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"Tatort"-Kritikerspiegel "Verrücktheit ist eine Frage der Perspektive"

Seit Jahren träumt der Wissenschaftler Harald Goetz davon, sich an Professor Boerne zu rächen. Nun ist es soweit und Kommissar Thiel muss um seinen Kollegen bangen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Seit Jahren ist der Wissenschaftler Harald Götz (Peter Jordan) in psychologischer Behandlung. Er träumt davon, sich endlich an Professor Boerne (Jan Josef Liefers) zu rächen. Dann wird seine schwerkranke Frau erschossen aufgefunden. Seit Jahren versuchte er, ein Medikament zu finden, um sie zu retten. Nun brennen bei ihm die Sicherungen durch. Und Kommissar Thiel (Axel Prahl) muss nun nicht nur den Fall lösen, sondern auch noch seinen Kollegen retten.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Wo kann ich diese Pumpgun bestellen? Wie in einem Fiebertraum von Quentin Tarantino ballert sich am Anfang des Münsteraner Tatorts ein verbiesterter Forscher durch eine Rachefantasie. Sieht gut aus, scheint Spaß zu machen. Gut, dass das nicht der Jugendbeauftragte vom WDR gesehen hat.

Lars-Christian Daniels: Ein blutüberströmter Boerne am Boden: Selten mussten die Fans des populärsten aller Ermittlerteams so um das Leben ihres Lieblingsprofessors zittern wie in diesem erfreulich klamaukfreien Tatort.

Jürn Kruse: Mit wem macht Thiel jetzt nur Toyota-Werbung?

Kirstin Lopau: Die Wissenschaft ist ein Haifischbecken. Wissenschaftler an sich sind meist hochintelligent, aber emotionale und zwischenmenschliche Krüppel. Und "Verrücktheit ist eine Frage der Perspektive".

Carolin Ströbele: Dass Professor Boerne ein besserer Mensch geworden ist.


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Wo kriegt man die Pumpgun denn nun her? Aus dem Darknet, so einer der Kommissare, woher sonst? Das Darknet wird langsam zum Standard-MacGuffin für den Tatort.

Lars-Christian Daniels: "Macht- und Führungspositionen werden überdurchschnittlich oft von Narzissten und Psychopathen eingenommen", klärt Psychologin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer) uns kurz vor dem Abspann auf. Lassen wir einfach mal so stehen.

Jürn Kruse: "Versuchen Sie mal, im Darknet einen illegalen Waffenhändler zu lokalisieren, das geht nicht innerhalb einer Nacht", sagt Assistentin Nadeshda Krusenstern zu ihrem Chef Thiel. Damit hat sie recht, lässt einen aber doch ratlos zurück. Wir sind hier doch im Tatort, wo Todeszeitpunkte innerhalb weniger Minuten bestimmt werden können. Kurz darauf ist die Sache mit den Waffen dann doch geklärt. Ging doch in einer Nacht. Tatort bleibt eben Tatort.

Kirstin Lopau: Thiel hat immer Hunger. "Sterben wir nicht alle umsonst?" Und vor allem: Frau Haller (Christine Urspruch) hat endlich ihren wohlverdienten großen Auftritt: Sie ist als einzige aus dem Dunstkreis von Boerne moralisch einwandfrei, loyal bis in die Haarspitzen und so mutig wie eine Löwin.

Carolin Ströbele: Dass nicht jedes Killervirus hält, was es verspricht.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Eigentlich alle. Obwohl dieser Tatort viele heiße öffentlich-rechtliche Fernsehspielthemen anreißt – ALS und Sterbehilfe, Darknet und Amoklauf – bemüht er sich nicht, sie gesellschaftspolitisch auszuformulieren.

Lars-Christian Daniels: Faltige Gesichter aufspritzen, Depressionen mindern, Menschen vergiften: Was lässt sich mit Botox wohl noch alles anstellen?

Jürn Kruse: Warum ist der Typ, der die meisten giftigen Häppchen gegessen hat und kurz darauf Lähmungserscheinungen bekommt, am Ende wieder unverschämt gut drauf? Was war wirklich in den Häppchen?

Kirstin Lopau: Woher stammen Thiels Rückenprobleme?

Carolin Ströbele: Könnte das Liebespaar am Ende dieser Ermittlerschaft möglicherweise nicht Boerne und Thiel, sondern Boerne und Alberich heißen?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Wenn man den Krimi als Groteske mag, dann ist man mit dem überreizten Spiel aller Akteure bestens bedient.

Lars-Christian Daniels: Peter Jordan mimt den psychopathischen, von Rache getriebenen Geiselnehmer, aber wirklich abgekauft habe ich ihm die Rolle nicht. Als Chef des großartigen Undercover-Ermittlers Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) im Hamburger Tatort hat er mir von 2008 bis 2012 deutlich besser gefallen.

Jürn Kruse: Thiel und Boerne mit ... ach nein, das geht nicht.

Kirstin Lopau: Der Laborassistent des neurologischen Professors ist doch sehr dröge und in seinem Versuch, mit Nadeshda zu flirten, bemitleidenswert linkisch. Ein Charakter wie Gisbert in München hätte mir besser gefallen.

Carolin Ströbele: Das Gasthaus Zur Post sah genauso altbacken aus wie die bayerische Landschänke aus dem Polizeiruf vor zwei Wochen. Oder die Gaststätte im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht vor einiger Zeit. Böser Verdacht: Vielleicht gibt es nur eine einzige Gaststätten-Location für alle ARD-Sonntagabendkrimis? 


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Das schön inszenierte Pumpgun-Intro kann man gerne mal nach einem schlechten Tag im Büro in seinen nächtlichen Träumen Revue passieren lassen. Aggressionsabbau!

Lars-Christian Daniels: Träumen würde ich wahrscheinlich vom zerfetzten Gesicht der ALS-kranken Geiselnehmergattin. Ein Glück, dass die Kamera nur ein paar blutige Haarsträhnen einfängt und alles andere der Fantasie des Zuschauers überlässt.

Jürn Kruse: Von Kommissar Thiel, wie er sagt: "Professor Boerne ist unsterblich." Das kann er nicht wollen. Das kann der Zuschauer nicht wollen.

Kirstin Lopau: Ich hoffe, ich träume nicht von den werten Kollegen des Boerne. Verraten und verkauft ist man mit denen. Bis auf Frau Haller.

Carolin Ströbele: Von der, in der Boerne trotz Zungenlähmung immer noch Diagnosen stellt und seine Mitmenschen abkanzelt.


6. Von 0 (superspannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

 Christian Buß: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen. 😴😴😴😴

Jürn Kruse: 4 Schlafmützen (und damit außergewöhnlich wenig für einen Tatort aus Münster). 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 2 Schlafmützen. Dieser Tatort ist äußerst spannend und kommt fast gänzlich ohne Klamauk aus. Das steht dem Team Boerne und Thiel gut, weiter so! 😴😴

Carolin Ströbele: 2 Schlafmützen. Der bisher unterhaltsamste Fall seit der Sommerpause. Und am Schluss sogar mit zwei, drei überraschenden Pointen. 😴😴

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