuhrpark der Kölner Kripo. Möchte der WDR sich etwa von dieser schönen Tradition verabschieden?

Kirstin Lopau: Definitiv vom Anfang. Ein Alptraum wird wahr, als ein achtjähriges Mädchen einen Einbrecher zu Hause beobachtet und sieht, wie dieser Mutter und Bruder umbringt. Furchtbar und sehr gut dargestellt, wie am nächsten Morgen die Schwester des Opfers durch das Haus geht und langsam entdeckt, was passiert ist. Unterlegt ist die Szene von eindringlicher Pianomusik, gezeigt mit vielen Schnitten, und plötzlich ist es Freddy, der da durchs Haus geht und schließlich die erste Leiche findet. Tolle Sequenz!

Anne Fromm: Mund-zu-Mund-Widerbelebung durch Freddy Schenk oder Max Ballauf, oder beide?

Carolin Ströbele: Von der Luxusvilla, die der Journalist in diesem – und eigentlich in allen – Tatorten hat.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: Nur 3 Schlafmützen  😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Dieser Tatort war doch ziemlich gut und spannend, also nur 2 Schlafmützen. 😴😴

Anne Fromm: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Carolin Ströbele: 8 Schlafmützen. Kein Wunder, die Geschichte erzählt einen realen Mordfall nach. 😴😴😴😴😴😴😴😴 

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