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"Tatort"-Kritikerspiegel Nachbarn auf der Lauer

Im neuen "Tatort" müssen die Kommissare Ballauf und Schenk nicht nur einen Mord aufklären, sondern auch besorgte Kölner beruhigen, die eigenmächtig auf Streife gehen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

In einem Kölner Veedel hat sich eine Bürgerwehr gegründet. Die besorgten Menschen haben sich zusammengeschlossen, um sich sicherer zu fühlen. Und obwohl die Welt durch Schusswaffen nachweislich nicht unbedingt sicherer wird, tragen sie diese trotzdem mit sich herum. Nun wird in dem Viertel, in dem die aufmerksamen Menschen patrouillieren, ein junger Mann erschossen. Und schon sind die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) zur Stelle. Auch wenn sie es manchmal lieber nicht wären.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Nordafrikaner treffen auf Rechtspopulisten. In dieser Folge findet jeder seinen Aufreger, egal ob man aus der liberalen Ecke oder vom rechten Rand kommt.

Lars-Christian Daniels: Sind nordafrikanische Flüchtlinge wirklich so aufmüpfig, arrogant und kriminell, wie es uns dieser Kölner Tatortglauben lässt? Sicherheitshalber liefert Drehbuchautor Jürgen Werner mit dem Kölner Studenten Baz Barek (Omar El-Saeidi) auch gleich den vorbildlich integrierten Gegenentwurf mit.

Matthias Dell: Über die versiegelte Tierhandlung. Wie überleben Schildkröte, Eidechse & Co., wenn keiner rein darf, um zu füttern?

Anne Fromm: Kleinkriminelle Flüchtlinge, Nazis, die sich als Retter des Abendlandes geben – waren die nicht letzte Woche schon Thema im Tatort?

Kirstin Lopau: Schon wieder das Thema kriminelle Flüchtlinge und aufkommende Rechte im Tatort? Gibt es die Themen für die Tatorte nur im Pulk? Ein Satz Tatorte mit Computer und Technik, ein Satz mit der Flüchtlingsproblematik. Ein neues Thema bitte, ARD.

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Die Kölner Polizei lebt Integration. Jedenfalls behauptet sie das auf riesigen Werbeplakaten, die in diesem Tatort die Stadt schmücken. Trotzdem wird Schenks und Ballaufs schwarzer Kollege Reisser hier von einer Bürgerwehr verprügelt. Da muss die Kölner Polizei wohl noch an der Integration arbeiten.

Lars-Christian Daniels: Bei der Kölner Polizei wird Integration zumindest auf dem Papier vorgelebt: Gefühlte vierzehnmal fängt die Kamera die Außenwerbung der Kripo ein, die auf den Straßen der Domstadt mit riesigen Plakaten um Nachwuchs wirbt und damit gezielt Migranten ansprechen möchte.

Matthias Dell: Dass der "Doc" genannte Gerichtsmediziner (Joe Bausch) nicht nur Leichen untersucht, sondern als eine Art Vorhut der Kommissare am Tatort ermittelt und die Einweisung ins "Was bisher geschah" vornimmt.

Anne Fromm: 90 Minuten Kölner Polizei und nicht einmal das Wort "Nafri" – die Kölner Kripo scheint den Kollegen von der Bereitschaft voraus zu sein.

Kirstin Lopau: Die Kölner Polizei macht mit überdimensional großen Werbebannern an der Fassade des Präsidiums Werbung für sich ("Schön, dass Sie auf unserer Seite sind"). Die Bürgerwehren hingegen sind nicht weit entfernt von Selbstjustiz und Lynchmorden. Außerdem habe ich gelernt: "Zufall gibt es nur in der Liebe, aber nicht im Verbrechen".

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: In welchem Stadtteil spielt dieser Krimi eigentlich? Hier wird jede Zuschreibung tunlichst vermieden, als ob man Angst hätte, das betreffende Viertel zu desavouieren.

Lars-Christian Daniels: Ob sich der ohnehin schon schwer verängstigte Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) nach seinem im Desaster endenden Außeneinsatz im Veedel je wieder vor die Türen des Polizeipräsidiums traut?

Matthias Dell: Warum entscheidet sich der Gemüsehändler aus der Bürgerwehr am Ende dazu, den im Keller gefangenen Hoodie-Träger freizulassen?

Anne Fromm: Wie kann der Nachrichtensprecher, den man einmal aus Freddy Schenks Auto hört, schon im Juli 2016 gewusst haben, dass Donald Trump der nächste US-Präsident wird? Haben etwa doch nicht die Russen und/oder Facebook die Wahl manipuliert, sondern die ARD?

Kirstin Lopau: Was passiert mit Ballaufs Döner im Fußraum von Freddies Wagen?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Sylvester Groth als rechtspopulistischer Bürgerwehraktivist wirkt leider nur wie ein Pegida-Pappkamerad.

Lars-Christian Daniels: Unter den vielen Zeugen und Verdächtigen finden sich einige wandelnde Klischees – allen voran die gepiercte und tätowierte Webdesignerin Tabea Fromm (Karoline Bär), die sich ehrenamtlich aufopfert und wahrscheinlich in "Refugees-Welcome"-Bettwäsche schläft.

Matthias Dell: Die von Klaus Doldinger als Straßenmusiker. Mit Till Brönner.

Anne Fromm: Den Kapuzenpullover: drei Euro für Camouflage auf Schwarz, das schafft doch nicht mal kik.

Kirstin Lopau: Ich wäre langsam mal für ein anderes Thema im Tatort. Wie wäre es mit einem guten alten Mord aus Eifersucht?


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der Tatort-Titelmelodie. Sie wird hier vom Schöpfer Klaus Doldinger bei einem Cameo-Auftritt als Straßenmusiker als Blues improvisiert.

Lars-Christian Daniels: "Irgendwann wird es uns nicht mehr geben, dann sind wir fremd im eigenen Land!" – Für seine plumpen Parolen und seine rechtspopulistische Hetze würde Bürgerwehr-Chef Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) bei einer Pegida-Kundgebung oder einem AfD-Parteitag vermutlich tosenden Applaus ernten.

Matthias Dell: Von der mit Klaus Doldinger. Wieso muss da so superplump hinterhergeredet werden von den Kommissaren? Wieso kann man, wenn man einen Cameo-Auftritt unterbringen will (wozu eigentlich?), das nicht richtig machen?

Anne Fromm: Schildkröten, überall Schildkröten. Was haben die eigentlich mit dem Fall zu tun?

Kirstin Lopau: Von dem Folterkeller, der das Übelste aus den Menschen hervorgebracht hat.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 2 Schlafmützen. 😴😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Matthias Dell: 8 Schlafmützen.😴😴😴😴😴😴😴😴

Anne Fromm: 6 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 3 Schlafmützen. Dieser Tatort ist spannend und das Ende eine gekonnte Wendung im Plot. 😴😴😴

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