Endlich Vintage! : Très cool, Brigitte

© Ian Langsdon/​AFP/​Getty Images
Donald Trump war nicht besonders charmant zu Brigitte Macron. Die Frauen im Internet noch weniger. Dabei hat sich Frankreich mittels einer Vintage-Lady neu erfunden. Von
Aus der Serie: Beziehungen

Ein Hype geht um, er hört auf den Namen "Brischit". Das weckt Erinnerungen. Wie Wogen durchflutet es mein schrumpfendes Gehirn, spült längst vergessenen Bilder aus den vermosten Ecken, süße Erinnerungen an sehr nackte Beine, sehr kurze Fummel, sehr blonde, sehr wild geföhnte Haare. Die Lippen! Voll auf Pööö gestellt! Man sagte damals Schmollmund. Das Phänomen hieß auch: BB.

Brischit, also BB, also Brigitte Bardot hatte ein Faible für Typen, das ist ein Satz, der sich auch umstandslos umkehren ließ, Typen hatten ein Faible für Brischit. Alles war, alles drehte sich um Sex, weshalb man sagen kann, auch die Sprache spielte damals Löffelchen. In St. Tropez! Am Strand. Das ist natürlich Sand von gestern, Schulmädchen-Report. Jetzt gibt es eine neue Runde: La nouvelle Brigitte! Spielt nicht an der Côte, sondern in Paris in goldenen Palästen. Während die alte Brigitte jetzt für Tierschutz und den Front National einsteht, steht die neue für En Marche und Glamour. Ja, und auch wieder geht es um sehr kurze Fummel, sehr blonde Haare, sehr wild geföhnt. Alles très cool. Fast wie bei BB. Aber mit 64.

Vintage hat nun einen neuen Standard. Man googelt Brigitte + Macron und Google schlägt vor: Brigitte + Macron + jung. Auch Donald Trump war wohl vor seinem Besuch in Paris auf Google und sagte dann zur Frau des französischen Präsidenten: "You know, you are in such good physical shape".  Sound wie der, den meine Söhne hatten, als ich vor zweieinhalb Jahrzehnten mit ihnen Fußball spielte und den Ball auch mal ins Tor kriegte: "Gut, Mama!" Diese Ungläubigkeit. Das baffe Wow! Was Trump meinte: Wow. Gut erhalten. Dachte er etwa an sich, die ganze zerfließende Leibesfülle? War er neidisch? Zum französischen Präsidenten gewendet und in Richtung Brigitte gestikulierend, sagte der amerikanische Präsident jedenfalls: "Sie sieht echt gut aus!" Im Sound von: Deine Tussi! In dem Alter! Also: "Beautiful!"

Seither tobt das Netz, dass die Spucke fliegt. Wie der redet, so reden Kerle sonst über ihre Hunde. Was der sich traut! Man traut Trump alles zu. Ein Glück, dass er nicht nachgeschaut hat, wie es um ihre Pussy steht! Dazu war allerdings keine Gelegenheit. Das Video zeigt, wie Brigitte Macron subito einen Schritt zurücktritt und Melania beschützend den Arm um sie legt. Brigitte, die 24 Jahre älter ist als ihr Mann, sieht dabei in ihrem kurzen weißen Reißverschlusskleid ein wenig aus wie die kleine Tochter von Melania, die sie überragt und die ihrerseits 24 Jahre jünger als ihr Donald ist, der wiederum zehn Jahre älter ist als Brigitte, also etwa so alt wie die Bardot heute (und genauso pflaumig weich).

Wenn man etwas aus dieser Episode lernt, dann dies: Auch wer im Alter super jung aussieht, wird beäugt wie ein altes Pferd. Keineswegs nur von Typen, auch von den Mädels im Netz, ja gerade von den Frauen, auf Blogs, bei Nachrichtensendern, auf Twitter und Co. Diese Mähne? Ob da Haarverstärkung drin ist? Als Aufplusterung? Hat die Première dame genug Bewegung? Wie steht es um die Beinmuskulatur? Braucht es mehr Krafttraining? Wirkt Brigitte fragil? Oder doch eher elastisch? Wenn auch, mon Dieu, ein wenig angeschrumpelt? Ist das Futter auch hochkarätig, müssten Zusatzstoffe empfohlen werden? Sind die Lippen flauschig? Ist da – Botox im Spiel? Huuuh, jetzt ist es raus. Ja, die Mädels, geben immer gerne den Trump.

Mehrere Fragen tun sich auf. Um mit der alten BB zu sprechen: Wo bleibt der Tierschutz? Und: Warum sagt niemand was zu den Zähnen? Wo alten Pferden doch immer als erstes ins Maul geschaut wird? Da ist tatsächlich eine interessante Lücke in all der Schnatterei. Gerade, wo es so offensichtlich ist, dass die Zähne gerichtet wurden, und warum auch nicht? Hatten wir nicht alle Zahnspangen oder wollten welche? Auf frühen Bildern, auf denen Madame Macron noch Madame Auzière hieß und in Amiens Französisch und Latein unterrichte, standen die Zähne jedenfalls süß auf Eck, diese Bilder zeigen sie, mit 39, neben ihrem Schüler Emmanuel, der 15 war und keine Zahnspange trug. Unter den Bildern steht: "Erster Kuss". Großes Schultheater. Beginn einer Liebe. Wird heute unter Romantik verbucht, und schnell weiter im Text, bevor jemand fragt: Wo blieb da der Jugendschutz?

Das zu fragen wäre natürlich der wahre Skandal. Sagt man aber nicht. Ist ja auch so lange her. Ein Viertel Jahrhundert. Was sich nicht alles geändert hat, in dieser Zeit. Als Brigitte so alt war wie ihr Emmanuel damals, also sie ihn traf, wäre es jedenfalls ganz unmöglich gewesen, dass eine Vintage-Lady mit einem 24 Jahre jüngeren Mann hätte aufkreuzen können. Und heute wäre es unmöglich, dass ein 64 Jahre alter Typ dafür bewundert würde, dass er mal eine 15-Jährige abgeschleppt hat. Das Argument kommt natürlich von einem Mann. Kein alter Trump, eher ein junger Typ, also jünger als Macron. Wir saßen beim Gin, man bemerkte die Blicke, ich versuchte, mich zu konzentrieren. Er pochte, ganz emanzipiert und vehement, auf gleiches Recht für alle. Ja, so ändert sich alles, und es ist wirklich ganz verwirrend.

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