Endlich Vintage! Falsch, falsch, falsch

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Das Leben ist komplexer geworden, aber müssen sich Menschen deshalb auch blöder verhalten? Da kann man nur noch im Schweinsgalopp auf die entscheidende Frage zureiten. Von
Aus der Serie: Beziehungen

Schwein oder Ziege. Das Leben mag sich in Komplexitäten verknäulen: An jedem Tresen stehen 15 Optionen für Gin Tonic zur Wahl, mit Hendrick's oder Tanqueray oder einem ollen Schweppes neben dem Biolabel aus Kalkutta oder der Sonderedition aus der Hocheifel. Wir haben gelernt, Mangold zu pürieren oder Mangold-Cookies zu rollen und wir haben die Grünkohlmanie schon fast überlebt. Wir lesen die New York Times online und alle witzigen Damen auf Twitter, wir kommentieren die neuen Cabrios der Kollegen auf Facebook und wir pflegen Kontakte zu unseren alten Lieben oder auch den ehemaligen Lieben der Kinder, die auch wir immer noch lieben – jedoch in einer Hinsicht läuft es im Leben auf ein simples Modell hinaus: Schwein oder Ziege. Fett oder gazellig. Sagte immer Frau Hurtig, die Mutter meiner besten Freundin, sie sagte das schon, als ich etwa 13 war und Frau Hurtig etwa 40 und wir manchmal im Badezimmer heimlich ihren Eyeshadow probierten. Jetzt ist Frau Hurtig tatsächlich 90 geworden und den Bildern auf Facebook nach zu schließen, eine echt gazellige schmale Ziege geblieben, und ich werde nächsten Monat, nun ja, was soll ich sagen, ich werde hoffentlich nicht Schwein. Mein Problem liegt woanders. Meine Optionen heißen: Brüllaffe oder tot umfallen.

Würde man mich fragen, wie es so ist im Alter, könnte ich wahrheitsgemäß sagen: ÄRGERLICH! Es gibt so viel, was mir tierisch auf die Nerven geht. Zu viel. Cardioriskante Gemütslage! Bedrohliche Auswirkungen auf den Cholesterinspiegel! Verdunklung der Laune, Versäuerung des Gemütes und man kann auch nicht immerzu nur vorbeugend basisch essen. Ich gerate in Gefahr, zu einer Wutoma zu werden, ich versuche der Gemütslage mit Atemübungen zu begegnen, langsames Ausatmen und den Strom der Luft auf seinem Weg aus den vorgestülpten Lippen nach oben an der Nase vorbei  verfolgen, also so: Phhhhh – dann tiefes neues Atemholen. Soll beruhigen. Stress wegblasen, Ärger zähmen. Tut es aber nicht. Ich halte es, ehrlich gesagt, für eine dämliche Variante der Dampfdruckkesseltheorie, nach der ein Mann zum Vergewaltiger wird, wenn er nicht ab und zu den Spermastau abbaut.

 Ich meine "Endlich Vintage!" – war das nicht ein süßes Versprechen? Wer will sich denn immer an denselben Themen abarbeiten? Keiner. Tue ich aber. Beispiele? Ihr habt gefragt! Okay: fünf.

1. Die Eventspirale

Ich meine, geht’s noch? Jedes Wochenende, jeden zweite Abend wird mein Leben von Bagatellevents belagert. Am Jungfernstieg, wo ich über das Wasser zur Fontäne schauen will – weiße Zelte, so weit das Auge reicht, stehen die noch vom Alstervergnügen von vor zwei Wochen, oder war es Cyclic irgendwas oder ist das schon für den Weihnachtsmarkt? Sind die jetzt jede Woche hier, weil die Touristen die chinesische oder mexikanische Bratpfanne nicht leergegessen haben und deshalb nächstes Wochenende wiederkommen müssen?

Anfang dieser Woche, ich kurz vor zu Hause, strömten mir Kinder in großen Formationen entgegen, sie trugen Laternen. Einige batteriebetrieben. Der erste Laternenumzug des Jahres. Im September. Im Spätsommer. Bei 25 Grad!

Als Vintagelady denkt man sofort an damals, als man selbst klein war. Da war es beim Laternenumzug schwarze Nacht und bitterkalt und es war immer der 11. November. Ein St. Martin mit rotem Umhang kanterte durchs Dorf auf einem weißen Schimmel und mein Vater verbrannte sich die Finger an den Streichhölzern, mit denen die Kerzen der Laternen, die Fenster aus schwarzem Tonpapier hatten, angezündet werden sollten, und meine Mutter schrie uns nach: "Dass ihr mir keine Lose kauft und dann mit einer lebenden Gans zurückkommt!"

Ich sehe, dass die Kinder heute ganz durcheinanderkommen. Einige Mädchen haben sich als Prinzessinnen verkleidet. Falsch, falsch, falsch, wollte ich rufen. Und wieso, bitte schön, ist morgen Lichterfest in der Einkaufszone, ihr wollt doch einfach nur bis 21 Uhr abends offen haben, oder?

Kann das Leben mal ein, zwei Tage normal sein? So ein eventloses Dahinleben?

2. Ich sag mal Waxing

Gestern las ich, Waxing sei jetzt langsam out. Waxing hätte den Nachteil, dass die zarten Teile nach dem Waxing wie rot gebrüht aussähen, dann einen Tag okay, dann rotpicklig wegen eingewachsener Haare, der Trend gehe zum Busch. Echt jetzt? Darf man kichern? Wäre Lachen noch genderneutral? Wie Oma muss man sein, um jetzt darauf hinzuweisen, dass es Zeiten gab, in denen es Leute gab, die kleine Büsche süß fanden. Bei Frauen, oder bei Männern. Wer will das hören? Von einer Oma? Vergiss es. Es heißt dann nur, man springe, eben weil Oma, auf den neusten Trend des Nichtwaxing auf, und wie politically correct ist das überhaupt, das Ende von Waxing, bei all den Ladies, die in den Studios arbeiten und die aus Drittweltländern kommen, in denen ihre Kleinkinder von den Müttern der Väter betreut werden, die sie verlassen haben. Das Wort "Brazil" sucht neue Adoptionseltern!

3. Die Telekom – skippen?

Okay, nur kurz: Also mein Handy funktioniert nicht, irgendwas defekt, ich kriege aber kein neues Handy, in Zeiten der globalen Hochkommunikation ist man der Meinung, dass nicht funktionierende Geräte nicht ausgetauscht werden, es sei denn, ich kaufe ein neues 7er Modell. Ich sollte jetzt skippen, nur noch dies: a) die Frage, ob die Sollbruchstellen bei Handys so eingeplant sind, dass sie circa vier Tage vor Einführung des neuen Modells brechen und b) dass ich den Typ bei Telekom nicht angebrüllt habe.

Wir sind bei 4.

Ich habe die Kindergärtnerin, die mir gestern in der U-Bahn gegenübersaß, nicht böse darauf hingewiesen, dass sie ihre Stimme mal bitte runterfahren soll, ich habe aber gezwitschert, wie komisch es doch ist, dass man mit Hunden und Kindern oft so laut spreche, als seien sie taub, obwohl die, also Kinder und Hunde, viel besser hören als wir Erwachsene. (Sie war natürlich trotzdem beleidigt.)

5. (Ist gleich vorbei)

Ich habe die Frau nicht zur Rede gestellt, die sich in der Kantine ein Kotelett aufgeladen hat und so tat, als hätte sie nicht den Film gesehen, der letzte Woche im Fernsehen lief, in dem die Schweine von Funktionären des Deutschen Bauernverbandes auftraten, mit offenen Wunden, dreckverschmierten zarten Häuten und mit blaubenebeltem Blick aus süßen Schweinsäuglein in die Kamera schauten, die Tierschützer heimlich aufgebaut hatten. Ich habe nicht gesagt: Schmecken Sie den Schmerz dieser Tiere, wenn Sie in Ihr verdammtes Kotelett beißen? Lässt sich das Fleisch gequälter Schweine besser goutieren, so wie das Fleisch von Schweinen, die von ihren grinsenden chinesischen Bauern über eine Rampe auf einen Sprungturm getrieben werden und dort runterpurzeln, zu Millionen von YouTube-Klicks?

Ich könnte schreien, wenn ich an diese Schweine denke. Ich meine – weinen! Es gelingt mir nicht mehr, zu verdrängen. Meine Nerven sind durch. Ich könnte schluchzen, wenn die Nachbarin sagt, sie hätte ihren Job gerne aufgegeben, weil sie ihre Kinder liebe. Ja sollen wir die Kinder hungern lassen, um ihnen zu erklären, wie sehr wir sie lieben? Findet jede dritte Alleinerziehende auf Sozialhilfe das klasse? Habe ich das nicht schon seit Jahren erklärt?

Ich möchte Leute schubsen, die am Ende der Rolltreppe stehen bleiben und erst mal gucken, wo sie sind, ohne zu sehen, dass hinter ihnen die Leute von der Rolltreppe übereinandergestapelt werden. Ich möchte die dummen Puten töten, die in meinem Lieblingscafé lauthals über eine Yvonne herziehen, die sooo dämlich ist, sooo aufgebrezelt, aber der Uli geht ja trotzdem fremd, und dann kommt eine rein und ist Yvonne und wird mit freudigem Gekreisch begrüßt.

Alter soll ja irgendwas sein mit defekter Polymerasesynthese und auch die DNA-Schwänzlein sollen immer kürzer werden. Bei mir ist es definitiv der Geduldsfaden.

Nochmal zu Ziege oder Schwein. Vielleicht doch Schwein. Aus Solidarität.

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