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"Tatort"-Kritikerspiegel: Take that, Verfassungsschutz!

Ein Brandanschlag beim Friseur, eine Tote, ein Dealer aus Afrika und zwei Nazimädels: Da wissen die Kommissare auch nicht, welches Klischee sie jetzt verhaften sollen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Bei einem Brandanschlag in einem Frankfurter Friseursalon kommt die Auszubildende zu Tode. Zunächst gerät ein afrikanischer Drogendealer ins Visier der Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Doch weitere Ermittlungen führen zu einer Verdächtigen, die sich in nationalistischen Kreisen bewegt …

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Die Gedanken sind frei. Aber nicht im deutschen Chor.

Christian Buß: Von diesen komischen Gedichten, die der neue Kommissariatsleiter in allen unpassenden Momenten seinen Mitarbeitern verliest. Ernst Jandl! Hätte man ja auch nicht gedacht, dass man den manischen Sprachdrechsler mal in einem 20.15-Uhr-Krimi zu hören bekommt.

Lars-Christian Daniels: Über den nervtötenden neuen Kripo-Chef, der ohne jede Ankündigung des Hessischen Rundfunks die Nachfolge des bisherigen Kommissariatsleiters Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) angetreten hat: Fosco Cariddi (Bruno Cathomas) zitiert in jeder freien Minute den österreichischen Dichter Ernst Jandl und dürfte damit nicht nur bei den verdutzten Kommissaren, sondern auch bei vielen Zuschauern für ein großes Fragezeichen auf der Stirn sorgen.

Matthias Dell: Über das Wetter.

Kirstin Lopau: Ich weiß nicht, ob sich die ARD mit diesem Tatort einen Gefallen getan hat. Auf jeden Fall kann man über alle Themen der letzten zwölf Monate sprechen: Flüchtlinge mit falscher Identitätsangabe, Abschiebung in vermeintlich sichere Herkunftsländer, aufkommender Rechtsradikalismus. Passt das alles wirklich in 90 Minuten?


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Doris Akrap: Dass man Flüchtlings-Tatorte mit etwa dem gleichen sonderpädagogischen Klischee- und Trashfaktor wie Internet-Tatorte machen kann.

Christian Buß: "Das ist der Kakaotrunk der Offenburger Milchwerke, perfekt für den Molotowcocktail mit Schraubverschluss." So ein Ermittler über die Flasche, die als Brandsatz in einen Kiosk geworfen wurde.

Lars-Christian Daniels: "Rechts ist nicht immer gleich rechts", klärt uns Janneke auf – aber schwarz ist offenbar immer schwarz. Nur den wenigsten Zuschauern dürfte auffallen, dass der Schauspieler Warsama Guled im Dortmunder Tatort: Kollaps 2015 eine fast identische Rolle als senegalesischer Drogendealer spielte. Die rechtsextreme Vera Rüttger formuliert es in diesem Tatort so: "Was weiß ich, 'n Schwarzer eben."

Matthias Dell: Dass man einen Molotowcocktail auch ohne Benzin bauen kann.

Kirstin Lopau: Brix und Janneke mögen Kanonsingen. In deutschen Polizeidienstwägen ist zu viel Elektrik drin. Und vor allem wird die Frage geklärt, warum Brix bei Fanny wohnt. Endlich!


3. Welche Frage bleibt offen?

Doris Akrap: Warum hat Vera bei der Chorprobe statt "Die Gedanken sind frei" nicht "Dieser Weg" von Xavier Naidoo gesungen?

Christian Buß: "Da wohnen zwei Frauen zusammen, und man weiß überhaupt nicht, warum." So die Ermittlerin über eine Frauen-WG, bestehend aus einer Nazibraut aus dem Unterschichtenmilieu und einer deutschtümelnden Studentin. Wir können die Frage aufgrund der nicht ganz sauberen Dramaturgie leider auch nicht beantworten.

Lars-Christian Daniels: Die wichtigste, die in einem Tatort gestellt wird.

Matthias Dell: Wer hat denn nun den Molotowcocktail ins Friseurgeschäft geworfen?

Kirstin Lopau: Wo ist der alte Chef Riefenstahl hin? Ich vermisse ihn!


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Die Rolle des neuen Polizeichefs Fosco Cariddi (geiler Name) war schon mal besser besetzt: mit Polizeipräsident Heribert Pilch in Kottan ermittelt (1981-1983).

Christian Buß: Die junge Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer kann zwar ganz wunderbar grimmig gucken, aber die Nazigöre nehmen wir ihr trotzdem nicht ab. Allerdings hat Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe im NSU-Dreiteiler der ARD die Latte für solche Rollen auch sehr hoch gelegt.

Lars-Christian Daniels: Der neue Chef Cariddi ist als Figur eine Katastrophe – so sehr ich die Experimentierfreudigkeit des Hessischen Rundfunks in den letzten Jahren zu schätzen wusste, so sehr geht dieser Schuss nach hinten los. Bitte Wiesnekker zurückholen! Den Drehbuchautoren wird schon irgendeine verrückte Geschichte dazu einfallen. Wäre ja nicht die erste.

Matthias Dell: Die von Bruno Cathomas als neuem Revierchef. Mit Roeland Wiesnekker, der den alten Revierchef gespielt hat. Das nimmt sich auf der Ebene von Bescheuertheit nämlich: nix.

Kirstin Lopau: Definitiv den neuen Chef Fosco Cariddi und zwar mit dem alten Chef Riefenstahl. Ein Ernst Jandl rezitierender Kommissariatsleiter? Wirklich?


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Von der blonden Nazifrau, sorry, von der "intellektuellen Rechten" Juliane, wie sie Vera in der Disco umarmt und dabei so aussieht wie die junge Ellen Kositza, die Ehefrau vom rechten Vordenker Götz Kubitschek, der, fällt mir gerade auf, so heißt wie sonst die Kleinkriminellen im Tatort.

Christian Buß: Von den beiden sehr kultivierten blonden Studentinnen, die hier wohl artikuliert deutsche Weisen im Chor singen: Hoch auf dem Gelben Wagen. Durch den braunen Sumpf.

Lars-Christian Daniels: Von Jannekes köstlicher Lachattacke in Brix' Küche, die eine gefühlte halbe Minute dauert und einfach ansteckend ist. Gibt schließlich auch sonst nicht viel zu lachen in diesem überraschend schwachen Frankfurter Tatort.

Matthias Dell: Vom Instant-Undercover-Cop, der mal eben in den täglich geöffneten, knackvollen Innenstadtnazikellerclub reinspaziert, "Heil Hitler" am Tresen brüllt und am nächsten Tag stolz etwas rausgefunden hat. Take that, Verfassungsschutz! Bis zu welcher Grundschulklasse glaubt man, dass das eine gute Szene wäre?

Kirstin Lopau: Von dieser Kneipendisco, wo sich die Rechten treffen. Schreckliche Leute, schreckliche Musik, schlimmes Licht.


6. Von null (super spannend) bis zehn (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Doris Akrap: Fünf Schlafmützen 😴😴😴😴😴. Höherer Wachbleibfaktor nur, weil man sich die ganze Zeit an den Kopf greifen und die Haare raufen muss, weil man immer denkt: neiiiiiiiin. Doch nicht sooooo.

Christian Buß: Sieben Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: Sechs Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: Zehn Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Fünf Schlafmützen 😴😴😴😴😴.  Leider viel zu überladen.

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

"Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?"

Richten sich die vier Antworten, die sich auf den neuen Revierleiter beziehen, nicht eher gegen die Rolle selber als gegen die Besetzung der Rolle? (Lopau: "Ein Ernst Jandl rezitierender Kommissariatsleiter? Wirklich?")

Den Frankfurter Tatort habe ich noch nicht gesehen, kenne Bruno Cathomas allerdings als hervorragenden Schauspieler (z.B. "Viehjud Levi"). Bei der Besetzung einer Rolle macht man mit Roeland Wiesnekker allerdings auch nichts falsch.