William Gibson "Ich hoffe, wir sind nicht in negativen Utopien gefangen"

"Ich sehe die Zukunft nicht voraus, es fühlt sich nur so an." William Gibsons visionäre Bilder entstammen der genauen Betrachtung von Gegenwart. © Jen Osborne

ZEITmagazin ONLINE: Sie bestreiten immer, dass Sie Aspekte der Zukunft in Ihren Büchern vorweggenommen haben. Warum spielen Sie Ihre visionäre Kraft herunter?

Gibson: Ich sehe die Zukunft nicht voraus, es fühlt sich nur so an. Ich versuche lediglich, literarischen Naturalismus auf ein Genre anzuwenden, das in seinen Beschreibungen zuvor immer sehr vage geblieben ist. Früher las man in Science-Fiction-Erzählungen nichts über die Sozioökonomie oder die Sexualität, über all die spannenden Aspekte einer Gesellschaft, alles blieb seltsam abstrakt. Ich schreibe lieber über Leute, die gefährliche Scheißjobs annehmen müssen, um ihre Miete zu bezahlen oder ihre bionischen Füße. Meine vermeintlichen Vorhersagen kommen aus dieser ungewöhnlich genauen Beschreibung der Welt.

ZEITmagazin ONLINE: Bei Ihnen erfährt man sogar, wo der Stahl für diese elektromechanisch verbesserten Füße hergestellt wird.

Gibson: Ja, ich wollte mir meine Welten einschließlich der Zulieferketten vorstellen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn man frühe Gibson-Werke wieder liest, stellt man fest, wie selbst manche abseitigen Details darin im Laufe der Jahrzehnte wahr werden, und seien es selbstfahrende Autos mit künstlicher sozialer Intelligenz. Kann es sein, dass Ihre Bücher selbsterfüllende Prophezeiungen sind? Vielleicht bauen einflussreiche Computerwissenschaftler den Cyberspace einfach nach Ihren Ideen?

Gibson: Womöglich haben Sie recht. Aber ich nehme das anders wahr: Mit zunehmendem Erfolg traf ich immer mehr einflussreiche Menschen aus Wissenschaft und Technik. Die Gespräche liefen meistens so: "Ich fand Neuromancer toll – und haben Sie übrigens schon von dieser neuen Sache gehört?" Das meiste, was sie mir erklärten, verstand ich nicht, aber manchmal gefiel mir, wie es klang. Dann baute ich es in meine Storys ein. Manche Leute sehen diese neuen Ideen dann zuerst in meinen Büchern und erst später in der realen Welt und sagen: "Oh! William Gibson hat es vorhergesehen!"

ZEITmagazin ONLINE: Sie prägten dafür einmal den Ausspruch, die Zukunft sei schon da, nur nicht gleich verteilt.

Gibson: Überall tragen Menschen Teile der Zukunft buchstäblich in ihrer Aktentasche herum, die meisten wissen es nur noch nicht. In Wahrheit bin ich lediglich ein Archäologe der Gegenwart, ich nehme die Dinge anders wahr. Wenn ich mit meinem jüngeren Selbst telefonieren würde und der junge Bill würde mich fragen: "Welche coole Technologie trägst du gerade bei dir?", dann müsste ich antworten: "Ich habe einen riesigen Farbbildschirm in der Tasche, damit kann ich mit der ganzen Welt telefonieren, obwohl er keine Tasten hat, sondern nur Tastenattrappen. Wir sind alle mit diesem unsichtbaren Ding verbunden, das Internet heißt, und die Leute schicken sich damit Katzenbilder und schauen Pornos, und zwar kostenlos." Was soll er nur von uns denken?

ZEITmagazin ONLINE: Von Pornos und Katzenbildern war in Ihrem ersten Roman Neuromancer tatsächlich nichts zu lesen, Facebook und Smartphones haben Sie auch nicht kommen sehen.

Gibson: Manchmal muss ich aus beruflichen Gründen Teile des Buches noch einmal lesen, das ist kein Spaß. Die Beschreibung des Cyberspace darin ist so ernsthaft. Ich hatte mir damals wohl vorgestellt, wenn jemals eine solche Technologie entwickelt würde, wären ihre Anwendungen komplexer und einfach unvorstellbar. Ich hatte nicht geahnt, dass es auch darum gehen könnte, Chili-Rezepte auszutauschen oder die größte Demokratie der Welt mit Bullshit in den Wahnsinn zu treiben.

ZEITmagazin ONLINE: Wir bleiben dabei, Sie spielen Ihre visionäre Kraft herunter. Nehmen wir nur einen kleinen Seitenaspekt aus Neuromancer. Es gibt darin einen selbstfahrenden Mercedes namens Achmed. Er hat eine ausgeprägte Persönlichkeit und soziale Intelligenz. Die Entwickler selbstfahrender Autos heute berichten, dass sie genau an diesem kleinen, hyperrealistischen Gibson-Detail arbeiten: Autonome Fahrzeuge brauchen diese Fähigkeit, um den menschlichen Verkehr überhaupt interpretieren zu können.

Gibson: Ich bin mir sicher, dass viele Leute in der Zukunft mehr für ihr selbstfahrendes Auto bezahlen werden, wenn es Persönlichkeit hat, eine Haltung. Wahrscheinlich werden Sie auch für Siri bald ein Haltungspaket dazu kaufen können. Siri flucht dann und ist charmant, also wirklich interessant. Eine echte Person, mit der man auskommen muss.

ZEITmagazin ONLINE: Schon vor zwei Jahren meinten Sie, die Nachrichten in Ihrem Newsfeed sähen nicht gut aus, es stehe also schlecht um die Zukunft der Welt. Was sagen Sie heute?

Gibson: Es steht genauso schlimm, es geht nur noch schneller. Das fand ich an 2016 so überraschend. Dinge, die ich im Lauf von 20 Jahren erwartet hätte, wurden auf 12 Monate komprimiert. Diese bizarre neue Realität ist auch ein professionelles Ärgernis für mich. Ich schreibe ja bloß Science-Fiction-Romane, aber wenn ich so eine verrückte Geschichte erfinden würde, könnte ich sie keinem Verlag verkaufen. Nur die Welt höchstselbst kann sich das erlauben. Wer schreibt eigentlich diesen Mist? Wer schreibt die aktuelle Serienstaffel der Menschheitsgeschichte? Was haben die bloß genommen?

ZEITmagazin ONLINE: Wird es so schlimm wie in Peripherie, wo die Menschheit auf eine schleichende, vor allem durch den Klimawandel ausgelöste Katastrophe zuläuft, die 80 Prozent der Erdbevölkerung auslöscht?

Gibson: Während ich das Buch begann, wusste ich tatsächlich nicht, worin die schlimme Sache, die passieren wird, genau bestehen soll. Wichtig war mir nur, dass die Katastrophe ungefähr 200 Jahre dauern würde. Sie ist kein kurzes, gigantisches Ereignis, wie wir uns Katastrophen sonst immer vorstellen. Als ich gegen Ende des Buches dann die entscheidenden zwei Seiten schrieb, musste ich nicht viel darüber nachdenken. Ich hatte das beklemmende Gefühl, lediglich die Meinung meines Unterbewusstseins zu protokollieren. Wenn wir nicht auf eine solche schleichende Katastrophe zulaufen sollen, müssen die Dinge, die das verhindern könnten, erst noch entdeckt werden.

ZEITmagazin ONLINE: Auf der anderen Seite zeigen viele Zahlen, dass es der Welt immer besser geht. Armut, Analphabetismus, Kindersterblichkeit gehen zurück, die Zahl der Kriegsopfer ist auf einem historischen Tiefstand, die Lebenserwartung steigt. Konzentrieren Sie sich auf die falschen Themen?

Gibson: Diese optimistischen Zahlen sind das Produkt einer prädisruptiven Gesellschaft, deren Wurzeln in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg liegen. Was wir heute sehen, ist eine neue Art von globaler politischer Disruption, und zwar in dem Sinne, wie die Möchtegern-Unternehmer des Silicon Valley den Begriff benutzen: Du suchst dir ein bestehendes Modell, das du zerstören kannst. Die Leute in Trumps Kabinett sind so gewählt, dass sie ebenjenes System zerstören, das die von Ihnen zitierten guten Zahlen produziert. Wenn Trumps Wahl eine gewöhnliche Wahl ist, ist Uber eine gewöhnliche Taxifirma.

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