Digitale Familie: Papa, hast du schon gelikt?

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Aus der Serie: Beziehungen

Ich sitze am Rechner und lese etwas, als die Tür aufgeht. Unser Fünfjähriger kommt zu meinem Schreibtisch gelaufen und fragt: "Papa, hast du schon gelikt?" Ich schaue irritiert von meinem Bildschirm auf und in ein grinsendes Kindergesicht. Es dauert eine Sekunde, bis ich verstehe. Ich nehme mein Handy in die Hand, öffne Instagram und finde das Foto, das die Frau gerade gepostet hat, Hühner in einem Berliner Hinterhof. Ich tippe zweimal auf das Bild, das Herzchen ploppt auf. "Er hat gelikt!", ruft das Kind und läuft wieder in das andere Zimmer zu seiner Mutter. "Danke, Schaaatz!", ruft die Frau von nebenan. Liebe geht manchmal auch durch das Smartphone.

Die Frage "Hast du schon gelikt?" ist eine Art Running Gag bei uns zu Hause, seit die Frau vor ein paar Monaten auch einen Instagram-Account gestartet hat. Seitdem haben wir einen Digitalen-Unterstützungspakt. Ich like ihre Fotos, sie meine Drohnen-Videos, Reichweitenoptimierung als Familienprojekt. Wenn die Frau nachmittags mit unserem Sohn im Garten einer Freundin Radieschen erntet und davon ein Foto postet, like ich das im Büro sofort. Natürlich auch das Foto eines Magazins, für das meine Frau eine Story über das digitale Kind geschrieben hat. Make family business great again.

Allerdings frage ich mich gerade, ob wir nicht dringend miteinander reden müssten. Denn bevor der Kleine rübergelaufen kam, hatte ich mich durch eine Präsentation gescrollt, die eine alarmierende Aussage enthält: Mütter, die während der Kinderbetreuung ein Handy benutzen, fügen ihren Kindern schweren Schaden zu.

"Schaaatz?!?"

Ins Netz gestellt hat die Präsentation die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Zusammengefasst sind darin die Ergebnisse einer Studie, die der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Auftrag gegeben hat. Befragt wurden fast 6.000 Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr. Und auf Folie 15 der Präsentation ist zu lesen, dass es signifikante Zusammenhänge zwischen Fütter- und Einschlafstörungen bei Säuglingen gebe, "wenn die Mutter während der Säuglingsbetreuung parallel digitale Medien nutzt". Bebildert ist das mit dem Foto einer jungen Frau im Blazer, die mit einem Kleinkind auf dem Schoß vor einem Laptop sitzt und gleichzeitig auf ihr Handy guckt. Sozusagen eine ganz typische Alltagssituation junger Mütter.

Auch bei älteren Kindern will die Studie negative Auswirkungen übermäßiger Mediennutzung festgestellt haben: Smartphones sollen in direktem Zusammenhang mit Entwicklungsstörungen, Hyperaktivität und der Neigung zu Süßgetränken stehen. Donald Trump ist offenbar nicht der einzige Teenager, bei dem das beobachtet wurde.

Ich habe mich ein wenig umgeschaut, was von den Ergebnissen zu halten ist. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Die Studie kommt im Netz nicht soo gut an. Auf Twitter fragt sich zum Beispiel @misscharlez, ob die Untersuchung wissenschaftlich genauso professionell umgesetzt wurde wie die PowerPoint-Präsentation, die tatsächlich schlimme Augenschäden verursachen könnte. Vor allem die Sache mit den Müttern sorgt für Kritik. "Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter", schreibt die Bloggerin Julia Schönborn. In den fünfziger Jahren galt es als gefährlich, wenn Mütter Auto fahren, amüsieren sich andere. In den siebziger Jahren, wenn sie arbeiten. Jetzt sind Mütter mit Handy gefährlich.

Ich habe zu dieser Mütter-Geschichte eine klare Haltung: Grundsätzlich stelle ich mir vor, dass es wahrscheinlich genauso wenig förderlich für Kinder ist, wenn die Väter die ganze Zeit am Handy hängen. Aber ich finde es trotzdem gut, mal für einen Moment bei den Müttern zu bleiben. In der Regel bekomme den schwarzen Peter für den unverantwortlichen digitalen Einfluss nämlich immer ich als Vater zugeschoben. Das ist mal eine angenehme Abwechslung.

Wenn wir zum Beispiel auf der Geburtstagsfeier eines Freundes in einem Biergarten auftauchen und sich der Fünfjährige mit meinem Handy unter den Tisch legt, um nach einem langen Tag am See eine Episode der Serie Dragons in der Netflix-App zu gucken, schauen die Gäste definitiv zuerst mich schräg an. Und wenn der Elfjährige ein paar Tage zu seinen Großeltern fährt und dort nach Ausflügen und Radtouren auch mal chillen und in Ruhe drei Stunden auf dem Minecraft-Server seiner Klasse abhängen will – wer bekommt dann wohl die kulturpessimistischen Bedenken der Oma zu hören? Richtig. Ist das gerecht? Die Frau hat ihr erstes iPhone drei Tage vor der Geburt unseres Sohnes bekommen und ich kann sagen: Sie hat sich über beides sehr gefreut. Auch Mütter daddeln manchmal zu viel, das muss man doch mal sagen dürfen.

"Hä?", sagt die Frau, die jetzt neben mir steht und auf meinem Bildschirm die Studie überfliegt. Sie ist nicht überzeugt. Ich versuche es mit einem Witz und zeige ihr die vorletzte Folie. "Guck mal, wir sollen mit den Kindern auch mal digitale Pausen machen", sage ich und lese aus der Studie vor: "Kicken statt Klicken. Paddeln statt Datteln. Und Bicken statt Liken." Das steht dort wirklich: "Datteln" statt daddeln, und "Bicken". Gemeint war wohl biken, wie Rad fahren. 

"Na, mehr bicken, Schatz?", frage ich. Die Frau verdreht die Augen, sie findet das albern. Es ist ein guter Zeitpunkt, um den Laptop zuzuklappen und das Kind ins Bett zu bringen, beschließe ich. Danach können wir uns ja noch mal unterhalten. Über digitale Pausen und so.

Man muss auch mal eine digitale Pause einlegen, empfiehlt die Präsentation auf der Website der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. © Screenshot www.drogenbeauftragte.de

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