Gesellschaftskritik: Die Hüterin Europas

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Ist die Queen eine heimliche Brexit-Gegnerin? Als sie gestern vor das Parlament trat, um die Regierungserklärung von Theresa May zu verlesen, trug sie ein blaues Kleid und einen blauen Hut mit gelben Blumen. Für einige Kommentatoren sah das verdächtig nach einer Adaption der blau-gelben EU-Flagge aus. Labour-Politiker Paul Flynn nannte Kopfbedeckung einen "Anti-Brexit-Hut". Der Brexit-Beauftragte des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, twitterte dazu: "Eindeutig werden einige in Großbritannien noch von der EU inspiriert."

Nun ist es ja nichts Neues, dass Monarchen mit Garderobe Politik machen. Obschon in England. Man betrachte sich die Klamotten der Tudors. Heinrich VIII etwa hatte sich übergroß porträtieren lassen. Dabei war nicht so wichtig, wie das Gesicht aussah. Die Stickereien auf dem Wams, die Perlen, die in die königlichen Juwelen eingearbeitet waren, und der Glanz auf jedem Edelstein der Ringe an den wurstigen Fingern sind bis ins Detail ausgearbeitet. Die Kleidung machte die Macht aus.

Im Grunde laben wir uns heute noch am Stilbewusstsein der Monarchen. Hätte der französische Hof nicht Schneider und Kunsthandwerker aus ganz Europa zusammengezogen, um dort für das Geschmeide des Herrschers zu sorgen, wäre Paris nie zur Modemetropole  geworden. Und deswegen kann man als Monarch auch gar nicht anders, als glühender Europäer zu sein. Ohne Europa ist man bei Hofe aufgeschmissen.

Die Königshäuser haben wild durch den Kontinent geheiratet und waren abhängig vom der Mobilität des Arbeitsmarktes. Von wem hatte sich Heinrich VIII schließlich malen lassen? Von Holbein, einem Deutschen. Wäre die Einstellung des Malers aus Augsburg in London an der Verweigerung einer Arbeitserlaubnis gescheitert – wüsste man heute überhaupt, wie die britischen Regenten aussahen?

Nun wird es darauf ankommen, die anderen farblichen Botschaften der Queen zu dekodieren. Bei einem Papstbesuch trug die Queen zum Beispiel Lila. Vielleicht ist sie Feministin.

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