Altersunterschied "Der Fall Macron ist sehr ungewöhnlich"

ZEITmagazin ONLINE: Gab es in Ihrer Praxis den Fall, dass eine ältere Frau mit jüngerem Liebhaber zu Ihnen kam?

Ahlers: Absolut. Aber in diesen Fällen geht es weniger um die Sorge, dem Partner sexuell nicht gerecht werden zu können. Da haben es Frauen, die erst später im Leben ihren sexuelle Höhepunkt erreichen, viel einfacher als Männer. Bei ihnen bin ich viel stärker mit sozialen Aspekten beschäftigt: Wach-Schlaf-Rhythmus, körperliche Betätigung, Party, Drogen, Ausgehen, Ausdauer und so weiter. Ganz wichtig ist auch das Thema Eifersucht – die ständige Angst, dass der jüngere Mann sich einer jüngeren Frau zuwendet. Viel stärker als bei älteren Männern mit jüngeren Frauen, weil die im tiefsten Inneren wissen: Gebunden ist meine Freundin an meine Brieftasche.

ZEITmagazin ONLINE: Was geschieht, wenn die jüngere Frau einen Kinderwunsch hegt, der ältere Mann das aber nicht mehr möchte?

Ahlers: Wenn er es kategorisch verweigert, wird die jüngere Frau ihn verlassen. Das ist ein Naturgesetz. Es sei denn, sie hat eine psychische Störung und ist emotional abhängig gebunden. Dann bleibt sie vielleicht, aber um den großen Preis, dass sie es ihm lebenslang vorhalten wird.

ZEITmagazin ONLINE: Kann es für ältere Frauen auch ein Grund sein, sich einen jüngeren Freund zu suchen, weil dieser toleranter und aufgeschlossener gegenüber ihrem Willen nach Augenhöhe in der Beziehung und einer gleichwertigen beruflichen Karriere ist?

Ahlers: Es scheint tatsächlich so zu sein, dass viele Männer eine gleichaltrige, starke Frau in Führungsposition, die womöglich mehr verdient als sie selbst, als Selbstwertbedrohung erleben und lieber jemanden wählen, der in sozioökonomischer Sicht unter ihnen steht. Was dazu führt, dass Frauen in Führungspositionen statistisch gesehen signifikant überdurchschnittlich häufiger Single sind.

ZEITmagazin ONLINE: Und Frauen fühlen sich weniger von einem Partner mit höherem sozioökonomischen Status bedroht als Männer?

Ahlers: Ja. Ich denke, dass Frauen an dieser Stelle weniger selbstwertschwach sind als Männer. Viele Frauen wünschen sich beinahe einen über ihnen stehenden Mann. Das beginnt mit der Körperhöhe und geht weiter mit dem Jahreseinkommen.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt nicht sonderlich emanzipiert...

Ahlers: Wie auch an anderer Stelle erleben wir hier eine Rückkehr zu längst überwunden geglaubten Konservativismen: Kein Sex vor der Ehe, übertriebene Ernstnahme des Themas, der Verlust der spielerisch-erkundenden Leichtigkeit, die junge Menschen ja gewöhnlich in ihrer Beziehungsführung haben. Dazu kommt ein Wunsch nach Versorgung und Entlastung, der heute stärker wirkt und mehr Platz einnimmt als noch zum Ende des 20. Jahrhunderts. Damals galt es als bewundernswert, Karriere zu machen, heute sagen Frauen wieder zunehmend: Ich finde das total anstrengend, wünsche mir ein Baby und möchte mich in dieses Haifischbecken der Berufswelt gar nicht mehr hinein wagen.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es für jemanden wie Sie, der Menschen stärken und ermächtigen möchte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, frustrierend zu beobachten, dass man hinter die hart erkämpfte gesellschaftliche Errungenschaften der Gleichberechtigung zurückfällt?

Ahlers: Aus Sicht der Emanzipationsbewegung und des Feminismus ist das zutreffend und ich befürworte diesen Rückschritt nicht. Aber ich empfinde hier keinen Weltschmerz. Ich beobachte das mit Aufmerksamkeit und reflektiere vor dem Hintergrund dessen, was die Menschen mir berichten.

ZEITmagazin ONLINE: Wir haben bisher ausschließlich über die klassische Beziehungskonstellation Mann-Frau gesprochen. Wie ist es bei gleichgeschlechtlichen Paaren, ähneln sich die Muster hier oder gibt es doch Unterschiede?

Ahlers: Es gibt erhebliche Unterschiede. Partnerschaften unter Männern mit großem Altersunterschied werden in der Regel als offene Beziehung geführt. Das bedeutet übersetzt: Liebe, Sexualität und Partnerschaft sind desintegriert – Sex wird outgesourced in beziehungslose Gelegenheitssexualkontakte mit anonymen Partnern. Die eigentlichen Partnerschaften verkumpeln oder vergeschwistern dann meist schnell, das heißt, sie werden freundschaftlich und asexuell geführt, wie eine Vater-Sohn-Beziehung.

ZEITmagazin ONLINE: Wie ist es bei Beziehungen mit großem Altersunterschied unter Frauen?

Ahlers: Nochmals ganz anders. Sie laufen viel diskreter im Privaten ab. Anonyme Gelegenheitssexualkontakte spielen eine geringere Rolle als bei den Männern. Frauen leben ihre Sexualität viel stärker auf der Beziehungsebene aus. Erregung ist ein Teil davon – aber hat nicht dieselbe Priorität wie unter Männern.

ZEITmagazin ONLINE: In der christlichen Kultur galt lange die Familiengründung als das Ziel einer Partnerschaft. Ist eine Beziehung mit großem Altersunterschied auch darum immer noch ungewöhnlich, weil das Kinderkriegen hier nur bedingt eine Rolle spielt?

Ahlers: Die Vorstellung, dass es in unserer Sexualität vor allem um Fortpflanzung geht, ist eine reduktionistische und falsche Sicht, die sich in keiner Weise mit sexualwissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Das ist für jeden problemlos erkennbar, der sich fragt, bei wie viel Prozent seiner sexuellen Betätigungen es ausschließlich um Fortpflanzung ging. Schon bei Zwergschimpansen ist Sexualität von Fortpflanzung entkoppelt. Abgesehen davon kann ein älterer Mann ja relativ problemlos mit einer jüngeren Frau Kindern zeugen. Nur anders herum braucht es einen größeren reproduktionsmedizinischen Aufwand.

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