Angela Merkel und Donald Trump : Gefühle first!

© Bernd von Jutrczenka /​ dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Den vergangenen Freitagabend haben sehr viele Menschen weltweit damit verbracht, Donald Trump dabei zuzusehen, wie er vor dem Kapitol in Washington anlässlich seiner Vereidigung ein großes Gemälde entwarf: Er zeichnete ein apokalyptisches Bild von Amerika, mit brennenden Mülltonnen in den Städten und Fabrikruinen, die wie Grabsteine übers Land verstreut sind. Den Titel für das Bild lieferte er gleich mit: american carnage, amerikanisches Gemetzel.

Zur selben Zeit, zu der Trump den groben Pinsel schwang, betrachtete auch Angela Merkel ein Bild. Aber ein anderes: Sie eröffnete in Potsdam das Museum Barberini, und von diesem Besuch ist ein Foto überliefert, das viel eher eine Analyse wert ist als Trumps Schreckensszenario: Wir sehen Merkel, wie sie in das Bild einer Herbstlandschaft des französischen Malers Monet vertieft ist. In den sozialen Medien wurde dieses Foto sofort gefeiert, als eleganteste Form der Ignorierung: Mit deiner Schwarz-Weiß-Malerei muss ich mich noch früh genug auseinandersetzen, bis dahin schaue ich mir lieber Farbe und Licht an. Period.

Dabei stimmt das vielleicht gar nicht. Wir von der Gesellschaftskritik haben eine ganz eigene Bildinterpretation entwickelt: Merkel hat sich bei der Betrachtung der impressionistischen Bilder im Museum mehr mit dem Phänomen Trump beschäftigt, als man vermuten könnte.

Denn auch wenn er vielleicht noch nichts davon weiß, verbindet Trump doch einiges mit den Impressionisten, denen das Museum Barberini die erste Ausstellung widmet: Sie haben den mit Abstand besten Namen der Kunstgeschichte, einen Namen, den Trump als größter Impresario ever nicht besser hätte erfinden können. Sie haben, ganz klar, die beliebtesten Bilder aller Zeiten (Seerosen!) mit den meisten Farbklecksen gemalt und werden in den erfolgreichsten Museen der Welt von den größten Menschenmassen bewundert. Ihr Stil ist geprägt von jeglicher Abwesenheit klarer Linien. Die Impressionisten waren Meister darin, Stimmungslandschaften zu entwerfen, so wie das Herbstbild, vor dem Merkel steht, denn ihnen war das Gefühl immer wichtiger als der Gegenstand selbst. Gefühle  first, sozusagen, weswegen ein Heuhaufen bei Monet mal so aussehen kann und im nächsten Augenblick schon wieder ganz anders, wovon sich Merkel im Museum Barberini überzeugen konnte, denn da hängen gleich mehrere Heuhaufenbilder von Monet. Er war, wenn man so will, der erste Meister der alternative facts. Und wenn alle Welt die Impressionisten für ihre für die Kunstgeschichte so revolutionäre Erkenntnis feiert, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt, wieso wird dann Trumps Sprecher Sean Spicer für dieselbe Haltung so kritisiert? Sad!

Nebenbei bemerkt sind Monets Heuhaufen natürlich unbestritten die teuersten Heuhaufen der Erde. Und was könnte Trump mehr beeindrucken als jemand, der Heu zu Geld machen kann?

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren