Andersrum ist auch nicht besser Kopulation für Population

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Aus der Serie: Beziehungen

Dildos waren das Multitool der Steinzeit. Man nutzte sie zum Mörsern, zum Bearbeiten von Feuersteinen und natürlich für Sex. Das zumindest legt das etwa 28.000 Jahre alte Exemplar nahe, das 2005 in einer Höhle in der Schwäbischen Alb entdeckt wurde. Ein Fund, der Fragen aufwirft.

Zum Beispiel die, wie es kommt, dass die Menschheit in Anbetracht der frühen Verbreitung dieser paläolithischen Sextoys nicht bereits seit Jahrtausenden ausgestorben ist? Denn dass erotisches Spielzeug eine regelrechte Vermehrungsbremse ist, findet der Vizevorsitzende der AfD in Sachsen, Thomas Hartung. Er begehrte empört auf, als ein kleines sächsisches Start-up einen Innovationspreis für eine, nun ja, Innovation gewonnen hat: den ersten lautlosen Vibrator der Welt.

Diesem leisen, dunkelmagentagoldenen Ding, das nur beglücken will, gibt Hartung die Schuld am Untergang des deutschen Volkes. Weil befriedigte Frauen keine Lust mehr auf echten Sex haben, ohne den es keine Kinder gibt, und ohne Kinder keine Familien und ohne Familien kein Deutschland. Kopulation für Population – man kennt das ja aus diversen Religionsangeboten. 

Immerhin betrifft diese Logik nur die, die in das Familienmodell der Alternative für Deutschland passen: deutscher Vater, deutsche Mutter, deutsches Kind, Kind, Kind. Lesben und Schwule sind raus, das ist blöd, aber naja, wir kennen das. Für die anderen allerdings – kinderlose Heteropaare, alleinerziehende Elternteile, zugewanderte Fachkräftefamilien und diverse Wahlfamilienmodelle – muss es ein ziemlicher Tiefschlag sein. Ihr gesellschaftlicher Mehrwert für die AfD ist gleich ... null.

Dabei wäre es eigentlich ein Grund zum Jubeln. Endlich gilt der schwullesbische Freifahrtschein für mehr Liebe auch für kinderlose Heteros und partnerlose Eltern! Sie stehen zwar plötzlich in der gleichen Ecke wie die durchschnittlichen Homosexuellen, aber es ist eine sehr schöne Ecke. Eine, in der jeder Mensch ungefragt und völlig vermehrungsunabhängig orgasmieren darf, wie und wann es ihm passt.

Mit Orgasmen gegen den Wahnsinn der Welt. Kommen, um nicht durchzudrehen. Das Rezept ist übrigens nicht neu. Es ist noch gar nicht so lange her, da pathologisierte man aufgebrachte Frauen als hysterisch. Galt als Krankheit – das Heilmittel war ein therapeutischer Orgasmus. Vor den Praxen der Ärzte, die die Frauen therapeutisch masturbierten, bildeten sich lange Schlangen. Es war vermutlich pures Mitleid mit überanstrengten Ärzten, das den Briten Joseph Mortimer Granville 1883 dazu trieb, den ersten Vibrator zu erfinden. 

Im Gegensatz zum Dildo, der von Hand betrieben wird und einen rein penetrativen Charakter hat, wurde der Vibrator zunächst für die ausschließlich klitorale Stimulation entwickelt und wird mit Strom betrieben. Weshalb er kann und kann und kann. Dank seiner Unterstützung konnten die Ärzte der erfundenen Krankheit Hysterie im Handumdrehen Herr werden. Und sich einmal mehr als Retter der Welt fühlen.

Es ist anzunehmen, dass Herr Hartung die Herkunftsgeschichte des Gerätes nicht kennt. Eine nicht repräsentative Umfrage im Freundinnenkreis ergab, dass es vielen Frauen ebenso geht. Obwohl sie in erstaunlicher Prozentzahl ein solches Gerät besitzen. Unabhängig von sexueller Orientierung oder Lebenssituation. Hysterisch ist keine von ihnen. Auch wenn es genug Gründe dafür gäbe, wenn man sich die Welt betrachtet.  

Um diese zu retten, helfen keine Vibratoren. Dennoch trägt das sächsische Start-up im Gegensatz zur AfD ein bisschen zu einer besseren Welt bei. Und das populationistische Getöse von Hartung hatte einen wunderbaren Effekt: Statt des angepeilten Crowdfunding-Ziels von 20.000 Euro konnten die Gründer bisher rund 55.000 Euro einsammeln.

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