© ARD Degeto/ORF/Superfilm/Klaus Pichler

"Tatort"-Kritikerspiegel Zuhälterschlümpfe mit Nasenbluten

Im Wiener "Tatort" wird es martialisch. Das organisierte Verbrechen zeigt, was es kann. Die Kommissare Eisner und Fellner jagen hinterher – in tierischer Begleitung.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Die Kommissare Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) haben kaum gefrühstückt, da müssen sie schon an einen Tatort, an dem man nicht wirklich frühstücken möchte. Ein türkischer Geschäftsmann wurde am Stadtrand von Wien erst gefoltert und dann grausam ermordet. Spuren führen die Ermittler in ein Döner-Restaurant und von dort in die Hände der organisierten Kriminalität. Prostitution, Menschenhandel, Geldwäsche – dieser Tatort ist ein Lexikon der Verbrechen. Bonuskapitel: ein niedlicher Hund.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über den flammenbemalten Pontiac Firebird, den sich Ermittlerin Bibi Fellner wieder mal vom legendären Strizzi Inkasso Heinzi ausleiht. Leider ist der das Einzige in diesem vergurkten Prostitutionskrimi, über das die Leute reden werden.

Lars-Christian Daniels: Über die letzte Szene mit Parson Russell Terrier Percy aka Börsi, die an dieser Stelle natürlich nicht gespoilert werden soll. Der knuffige Vierbeiner sorgt nicht etwa für öffentlich-rechtlichen Familienkitsch á la Da kommt Kalle, sondern für sympathische Entschleunigungsmomente in einem harten und kompromisslosen Milieuthriller, wie er typisch für die Tatort-Beiträge aus Wien ist.

Anne Fromm: Eine Mischung aus Kegeln und Curling ist der neue Wiener Trendsport. Sehr elegant.

Kirstin Lopau: Die Männer werden über Bibis Auto reden. Man wird diskutieren, ob sich eine weitere Reparatur noch lohnt oder ob man das Auto abstoßen sollte. Die Frauen über Percy 1 und Percy 2 und ob man die Trauer um ein verstorbenes Haustier mit der baldigen Anschaffung eines neuen mildern kann.

Carolin Ströbele: Hat Moritz Eisner eigentlich ein Rassismusproblem, wenn er den türkischstämmigen Freund seiner Tochter "Kermit" nennt?


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Rotlichtmilieu und Vorortidyll liegen oft dicht beisammen. Der Puff in diesem Tatort steht im schönen grünen Gürtel von Wien. 

Lars-Christian Daniels: Razzia im Puff? Kannste vergessen, bringt sowieso nix. Schließlich gehen dort auch täglich Polizisten ein und aus.

Anne Fromm: Bei der Wiener Polizei haben sie die gleichen Telefone wie bei der taz. Außerdem bekommt man eine Einführung in die Bandenkriminologie: Die Russen sind die Mächtigsten und für Einbruch, Kunst- und Menschenhandel verantwortlich. Albaner und Türken sind die Menschenschmuggler, die Tschetschenen die Brutalos.

Kirstin Lopau: "Krieg ist ein großes Wagnis. Er ist der Ausgangspunkt für Leben und Tod. Der Weg zum Weiterbestehen oder zum Untergang." Mit dieser Erkenntnis kommt der Zuhälter Mittermeier aus dem Gefängnis wieder, wo er nicht nur viel Zeit zum Lesen hatte, sondern noch weiter verrohte. Außerdem wird mal wieder die einzig wahre Erkenntnis der heutigen Zeit wiederholt: "Es geht nur um Macht und Geld", so Eisner, der ungewöhnlich verletzlich wirkt in diesem Tatort. Nicht zuletzt, weil seine Tochter bei ihm aus- und mit ihrem Freund zusammengezogen ist.

Carolin Ströbele: Dass Österreich das Land der tollsten Titel ist. "Herr Oberstleutnant Eisner", "Frau Major Fellner". Und das SEK heißt "Cobra". Schee!


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Zwar erklärt eine Ermittlerin der organisierten Kriminalität ganz genau, wer im Milieu das Sagen hat. So richtig schlau wird man aus diesem zusammengeschusterten Rotlichtkrimi aber nicht.

Lars-Christian Daniels: Macht Chefinspektor Moritz Eisner zukünftig womöglich auf Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer)? Der frühere Münchner Tatort-Kommissar (1975 bis 1981) brachte seinen Dackel Oswald einst in einer Tasche mit aufs Präsidium und fütterte den Vierbeiner mit Weißbier und Schnitzel. In Wien könnte von nun an eine ganz ähnliche Geschichte geschrieben werden – wenn auch mit etwas nahrhafterer Grundversorgung.

Anne Fromm: Ist Moritz Eisner eigentlich FPÖ'ler?

Kirstin Lopau: Darf Percy 2 bleiben? (Hoffentlich!)

Carolin Ströbele: Ein Zuhälter-König, der an Nasenbluten leidet. Wie lautet da noch mal der psychologische Subtext?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Nichts gegen süße Hundeaugen. Aber wie hier ein verwaister Ludenschoßhund die ganze Zeit niedlich winselnd auf dem Rücksitz von Fellner und Eisner in die Kamera starrt, lenkt doch sehr vom Prostitutionskrimi ab. Vielleicht wäre ein unsympathischer Kampfhund in diesem Fall die bessere Besetzung gewesen.

Lars-Christian Daniels: Auftragskillerin "Asia" (Puti Pendekar Kaisar) hätte auch gut in einen Martial-Arts- oder James-Bond-Film gepasst: Tötet für den Bösewicht, ohne mit der Wimper zu zucken, und führt ihre Attacken grundsätzlich nur in Zeitlupe aus. Wahnsinn. Andererseits: Zeitlupe hatten Jaws (Richard Kiel) oder Oddjob (Harold Sakata) nie nötig.

Anne Fromm: Die Pseudo-Drei Engel für Charly-Lady, die sich der Zuhälter als seine Wachhündin hält, ist ja ein ganz netter Versuch, mit Klischees zu brechen, wird aber leider selbst zu einem. Dann doch lieber Sven Marquardt für eine Gastrolle anfragen.

Kirstin Lopau: Kristina Sprenger als Daniela Vopelka vom Dezernat für organisierte Kriminalität ist in ihrer Gouvernantenhaftigkeit und mit ihrer ganz exakten Aussprache eine Karikatur ihrer selbst und unerträglich. Bitte zurück zur Soko Kitzbühl. Jede Jungschauspielerin hätte sie besser spielen können.

Carolin Ströbele: Die Leder-Martial-Arts-Killerin passt in die Wiener Zuhälterschlumpfbande so gut wie Lucy Liu in die Lindenstraße.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Kehlkopf eingedrückt, Zunge rausgeschnitten, Finger abgetrennt. Die Ludenleiche am Anfang ist ein Anblick, den man mit ins Bett nehmen könnte. Keine gute Nacht.

Lars-Christian Daniels: Eisner nascht vom "Dschungel-Curry", das ihm der fiese Bilderbuch-Zuhälter Andy Mittermeier (Michael Fuith) hat auftischen lassen. Hätte er mal besser gelassen, denn nach seiner fiesen Sommergrippe im Tatort Kein Entkommen", seinem unpraktischen Gipsbein in Lohn der Arbeit und seiner denkwürdigen Teilamnesie in Unvergessen wird der Wiener Chefinspektor einmal mehr gesundheitlich arg in Mitleidenschaft gezogen. Kennen wir ansonsten hauptsächlich vom westfälischen Kollegen Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers).

Anne Fromm: Zunge raustrennen, Hände abhacken, Menschen in Schubladen stecken – okay. Aber der Hund?

Kirstin Lopau: Die Anspielungen zum Thema Folter möchte ich so schnell wie möglich verdrängen. Also werde ich lieber von Percy 1 träumen, dem Hund des toten Zuhälters ("Ist der herzig!" – Ja, Bibi hat Recht!). Er bereichert jede Szene. Schade, dass er nicht weiter mitspielen darf.

Carolin Ströbele: Von der ersten. Dem Opfer wurde die Zunge bei lebendigem Leib heraus- und anschließend die Hände abgeschnitten. Schließlich wird ihm mit einer Schubladenkante der Kehlkopf eingedrückt. Bibi Fellner: "Ned grad die feine englische Art." Fällt das noch unter schwarzen Humor?


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: Sechs Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: Vier Schlafmützen 😴😴😴😴

Anne Fromm: Bis fünf Minuten vor Schluss würde ich sagen vier: Dann aber kam dieses fulminante Finale. Ein bisschen Hollywood ohne peinlich. Also zwei Schlafmützen. 😴😴

Kirstin Lopau: Zwei Schlafmützen. Die finale Verfolgungsjagd war sehr spannend und der ganze Plot an sich gut. Weiter so (und bitte Percy 2 nicht vergessen)! 😴😴

Carolin Ströbele: Acht Mützen. Eisners Muffeligkeit macht soooo müde. 😴😴😴😴😴😴😴😴

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Eine Mischung aus Kegeln und Curling ist der neue Wiener Trendsport. Sehr elegant.
Werte Kritiköse,
das "neue" Spiel nennt sich (Eis)stockschießen und ist uralt- zumindest einiges älter als Curling.
https://de.wikipedia.org/...

Zum Rest der (leider zu oft) danebenliegenden Kritiken schweigt des Sängers Höflichkeit, mir hat`s zu 90% gefallen- wie meist wenn die "Össis" dran sind. Nur teilweise wars dann doch etwas zu dick aufgetragen (Die Killerin in Lack und Leder & die arg komischen SloMo Szenen am Schluss)
Aber sonst ist der "Schmäh" unerreicht...

Wer Eisstockschießen nicht kennt und meint, der Wiener Gürtel sei die grüne Vorstadt, der lässt sich vielleicht von so viel Exotik blenden und hält die langweilige Geschichte für Lokaltypisch und das ewige Raunzen für den sagenhaften Schmäh.

Langweilig war's. Darüber konnte die exzessive Brutalität und der putzige Hund nicht hinweg täuschen. Aber sehr gut fotografiert.