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"Tatort"-Kritikerspiegel: Alles so schön cyber hier

Wie funktioniert Sex mit einer künstlichen Intelligenz? Kann man Döner mit Gabel essen? Ist Stedefreund noch cool? Der "Tatort" stellt gesellschaftlich relevante Fragen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Den Bremer Kommissaren Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) kommen Zweifel an der Ursache eines Autounfalls, bei dem eine junge Start-up-Unternehmerin ums Leben kam. Denn wie das bei modernen Start-ups so ist, haben auch in diesem Tatort vier Freunde ein innovatives und mutmaßlich profitables Produkt entwickelt, das ganz offenbar Gefahren birgt.  

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Wären die Bremer beim Kaffeerösten geblieben, wäre das mit dem Internet nicht passiert.

Christian Buß: 3D-Pornos, made in Bremen. In einer Szene sieht man, wie ein Programmierer im Cyberspace Sex mit einer Cyberfrau hat, während er onaniert.

Lars-Christian Daniels: Der ARD wäre es wohl am liebsten, wenn man nicht nur am Montag, sondern noch tagelang über diesen Tatort redet – der bildet nämlich den Auftakt zur diesjährigen Themenwoche "Zukunft der Arbeit" und beleuchtet die Schattenseiten der Digitalisierung. Als Warnung vor deren Risiken funktioniert der Film durchaus passabel – als Krimi aber leider überhaupt nicht.

Kirstin Lopau: Sind wir schon wieder in der Sommerpause? Ist das eine Wiederholung? Nein, und dennoch kommt dem Zuschauer der Tatort bekannt vor, weil es Ende August eine sehr ähnliche Folge mit dem Stuttgarter Team gab. Leider sind die Geschichten fast identisch und es ist zu wenig Zeit vergangen, als dass man den Plot hätte vergessen können. 

Carolin Ströbele: Dass wir wahrscheinlich bald alle nur noch mit künstlichen Intelligenzen reden werden. Und deshalb umso mehr gilt: Man muss auch die richtigen Fragen stellen!


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Doris Akrap: Dass Angela Merkel und Barack Obama am 25. April auf der Hannover Messe in Halle 9 mit allergrößter Wahrscheinlichkeit Sex hatten.

Christian Buß: Internetklitschen sehen immer noch so aus, wie sich das Tatort-Macher schon vor zehn Jahren vorgestellt haben. Crazy Interieur, crazy people.

Lars-Christian Daniels: Einen Döner kann man auch mit einer Gabel von innen auslöffeln. Lürsen macht's vor und scheint es für absolut selbstverständlich zu halten. Sieht zwar bekloppt aus, aber die Finger bleiben wunderbar sauber.

Kirstin Lopau: Hipster mit ihren Hipster-Brillen und ihren Hipster-Jobs in ihren Hipster-Firmenlofts sind hinter dem ganzen Chichi auch nur Menschen, wenngleich mit Abgründen. Außerdem: "Menschen, die tot sind, können keine Befehle erteilen." Und: Linda Selbs (Luise Wolfram) Witze sind immer noch nicht witzig. Aber wenigstens hat sie Stedefreund dieses Mal in Ruhe gelassen.

Carolin Ströbele: Dass Kommissar Stedefreund inzwischen auch zum Club alter, weißer, abgehängter Ermittler gehört. Seine Tätigkeit beschränkt sich in diesem Tatort darauf, Bier zu trinken, der Computerexpertin vom BKA feuchte Blicke zuzuwerfen und im Liegestuhl darauf zu warten, bis sie den Fall gelöst hat. Könnte schlimmer sein.


3. Welche Frage bleibt offen?

Doris Akrap: Warum muss es immer, wenn das Internet im Tatort vorkommt, gleich die ganz große Nummer sein? Statt sich ständig an Pygmalion, Prometheus, Golem, Faust und Frankenstein abzuarbeiten, kann einfach auch mal jemand an die ganz gewöhnlichen Internetgangster ihrer Generation denken?

Christian Buß: Traurig schaut die Tochter der Toten auf das Tablet, von dem aus sie von der Cyberkopie ihrer Mutter angeschaut wird. Wie nimmt man Abschied von einer geliebten Person, wenn eine Wiedergängerin von ihr im Netz ein Eigenleben entwickelt?

Lars-Christian Daniels: Wie schafft es Rollstuhlfahrer und App-Entwickler Paul Beck (Christoph Schechinger) regelmäßig ins Obergeschoss des hippen Start-up-Unternehmens Global Bird Systems, in dem sich alle nur von neonfarbenen Elektrolytgetränken ernähren? Ein Fahrstuhl ist in dem heruntergekommen Backsteingebäude nicht zu entdecken. Elektrolytgetränke verleihen offenbar Flügel – womit auch geklärt wäre, wie die Firma zu ihrem Namen gekommen ist.

Kirstin Lopau: Was wird aus diesem Mädchen, das seine Mutter verloren hat, seinen Vater kaum kennt, und sich die ganze Zeit mit dem Alter Ego ihrer toten Mutter auf einem Tablet unterhält? Diese künstliche Intelligenz ist so real, dass selbst die Mutter der Verstorbenen beim Telefonieren nicht erkennt, dass es nicht die Tochter sondern der Computer ist, mit dem sie spricht. Mich hat das zunächst sehr berührt und dann aggressiv gemacht.

Carolin Ströbele: Ist die Computerexpertin auch eine künstliche Intelligenz?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Nessa. Mit "Hier werden Sie geholfen"-Hotline-Maskottchen Verona Pooth: Topmodel für die Darstellung ambivalenter Entwicklungsdynamiken in der digitalen Kommunikationssphäre.

Christian Buß: Der Geschäftsführer der Internetklitsche ist nicht unsympathisch genug – Höhle der Löwen-Juror Frank Thelen wäre das überzeugendere Start-up-Arschgesicht.

Lars-Christian Daniels: Die kleine Lilly Arnold (Emilia Pieske), die beim Besuch in der Leichenhalle ihre tote Mutter mit ihrem Tablet fotografiert, hätte man am besten gleich ganz aus diesem Film gestrichen.

Kirstin Lopau: Adina Vetter als Vanessa Arnold beziehungsweise Nessa ist einfach zu gut für diesen Tatort. Sie spielt alle anderen an die Wand, und das als Tote! Falls das nicht so gewollt war, hätte man Nessa vielleicht auch lieber von einem animierten Affen wie im Stuttgarter Tatort: HAL spielen lassen sollen.

Carolin Ströbele: Die der besagten BKA-Beamtin. Mit einer echten künstlichen Intelligenz. 


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Von Nessa, wie sie leibhaftig in der Tür steht und "nock nock" sagt.

Christian Buß: Von diesem quasi toten Lächeln, das die Cyberkopie des Mordopfers über PC und Tablet in die reale Welt sendet.

Lars-Christian Daniels: Die täuschend lebensechte digitale Assistentin Nessa, von Chief Financial Officer und Board Member Kai Simon (Lasse Myhr) schamlos an die Pornoindustrie weiterverhökert, zwinkert in ihrer letzten Szene dem Zuschauer zu. Wer ihr zurückzwinkern möchte, wird jäh daran gehindert.

Kirstin Lopau: Davon, wie dieses kleine blonde Mädchen mit ihrem Tablet im Arm einschläft, auf dem das Gesicht der Mutter in Form der Nessa-App zu sehen ist, auch schlafend. Selten empfand ich eine so friedliche Szene als so pervers.

Carolin Ströbele: Ein gruseliger Moment war es, als die Kommissare der Mutter des Mordopfers die Nachricht überbringen wollen und sich diese zeitgleich am Telefon meldet. Nicht einmal die eigene Mutter erkennt, dass der Anruf nicht von ihrer wirklichen Tochter kommt, sondern von einer auf sie programmierten künstlichen Intelligenz.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Doris Akrap: 6 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴, weil man früher oder später immer abschaltet, wenn man das Passwort nicht weiß.

Christian Buß: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Besonders spannend fand ich den Tatort nicht. Tut mir leid, Stedefreund. 7 Schlafmützen.  😴😴😴😴😴😴😴

Carolin Ströbele: Der Tatort hat ein paar berührende Szenen, vor allem, wenn die Tochter sich nach dem Tod der Mutter mit deren Avatar weiter unterhält. Aber die Story von den bösen künstlichen Intelligenzen, die sich gegen ihre Schöpfer erheben, hat man schon besser gesehen. Zum Beispiel im Stuttgarter Tatort: HAL, der daraus zumindest eine Hommage auf Odyssee im Weltraum gemacht hatte. Daher nur 4 mittelmüde Schlafmützen 😴😴😴😴

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