Digitale Familie: Geständnisse eines Social-Media-Blutsauger-Vaters

Aus der Serie: Beziehungen

"Er war so süß", sagt die Frau. Wir sitzen abends bei einem Glas Wein in der Küche zusammen. Sie erzählt von der Weihnachtsfeier in der Kita, bei der sie am Nachmittag war, bei der unser Vierjähriger als Hirte im Krippenspiel auf der Bühne stand. Während der Aufführung habe er ihr zugewunken, erzählt die Frau. Kaum sei es vorbei gewesen, sei er auf sie zugelaufen und habe gefragt: "Mama, warum hast du keine Fotos gemacht?" Eine berechtigte Frage, finde ich.

Im Büro war bei mir an diesem Tag viel los, ich konnte nicht weg, und natürlich würde ich jetzt gerne Fotos vom ersten Auftritt meines Sohnes sehen. "Eine andere Mutter hat mit der Kamera fotografiert, da wollte ich nicht auch noch mit dem Handy …", sagt die Frau. Es liegt Trotz in ihrer Stimme. Ich bin ja tatsächlich selbst schuld, dass ich nicht dort war. Die Fotos würden sicher bald an alle Eltern gemailt, sagt sie. Bestimmt erst nach Weihnachten, denke ich, dann kann man die doch nicht mehr posten … Das sage ich natürlich nicht laut, nur zu mir selbst. Und erschrecke. Bin ich der Social-Media-Blutsauger-Vater, der den Alltag unserer Familie als Selbstinszenierungsmaterial instrumentalisiert? Ist es wirklich schon so schlimm?

Vielleicht ist mir der Grundsatz "Picture or it didn’t happen" doch zu sehr in Fleisch und Onlineverhalten übergegangen. Gibt es keine Fotos davon, hat es nicht stattgefunden. Eigentlich soll dieser Satz, den man so gerne auf Facebook oder Twitter schreibt, ja ein Scherz sein. Aber tatsächlich sind wir alle doch längst gewöhnt an den Gedanken, dass ein Erlebnis nur halb so viel wert ist ohne Fotos.

Vor Kurzem fuhr ich morgens im Auto nach Hause, ich hatte den Kleinen gerade in seine Kita im Berliner Wedding gebracht. Vor einem zehn- oder zwölfgeschossigen Wohnblock sah ich einen weißen Porsche Cayenne, umwickelt mit roten Schleifen. Ein Geburtstagsgeschenk? Das Auto für ein Hochzeitspaar? Beides erschien mir ungewöhnlich in diesem, nun ja, eher rauen Viertel. Zu Hause angekommen, stellte ich den Wagen ab und tippte die Beobachtung in das Facebook-Eingabefenster, zusammen mit dem Kommentar: "Voll süß. Alter." Eine ganze Reihe Freunde verstanden den Witz und verteilten Likes. Einer aber fragte: "Foto?" Gab es nicht. Und meine Beobachtung wirkte plötzlich nicht mehr authentisch. Bis ein anderer Freund, er war offenbar kurz nach mir an der Stelle vorbeigekommen, das Foto in einem Kommentar nachlieferte. Der Präsent-Porsche stand wirklich da, meine Ehre als Berichterstatter des Alltags war gerettet.

Permanent sind wir mit der Instagrammisierung der Welt konfrontiert. Unzählige Mode-, Food- und Lifestyle-Accounts produzieren jeden Tag Wohlfühlversionen der Realität, die auf unseren Handys und Bildschirmen landen. Der Pastateller, das neue Sommerkleid und der Strand in Indonesien sehen dank Filter so fabelhaft aus, wie sie es in der Realität niemals könnten. Zumindest nicht bei uns. Eigentlich sollten wir ja alle wissen, wie inszeniert diese Bildwelten sind, wir sind doch erwachsen. Oder nicht?

Ich habe kürzlich bei einem Event eine Instagram-Nutzerin kennengelernt, die 23.000 Abonnenten hat und Fotos von – ja was eigentlich? – ihrem Leben als junge Frau postet. Jemand aus unserer Runde bat sie um ein Erinnerungsfoto. Ich war ehrlich erstaunt über die automatisch einsetzende Professionalität, mit der die junge Frau sich für diesen "authentischen" Schnappschuss aufstelle: Hüfte leicht eingedreht, Kinn nach vorne, Körper Richtung Kamera gestrafft, die Wangen ein klein wenig eingezogen. Für regelmäßige Zuschauer von Germany’s Next Topmodel sind das wahrscheinlich altbackene Tricks. Mich beeindruckte es. Ich musste an eine Szene denken, die ich morgens in der Tram beobachtet hatte. Eine Frau hatte ihre Freundin mit ihrem weinenden Baby auf dem Arm fotografiert. "Endlich ein realistisches Instagram-Foto", hatte sie gesagt.

Auch bei unseren Kindern ist längst angekommen, dass ein Foto mittlerweile immer ein potenziell gepostetes Foto ist. "Nee, das mache ich nicht, das stellst du bloß auf Facebook", sagt mein elfjähriger Sohn, wenn ich das Handy aus der Tasche hole und ihm die Situation nicht gefällt. Auf anderen macht er sehr kalkuliert die Geste, die er sehen möchte: cool, rumalbernd, genervt. Und er will anschließend auch sehen, wie viele Likes seine Fotos oder sein Facebook-Livestream haben. Wenn wir im Urlaub ein Bild aufnehmen oder ein Video drehen, erinnert mich der 17-Jährige schon mal sehr nachdrücklich daran, dass ich ihn darin bitte auch taggen soll.

"Eigentlich ganz schön krass, oder?", sagt die Frau. Wir sind vom Krippenspiel in eine Unterhaltung über Authentizität in Zeiten der technologischen Reproduzierbarkeit hineingeschliddert, als ich etwas Merkwürdiges auf meinem Telefon entdecke. Ich wollte ihr ein bestimmtes Bild zeigen, sehe aber in meinem Fotostream zum ersten Mal eine Strecke von rund 50 Aufnahmen, deren Herkunft ich mir nicht erklären kann. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass unser Vierjähriger die Bilder gemacht haben muss, morgens, während ich noch schlief.

Er hat Selfies von sich im Dunkeln aufgenommen und einen wunderschönen Sonnenaufgang durch die Balkontür fotografiert, rosa-lila-farbenes Flammenmeer über Berlin. "Siehst du das?", frage ich die Frau. "Vielleicht sollten wir ihm zu Weihnachten einen Instagram-Account schenken", sage ich. Ich swipe weiter und finde Aufnahmen von mir im Bett. In einem Video sieht man mein Nasenloch in Nahaufnahme. Ein Filter wäre hier wünschenswert gewesen. Und man hört deutlich das Schnarchen. Das mit Instagram lassen wir wohl besser noch eine Weile.

Kommentare

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Gemach, gemach. In unserem Umfeld von Familien mit eher noch kleineren Kindern werden Fotos gemacht und hin und her geschickt, um die nicht anwesenden Väter, Mütter oder Großeltern und ggf. auch noch enge Freunde einfach auf dem Laufenden zu halten. Ein Bild sagt vielleicht nur mehr als 1000 Worte ist aber vor allem zeitlich schneller fabriziert und versandt als 1000 Worte. Und dass die (Groß-)Familie heute in der Regel nicht am gleichen Fleck wohnt, ist ja nun auch nichts umwerfend Neues mehr.
Und wenn sich ein jede(r) etwas aufhübscht für ein Foto ist das im Regelfall nicht der laszive Hüftschwung, sondern die Frage, ob man wenigstens nicht gerade die Augen zumacht, wenn die Kamera klick macht und idealiter auch ein bisschen lächelt. Wie es nach alter Väter Sitte dem zwischenmenschlichen Umgang auch ziemt.
Kein Untergang des Abendlandes in (meiner) Sicht.