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Wahlen Die Stimmen der Frauen

Frauen entscheiden anders als Männer. Wie wären die Wahlen in den USA, Frankreich, Österreich oder der Brexit ausgegangen, wenn nur Frauen gewählt hätten? Von

"Männer sind zu emotional, um zu wählen", schrieb die US-amerikanische Suffragette Alice Duer Miller im Jahr 1915. Das zeige ihr Verhalten bei Baseballspielen und politischen Versammlungen, "außerdem macht sie ihre angeborene Tendenz zur Gewaltanwendung besonders ungeeignet für Regierungsaufgaben". Deswegen widerspreche sie der Männerwahl. Millers Aussage war weniger eine ernst gemeinte Forderung als eine satirische Antwort auf eine Antifrauenwahlkampagne. Doch das Gedankenspiel dahinter war schon damals interessant und ist es heute immer noch: Was wäre, wenn nur Frauen über Machtfragen entschieden? Wäre die Welt eine andere?

Mit Blick auf die USA wäre die Antwort eindeutig: ja. Hätten bei der letzten Präsidentschaftswahl im November 2016 nur Frauen gewählt, wäre Donald Trump heute nicht Präsident der Vereinigten Staaten, sondern seine damalige Konkurrentin Hillary Clinton. Und das mit einer deutlichen Mehrheit in der Bevölkerung und im Wahlgremium.

Forscher nennen das Phänomen den Voting Gender Gap. Nach Untersuchungen des Pew-Forschungsinstituts haben Männer und Frauen in den späten siebziger Jahren noch ähnlicher gewählt. Seitdem wird der Unterschied immer größer. Demnach interessieren sich US-Wählerinnen mehr als männliche Wähler für Umwelt, Minderheiten- und Abtreibungsrechte, aber auch für soziale Sicherheit, Gesundheit und Terrorismus. Das kommt den Demokraten zugute.

Die europäischen Wählerinnen sind da diverser: Einerseits treten sie in vielen Ländern gegen den Rechtspopulismus auf. So hätte es etwa in Österreich 2016 bei der Präsidentschaftswahl nicht das lange Hin und Her zwischen dem ehemaligen Grünen-Chef Alexander Van der Bellen und dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer gegeben. Österreichs Wählerinnen bevorzugten in beiden Wahlgängen sehr deutlich Van der Bellen – am Ende mit 62 Prozent. Und in Frankreich wäre Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National gar nicht erst in die Stichwahl gekommen. Die Französinnen hätten vielen überzeugten Europäern eine Menge Nerven gespart.

Zwei große Referenden sind andererseits eher zugunsten nationalistischer Stimmenfänger ausgefallen. In Großbritannien wäre es auch zum Brexit gekommen, wenn nur Frauen gewählt hätten.

Auch in der Türkei wäre das Ergebnis der Abstimmung zur Verfassungsänderung knapper ausgefallen, wahrscheinlich hätte das Referendum wiederholt werden müssen: 50 Prozent der Frauen hätten für Erdoğans Verfassungsänderung gestimmt, 50 Prozent dagegen. Junge, gebildete Türkinnen haben einen Großteil der Nein-Stimmen ausgemacht. Für Erdoğans Pläne votierten unter den Wählerinnen vor allem Hausfrauen.

In vielen rechtspopulistischen Parteien oder Organisationen stehen Frauen auch an der Spitze – und das mit großem Erfolg. Da gibt es zum Beispiel die Spitzenkandidatin der Alternative für Deutschland, Alice Weidel, die Chefin der norwegischen Fortschrittspartei, Siv Jensen, oder die langjährige Führungsfrau der Dansk Folkeparti, Pia Kjærsgaard.

In Frankreich etwa hat eine Frau den Front National überhaupt erst anschlussfähig gemacht. Als Marine Le Pen 2011 die Führung von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen übernahm, verjüngte sie die Partei nicht nur, sondern sie brachte auch zahlreiche neue Wähler mit, insbesondere Wählerinnen. Die hatte ihr Vater noch verschreckt. Seitdem gibt es in den Politikwissenschaften den sogenannten Le-Pen-Effekt, der Begriff geht auf eine Studie von Nonna Mayer aus dem Jahr 2013 zurück. Ihre These: Mit derselben rechtspopulistischen Agenda erreichen Frauen mehr Wähler als Männer. Sie können glaubwürdiger für nationale Interessen eintreten, sozusagen als sorgende Mütter der Nation. Dieses Klischee überzeugt offenbar Männer wie Frauen.

Dass es tatsächlich mehr um das Frausein geht und dieses nichts mit den Anliegen der Frauenbewegungen zu tun haben muss, zeigt auch ein Blick nach Polen. Dort regiert Beata Szydło von der nationalkonservativen PiS-Partei. Im vergangenen Jahr hatte sie sich für eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes ausgesprochen. Demnach sollten Abtreibungen außer bei Lebensgefahr für die Frau verboten und Schwangerschaftsabbrüche mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Auch wenn dieser Vorschlag im Wahlkampf 2015 keine Rolle spielte, die Ausrichtung der PiS-Partei war bereits deutlich. Hätten nur Frauen in Polen gewählt, hätte die PiS-Partei sogar noch mehr Sitze bekommen.  

In den Niederlanden hätte sich auch etwas verändert, wären nur die weiblichen Stimmen ausgezählt worden. Dann wäre Geert Wilders' rechtspopulistische Partei PVV nicht zweitstärkste Kraft geworden, sondern nur drittstärkste. Und die linksliberale D66 wäre auf dem zweiten Platz gelandet. Am Ringen um eine Regierungsbildung hätte das allerdings wenig geändert.

Wie sähe es in Deutschland aus, wären bei der letzten Bundestagswahl 2013 nur die weiblichen Stimmen ausgezählt worden? Angela Merkel wäre auch dann Bundeskanzlerin geworden, sogar noch deutlicher. Ihre CDU hätte statt der 41,5 Prozent aller Stimmen sogar 44 Prozent der Frauenstimmen bekommen. Die Wählerinnen, scheint es, mögen sie. Und offenbar spielt es dabei auch keine Rolle, ob sich Merkel für Frauenanliegen stark macht oder nicht.

Die Welt wäre zwar eine andere, würden nur Frauen wählen. Aber nicht unbedingt eine bessere im Sinne aller Frauen.  

Quellen

  • US-Präsidentschaftswahlen: FiveThirtyEight
  • Österreich: ORF/SORA/ISA
  • Brexit-Referendum: YouGov
  • Verfassungsreferendum Türkei: Ipsos im Auftrag von CNN TURK
  • Präsidentschaftswahl Frankreich: Ipsos Mori
  • Parlamentswahl Polen: TVN24
  • Parlamentswahl Niederlande: NOS

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