"Tatort"-Kritikerspiegel Motorisierter Albtraum

Im neuen "Tatort" aus Bremen müssen die Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund einem unsichtbaren Auto auf die Spur kommen. Nebenbei machen sie uns den Abschied schwer.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Zwei junge Männer werden nacheinander von einem Auto überfahren. Vermutlich absichtlich. Die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) sind auf der Suche nach einem Mörder und seiner Waffe auf vier Rädern. Die Spuren führen sie zu einem jungen Mann, der Probleme mit Drogen hat, und seiner recht verschlossenen Familie. Beinahe noch schlimmer ist, dass Sabine Postel und Oliver Mommsen bereits angekündigt haben, nur noch vier Folgen Tatort drehen und dann aufhören zu wollen. Uns fragt ja auch wieder niemand. Aber wir wenigstens unsere Kritiker.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Was war das denn für ein Auto? Elektroauto oder Benzinschleuder? Die Eigenkreation mit BMW-Hülle, die in diesem Tatort auf nächtlichen Landstraßen junge Männer auf die Kühlerhaube aufspießt, wirft viele Fragen auf.

Lars-Christian Daniels: Soll man wirklich aufhören, wenn es am schönsten ist? Sabine Postel und Oliver Mommsen haben eine Entscheidung getroffen – und dürften 2019 nach diesem starken Tatort noch ein paar traurige Zuschauer mehr in den Fernsehsesseln zurücklassen.

Matthias Dell: Über die Tatwaffe.

Kirstin Lopau: Definitiv über dieses Tat-Auto: Kann man ein Auto so umzubauen, dass man es im Dunkeln nicht mehr sieht und hört? Kann man es zu einer perfekten Waffe machen? Und wie viel Leid kann eine einzige Frau ertragen?


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Viel über Auspuffe, Elektronik und andere technische Autodetails. Allerdings so wunderbar krank und verquer in die Handlung gepackt, dass man auch ohne Autoschrauber-Gen seinen Spaß hat.

Lars-Christian Daniels: Der Bremer Tatort ist immer für eine Überraschung gut: Wenn man den Machern in den letzten Jahren etwas nicht vorwerfen konnte, dann war das der fehlende Mut zu ausgefallenen Geschichten. Das ging zwar manchmal kolossal in die Hose, sorgte aber auch für einige Volltreffer. Diesmal zeigt der Pfeil wieder nach oben.

Matthias Dell: Augen auf im Straßenverkehr.

Kirstin Lopau: Wie sinnlich man ein Auto waschen kann, bis man versteht, was man da eigentlich sieht. Cornichons knabbern ist auch keine Lösung. Aber auch, dass schmutzige Keller bei einer polizeilichen Untersuchung nicht in die Akte kommen (Glück gehabt) und dass Linda Selbs Metaphern ("Aber wenn was bellt, Fell hat und mit dem Schwanz wedelt, dann ist es höchstwahrscheinlich ein Hund. Oder eine Katze, die denkt, sie sei ein Hund.") nicht immer funktionieren. Und besonders haben wir gelernt, dass Stedefreund sehr zärtlich küsst.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Warum geben Sabine Postel und Oliver Mommsen eigentlich ausgerechnet kurz vor der Ausstrahlung der besten Bremer Folge seit langer Zeit bekannt, dass sie den Tatort verlassen werden?

Lars-Christian Daniels: Warum fahren zwei frisch verliebte Bremer Teenager nachts mit dem Motorrad aufs Land und knutschen im Wartehäuschen einer Bushaltestelle? Da würden mir spontan ein paar romantischere Orte einfallen.

Matthias Dell: Hatten Stedefreund und die Neue beim letzten Mal tatsächlich was miteinander?

Kirstin Lopau: Was wird aus Tajana?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Top-Besetzung.

Lars-Christian Daniels: Dieser Tatort ist mit Moritz Führmann, Angela Roy und Hollywood-Export Rainer Bock in den Nebenrollen sehr stark besetzt. Natalia Belitski kann da als rollstuhlfahrende Freundin des Serienmörders nicht ganz mithalten, bekommt von den Filmemachern aber auch deutlich weniger Raum zur Entfaltung eingeräumt.

Matthias Dell: Autoliebhaber würden vielleicht sagen: die des Wagens. Ich bin da leidenschaftslos.

Kirstin Lopau: Die Figuren sind alle gut besetzt, besonders beeindruckend finde ich Familie Friedland. Jedes einzelne Familienmitglied wird sehr dicht gespielt.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Vom Vorspann, da wird das Killerauto mit düsterer Erotik in Szene gesetzt. Zart streicht ein Schwamm nassen Schaum über die Stoßstange und den Reifengummi, dann wird er in den Eimer getaucht, in dem sich das Wasser blutrot färbt. Dazu singen Tocotronic "Ich öffne mich / Und lasse dich in mein Leben / Ich werde mich nicht mehr / Der Schwerkraft ergeben." Das Auto als Mittel der Entfesselung und Entgrenzung, als Objekt der Liebe und Begierde.

Lars-Christian Daniels: Ein Zahn, ein Fingernagel, ein kotzender Gerichtsmediziner: "Wenn das jemand mitkriegt, bin ich erledigt!"

Matthias Dell: Dem Techtelmechtel von Stedefreund und der Neuen, weil es so unvermittelt kommt, wenn man sich nicht erinnern kann.

Kirstin Lopau: Von den Details des Todesautos. Schreckliche Albträume werden das sein.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze. 😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Matthias Dell: 2 Schlafmützen. 😴😴

Kirstin Lopau: Endlich mal wieder ein Tatort ohne politische Aussage, dafür aber mit einem "ganz normalen Psychopathen", der Abgründe einer Seele zeigt, auf die ich an mancher Stelle gerne verzichtet hätte. 😴😴

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