Andersrum ist auch nicht besser Wir dürfen was, was ihr nicht dürft!

Aus der Serie: Beziehungen

Freude allerorten: Anne Will und Miriam Meckel haben geheiratet. Sagt ihre Pressestelle, sagen sie selbst, schreiben die Medien. Falsch ist es trotzdem. Denn, Überraschung: Lesben und Schwule dürfen in Deutschland auch 2016 nicht heiraten. Sie dürfen sich verpartnern, was schon mal was, aber immer noch rund 150 Regelungen in 54 Gesetzen von einer Ehe entfernt ist. Der Volksmund nennt also Ehe, was keine ist. Sogar Reis wird geworfen, für die Fruchtbarkeit. Knick knack.

Die Niederländer haben es in Sachen rechtlich anerkannter Partnerschaft leichter: Drin ist, was drauf steht. Homos wie Heteros dürfen wahlweise zum Notar gehen, sich verpartnern oder heiraten. In Deutschland allerdings müssen Homos von einer echten Ehe träumen, während Heteros heiraten müssen, wenn sie ihre Liebe rechtlich anerkennen lassen wollen. Für gegengeschlechtliche Paare ist eine halbe Ehe oder eben eine Verpartnerung tabu.

Wer hätte das gedacht? Wir dürfen was, was ihr nicht dürft! Und müssen uns dabei nicht mal sexuell attraktiv finden, denn die sexuelle Orientierung spielt bei der Verpartnerung keine Rolle. Theoretisch dürften sich auch zwei stockheterosexuelle Männer verpartnern, um ihre Bromance zu untermauern. Oder zwei heterosexuelle Frauen, weil der Ring am Finger sie vor unerwünschten Anmachen schützt. Alles kann, nichts muss. Nicht mal Sex.

Wenn hingegen heterosexuelle Paare heiraten, unterschreiben sie eine sexuelle Anziehung quasi mit. Stichwort: eheliche Pflichten. Denn machen wir uns nichts vor: Die Urform der Ehe wurde erfunden, damit endlich gevögelt werden durfte und anschließend Kinder kamen. Vielleicht auch noch wegen der Aussteuer. Mit Gottes Segen. Hallelujah.

Machen heute viele Heteros ja gar nicht mehr, das mit Gott und der Kirche, nicht mal das mit den Kindern – heiraten tun sie trotzdem. Und auch die Homos verpartnern sich fleißig, und sei es nur, um im Notfall Zugang zum Krankenbett des geliebten Menschen und Anrechte auf den gemeinsamen Hausstand zu haben – wie jedes heterosexuelle unverheiratete Paar auch. Vereint sind wir wieder in orientierungsübergreifenden Gründen: Romantik und Behörden, allen voran das Finanzamt.

Eine weitere wichtige Wortklauberei im Kontext der Meckel-Will-Verpartnerung ist der regelmäßig wiederkehrende Verweis darauf, dass beide "bekennende Lesben" seien. Ja, richtig gehört. Wir müssen uns zu unserem Begehren bekennen wie zu einer Straftat, einer Sünde oder einem Glauben. Homosexualität ist nichts davon. Und ehe Sie mir mit Umgangssprache kommen: von bekennenden AfD-Wählern habe ich schon gehört, aber noch nie von bekennenden Heteros. Das wäre doch mal ein Coming-out wert!

Aber dann würde es gleich doppelt kompliziert. Die ganzen Termini rund um das Öffentlichmachen(müssen) der eigenen sexuellen Orientierung sind so komplex, dass selbst namhafte Medien daran scheitern. Weshalb der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen bereits 2011 einen Leitfaden herausgegeben hat, in dem erklärt wird, was es bedeutet, sich zu outen, geoutet zu werden, wann ein Coming-out stattfindet und warum out sein durchaus in sein kann. Es gibt auch einen Absatz über Bekennertum. Gelesen haben dieses kurze Glossar längst nicht alle, die fleißig über das erfolgreiche Journalistinnenpaar berichtet haben.

Dafür hat es die homosexuelle Terminologie still und heimlich in den Kanon der heterosexuellen Alltagssprache geschafft. Nein, nicht nur in den Schimpfwortsektor. Ganz selbstverständlich hat eine Freundin ihr Coming-out als High-Heel-Fetischistin, im Nebensatz und leicht beschämt outet sich ein Veganer auf der Betriebsfeier als Eierliebhaber und zu meinem milden Erstaunen wurde meine Zahnärztin von ihrem Empfangssekretär als Rosé-Cola-Trinkerin geoutet. Deren Worte, nicht meine!

Es gibt also Hoffnung. Und wenn verpartnern das nächste große Ding ist, werden wir Seite an Seite mit unseren heterosexuellen Buddies gegen deren Diskriminierung protestieren. "Gleiche Rechte für Heteros!", "Verpartnerung für alle oder Ehe für keine", "Mein Glaube ist Privatsache" – klingt alles nach dem Himmel auf Erden und führt zielsicher zu echter Gleichberechtigung. Merkels Bauchgefühl zum Trotz und schneller als der Vatikan "mea culpa" rufen kann. Amen.

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