© NDR/Christine Schroeder

"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Das Höchstmaß an Romantik in Rostock

Im "Polizeiruf 110" wird ein fußballwütiger Zahnarzt ermordet. Die Kommissare König und Bukow ermitteln nun im Ultra-Umfeld eines Fußballvereins, und es knistert hörbar.

Nach einem traumatischen Erlebnis kehrt Ermittlerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) nach Rostock in ihren alten Job zurück, die Kollegen sind verunsichert, sie selbst auch. Humor hilft nicht immer. Da kommt ihr die Leiche eines Zahnarztes gerade recht. Dieser war Fußballfan, Mitglied der Ultra-Gruppierung eines Fußballvereins und wurde absichtlich vor einen Lastwagen gestoßen. König und ihr Kollege Bukow (Charly Hübner) müssen in den Tiefen der Ultra-Szene ermitteln, aus denen man schwer wieder rauskommt.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Szene, in der sich die Hool-Frau für ihren Ex-Freund die Bluse vom Leib reißt, um ihm dann einen abgeschlagenen Flaschenhals an den Hals zu setzen. Große, ambivalente Liebesszene.

Lars-Christian Daniels: Über Fußball, schließlich war am Samstagabend Pokalfinale. Im Rostocker Polizeiruf spielt das runde Leder in der Welt der Ultras und Hooligans aber nur eine Nebenrolle: Hier sind animalische Drohgebärden und gebrochene Kiefer wichtiger als jeder Auswärtssieg im Kampf um den Klassenerhalt. Wenn Hansa Rostock im Film doch wenigstens Hansa Rostock hätte heißen dürfen: Auch deshalb wirkt vieles ein bisschen künstlich. 

Matthias Dell: Über den Verzehr von Speicherkarten.

Kirstin Lopau: Sind die blutunterlaufenen Augen mit den Ringen bis zu den Mundwinkeln von Bukow in den ersten Szenen echt (und wie lange hat er dafür nicht geschlafen) oder ist die Maske nur sehr, sehr gut?


2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: "Liegt einer am Boden, wird nicht weitergetreten. Ultra-Ehre."

Lars-Christian Daniels: "Ficken ist das Höchstmaß an Romantik in Rostock."

Matthias Dell: Dass Leute tatsächlich Speicherkarten verspeisen.

Kirstin Lopau: Hooligans tragen einen Zahnschutz, wenn sie sich kloppen. Saufen muss man können. König und Bukow sind "nicht gut für einander, [sie] machen [sich] kaputt". Und: "Bullen müssen nicht schön aussehen."


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Unter den Hools ist auch ein Zahnarzt. Der wird am Anfang ermordet. Was haben eigentlich seine Patienten gesagt, wenn er nach seinen Wochenendrauftouren mit eingeschlagenen Zähnen in der Praxis stand?

Lars-Christian Daniels: "War das eigentlich teuer?" – "Keine Ahnung, der Zahnarzt ist doch tot." – Ob Anton Pöschel (Andreas Guenther) die Rechnung für seine professionelle Zahnreinigung  je wird begleichen müssen?

Matthias Dell: Wann steigt Hansa Rostock wieder auf?

Kirstin Lopau: Was wird wohl aus Tore, der nun ohne Vater im Hooligan-Milieu aufwachsen darf? Mich gruselt es. Und natürlich bleibt die Frage offen, ob zwischen König und Bukow jemals etwas laufen wird.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Einige Hools sind sehr plump auf Schläger getrimmt.

Lars-Christian Daniels: Der kleine Tore kann einem schon leid tun: Der brutale Hooliganvater sitzt jahrelang im Knast und die cholerische Mutter nötigt ihn zum Flötespielen. Immerhin: Seine fußballverrückten Eltern haben ihn Tore und nicht etwa Stolle oder Latte getauft.  

Matthias Dell: Die der Hardcore-Fan-Gruppe – und zwar mit ein paar mehr Komparsen. So war's doch, ob im Tunnel oder der Vereinskneipe, sehr überschaubar.

Kirstin Lopau: Lasse Myhr als Stefan Momke entspricht stark dem Klischee eines Hooligans. Ein bisschen weniger Tattoos, Schweiß und Schmutz wäre mir lieber gewesen. In wieweit dies der Realität entspricht, weiß ich allerdings nicht.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der Szene, in der Kommissarin König ihrem Vorgesetzten den Bericht vorliest, in dem sie Auskunft über eine versuchte Vergewaltigung während einer Festnahme gibt: "Er versucht von hinten in meine Seele einzudringen. Seele steht hier nicht, das soll nur den Vortrag auflockern."

Lars-Christian Daniels: König geht in einen Club und gibt sich am Tresen die Kante, ein halbes Dutzend Drinks später gesellt sich Bukow dazu. "Ich kann nicht tanzen", weiß der abgehalfterte Ex-Familienvater um seine Schwächen, doch König ist das egal: "Dann stellen Sie sich in die Mitte und ich tanze um Sie rum." – Eine großartige Szene, wahrscheinlich die beste in diesem etwas enttäuschenden Polizeiruf.

Matthias Dell: Dem Moment, in dem Bukoff auf seine Ex-Frau und den Kollegen trifft. Das war so GZSZ-billig inszeniert, wie traurig.

Kirstin Lopau: Vom Schweißgerät auf dem Fuß, aber viel lieber vom Tanz von König und Bukow – sehr alkohollastig, verrückt und auch ein bisschen amourös.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Matthias Dell: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 4 Schlafmützen, es gab schon sehr viel stärkere Polizeirufe aus Rostock. 😴😴😴😴

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