© Shawn Thew

Politisches Engagement Denn die, die hassen, schlafen nicht

Sich an Trump gewöhnen oder an ihm verzweifeln? Beides keine Option. Es geht jetzt wieder um das Grundsätzliche. Deshalb hat unsere Autorin eine Jugendbewegung gegründet. Von

Ich hätte nie gedacht, dass mir das mal passieren würde. Doch es ist mir passiert, ich bin mir selbst passiert. So wie einem jemand vors Auto läuft. Ich habe mich selbst vor meinen eigenen Wagen geschmissen, mich zum Anhalten gezwungen. Natürlich hätte ich für immer weiterfahren können, geradeaus, ohne jemanden mitzunehmen, ohne in den Rückspiegel zu schauen. Weil es mir ja gut geht. Mir es ja gut ging.

Bis zum 9. November. An diesem Datum wurde Donald Trump zum kommenden Präsidenten der USA gewählt. Ich weinte. Ich glaube nicht, dass ein aktuelles politisches Ereignis mich je so verzweifelt zurückgelassen hat.

Politisch erweckt hatte mich wahrscheinlich der 11. September 2001, als diese zwei Flugzeuge so ohne Vorwarnung und mit so viel Wucht das Leben so vieler Menschen direkt und noch vieler mehr indirekt beendet haben. Aber mir verständlich zu machen, wie privat das Politische ist, das hat erst diese US-Wahl geschafft – und zwar im vollen Bewusstsein der Tragweite, die dieser Satz als Leitspruch der Zweiten Frauenbewegung mit sich bringt.

Nicht der Brexit, nicht die Terroranschläge von Paris und Brüssel, nicht die 924 Straftaten gegen deutsche Asylbewerberheime im vergangenen Jahr, die antisemitischen Übergriffe, die in Europa wieder mehr werden, der Amoklauf von München oder der in einem schwul-lesbischen Club in Orlando. Diese Ereignisse fand ich schlimm, erschreckend, sie haben mich mitgenommen. Ich spendete Geld und half ganz pragmatisch. Aber mehr nicht. 

Ich war eine faule Optimistin.

Jetzt ist es anders. Mein Wunsch zu handeln hat nicht mehr nur eine pragmatische, sondern eine politische Dimension.

Weil die USA für mich in den vergangenen acht Obama-Jahren trotz Guantanamo und Drohnenkrieg auf der Seite der Guten waren. Weil diese Wahl nicht ohne Vorwarnung kam, sondern ich seit mehr als einem Jahr dabei zuschauen konnte, wie mit Trump der politische Anstand verloren ging. Weil sich in diesem Wahlkampf die Grenzen des Sagbaren so weit verschoben haben, dass selbst rassistische Gewalttaten nicht mehr unmöglich scheinen, sondern von oberster Stelle goutiert werden. Das hat neulich eine Versammlung der Alt-Right-Bewegung, von der sich Trump mittlerweile distanziert hat, in Washington D.C. gezeigt, als ihr Vorsitzender Richard Spencer von der Bühne schrie: "Heil Trump! Heil unseren Leuten! Heil Sieg!" Hitlergrüße folgten. 

Deutschland ist nicht die USA. Hierzulande entlädt sich Hass auf Ausländer, Asylbewerber, Lesben, Schwule, Frauen, Politiker und Journalisten seit Jahren in Kommentarspalten. Und aus Worten sind oft Taten geworden. Ich selbst bin als Journalistin angefeindet, beleidigt und bedroht worden. Trotzdem habe ich mich bisher nie zum politischen Handeln gezwungen gesehen. Wahrscheinlich, weil ich immer noch selten gemeint war. Ich habe mich sicher gefühlt in dem, was jetzt alle Filterblase nennen, was aber einfach die Welt ist, die ich mir ausgesucht habe. Die Welt, in der ich mich wohl fühle, weil die Menschen darin meine Werte teilen. Ich war eine faule Optimistin.

Bis zu dem Tag, an dem Trump gewählt wurde. Da verstand ich: Sein Wahlsieg war ein Sieg des Hasses über die Liebe, der Lüge über die Wahrheit, der Verachtung über die Empathie. Und mit dem Hass, der Lüge, der Verachtung ist jeder gemeint, der daran glaubt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Also auch ich.

In Deutschland lauert der Fremde ja oft schon hinter der eigenen Dorfgrenze.

In eine Partei wollte ich nicht eintreten. Parteiarbeit ist wichtig und ich bewundere Menschen, die sich für den Gemeinderat aufstellen lassen oder Wählerstammtische veranstalten. Aber um mein Gesicht für eine Partei hinzuhalten, habe ich an allen Optionen zu viel auszusetzen. Es wäre sicherlich auch richtig, bestehende Vereine oder Institutionen zu unterstützen. Nur hat mich Vereinsmeierei schon immer abgeschreckt. Ich bin ein Kind des Individualismus. 

Selbst aktiv zu werden, fühlte sich richtiger, mächtiger an.

Es geht wieder um das Grundsätzliche

Ich hatte gerade Carolin Emckes Buch Gegen den Hass gelesen. Darin ruft die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels zum zivilen Widerstand auf, indem man sich in einem Wir zusammenfindet, "um miteinander zu sprechen und zu handeln".

Zwei Tage nach der Wahl habe ich eine Jugendbewegung gegründet. Ich bin 29, ich habe mich noch nie politisch engagiert, in meinen Ohren hallte der Song Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein von Tocotronic.

Ich schrieb einen Facebook-Aufruf und erstellte eine Facebook-Seite, die ich DEMO nannte. Mein Plan ist es, durch Deutschland zu reisen und mit den Leuten zu sprechen, mit denen ich in meiner Welt sonst selten ins Gespräch komme. Nach zehn Tagen hatte ich 1.000 Likes.

Nur wie macht man daraus eine "zarte Form der Macht" nach Emcke? Das soll der nächste Sommer zeigen. Auf jeden Fall ist aus meinem Ich schon ein Wir geworden.

"Mareike, wenn du das durchziehen willst, brauchst du einen verdammt langen Atem", sagte ein Freund. Ich gebe ihm recht. Einige der Menschen, die anfangs begeistert kommentierten und mein Vorhaben unterstützten, ziehen sich schon wieder zurück. Einer schildert seine Resignation. Eine andere will gerne helfen, wenn tatsächlich etwas passiert. Pläne schmieden, mitgestalten, Verantwortung übernehmen, das wollen noch wenige. Ein paar Verbündete sind wir schon. Aber nicht genug. Trump ist nicht mal vereidigt worden und wir schlafen schon wieder?

Wir sind doch gerade erst aufgewacht! Die Zeiten der ermüdenden Bundestagsdebatten über die Pendlerpauschale sind vorbei. Es geht wieder um das Grundsätzliche. Um Heimat, Identität, Anstand und Gerechtigkeit. Darum, sein eigenes Recht auf Sichtbarkeit einzufordern, ohne den anderen das Gesehenwerden abzuerkennen. Darum, ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten zu schützen, um so alle zu stärken.

Der Jugendbewegung soll es um persönliche Begegnungen gehen. Deswegen will ich mit meinen Mitstreitern in alle 16 Bundesländer reisen und mit Menschen sprechen. Weil die Kraft, die darin liegt, einem Fremden im Gespräch in die Augen zu schauen, jede noch so engagierte Facebook-Twitter-Kommentarspalten-Diskussion übertrumpft. Wobei mit dem Fremden nicht mal der neue Nachbar aus Syrien oder Marokko gemeint sein muss. In Deutschland lauert der Fremde ja oft schon hinter der eigenen Dorfgrenze. Letztendlich soll es darum gehen, sich kennenzulernen. 

Vor drei Wochen noch standen die Gemüter in Flammen. Die Menschen redeten wieder über Politik. Sie suchten das Gespräch mit Partnern, Freunden, Familienmitgliedern. Sie stritten sich. Eine neue Leidenschaft war entbrannt. 

Denn wer hat eigentlich gesagt, dass Demokratie nicht anstrengend ist?

Nun ist das einzige, was noch brennt, das Baumarkt-Holz in der neuen Wohnung mit dem kleinen Kamin. Und bald ist Weihnachten, es muss ja noch viel erledigt werden bis dahin.

Aktiv sein ist anstrengend. Deshalb gilt es, jetzt Prioritäten zu setzen. Gewählt wird in Deutschland nur alle vier Jahre. Es ist Zeit, sich ins Zeug zu legen.

Denn wer hat eigentlich gesagt, dass Demokratie nicht anstrengend ist? Jahrelang haben die Deutschen den Bürgern anderer Nationen dabei zugesehen, wie sie kämpfen und für ihre Ideale auf die Straße gehen. Wie sie versuchen, etwas zu bewegen, während wir uns die neue Staffel Game of Thrones oder House of Cards reinzogen oder wieder lernten zu stricken, kochen, backen.

Aber ein Bürger hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Sie sind im Grundgesetz nicht genauer erläutert. Sie ergeben sich aus dem Zusammenleben.

Genau das gilt es nun wieder mit Leben zu füllen. Ganz im Sinne der britischen Lyrikerin Kate Tempest: Wake up and love more. Denn die, die hassen, schlafen nicht.

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