Dating Der Aber-Mann morgens um vier

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Viele Menschen ab Mitte 30 haben tagsüber ein anderes Leben als nachts. Für eine Singlefrau ist eine halbe Nacht die beste Zeit für einen Freund mit gewissen Vorzügen. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Bett reparieren oder Beine rasieren? In einer halben Stunde kommt Michael zu mir. Vielleicht wird weder das eine noch das andere heute Abend relevant. Aber die Möglichkeit besteht. Jetzt bloß keine Erwartungshaltung aufbauen! Mit den Erwartungen ist es ja wie mit teurem Wein: Am Ende schmeckt man immer die Enttäuschung heraus. 

Wir wollen uns nur auf ein paar Drinks treffen. Ein Freund und ich, ganz entspannt. Manchmal wird aus den Drinks mit diesem Freund dann doch etwas mehr, ungeplant, ohne Absprache, und auch nicht immer. Die Amerikaner sagen dazu friends with benefits. Freunde mit gewissen Vorzügen, aber ohne Ansprüche. Das Spannende daran ist, dass man nie weiß, wie eine Verabredung endet – ganz anders als bei einer Affäre.

Wird das ein Abend routinierter Gemütlichkeit oder wird daraus eine gemeinsame Nacht? Beides ist schön, aber das Unverbindliche ist natürlich aufregender. Und ich will vorbereitet sein – Erwartungen hin oder her. Es wäre schon sehr ärgerlich, wenn der Sex an einem quietschenden Bett scheitert. Also Schraubenzieher statt Badezimmer. An stoppeligen Beinen ist es in der Vergangenheit noch nie gescheitert, auch wenn viele Frauen das immer noch hartnäckig glauben.

Eine halbe Stunde später liegt die Matratze wieder auf dem Bett, die Moscow Mules stehen auf dem Tisch und Michael in der Tür. Wir wollten ursprünglich in eine Bar, bleiben aber bei mir und spielen uns alte Songs auf Schallplatte vor: Elvis, Bowie, Klassiker, Kitsch – es ist lustig, entspannt. Doch zwei Drinks später fühlt sich das alles für einen Moment zu vertraut an, nach einer Sicherheit, die uns nicht entspricht. Vorsicht, denke ich. Weil ich weiß, dass er heute Nacht wieder gehen wird. Gehen muss. Er hat noch ein anderes Leben mit einer anderen Frau. Darüber reden wir aber selten. Viele Männer und Frauen haben ab Mitte 30 noch ein anderes Leben. Das ist eine gefühlte Wahrheit – privatempirisch, aber nicht repräsentativ, belegt durch viele Komplimente und Zärtlichkeiten von Männern, auf Partys, an Bars, an deren Ende immer ein "Aber" stand.  

In diesen Aber-Momenten bin ich froh, dass es ein solches in meinem Leben nicht gibt. Dann fühlt sich das Leben als Single freier, leichter und glücklicher an. Schade ist es manchmal dennoch, weil es keine Hoffnung auf eine unkomplizierte Zukunft mit den Aber-Männern gibt. Die Moral lässt sich aus meiner Perspektive natürlich leichter zur Seite schieben. Ein schlechtes Gewissen habe ich meistens nicht. Natürlich stelle ich mir manchmal vor, wie es für die andere Frau sein muss. Aber es ist nicht mein Betrug. Ich kann mit der unverbindlichen Situation manchmal ganz glücklich sein, selbst wenn es in keinem Lehrbuch für Glück steht. Wer definiert eigentlich dieses Glück?

Für mich fühlt sich das Glück an diesem Abend auf meinem Sofa ganz einfach an: Ich möchte, dass aus dieser Nacht mehr wird. Der Plattenspieler ist mittlerweile ruhig, wir spielen uns Songs auf YouTube vor, die wir gerade gerne hören. Was, wenn er doch nicht will? Ich stehe erst mal auf und mache noch einen Moscow Mule. Zurück auf dem Sofa rücke ich näher an ihn heran, das ist das Praktische an dem Laptop. Michael sucht ein Stück aus, zu dem wir schon oft getanzt haben. Er schaut mich an, ich nehme noch einen Schluck aus meinem Glas. Schließlich schiebt er den Laptop zur Seite und küsst mich.

Er ist immer wieder absurd, der Moment des ersten Kusses, mit dem wir die Freundschaft für einen Moment zur Seite schieben. In diesem Augenblick wird aus einem Freund ein Mann, und alles fühlt sich anders an, auch anders als mit anderen Männern. Es ist mir völlig egal, welche Unterwäsche ich trage oder ob der Mascara irgendwann verschmiert. Dinge, über die ich mehr nachdenken würde, wenn ich frisch verliebt wäre und dächte, es sei der Mann fürs Leben. 

Irgendwann, viel später, liegen wir nebeneinander im Bett und hören wieder Musik, Falco und Bilderbuch, nichts Romantisches. Gleich wird er aufstehen und gehen, denke ich und setze mich auf. "Bleib doch liegen", sagt er. Das wird mir dann doch zu einem zu vertrauten Moment. Will ich nicht, nicht das Vertraute und auch nicht das Liegenbleiben. Mich mitten in der Nacht wieder komplett anziehen allerdings auch nicht.

Die Vertraulichkeit meiner Schlafanzughose belastet dich doch nicht, oder?

Das weiße Laken, das man sich in solchen Fällen nonchalant umwickelt, existiert exakt nur im Fernsehen. Und sein Hemd geht ja auch nicht, weil das nur an 1,60 großen Blondinen mit perfekt fallenden Haaren gut aussieht. Und überhaupt – er braucht es selbst, er muss ja bald los.  

Zieh ich halt meine alte Pyjamahose an und werfe mir einen Schal drüber, so halb nonchalant. "Die Vertraulichkeit meiner Schlafanzughose belastet dich doch nicht, oder?", frage ich ihn und muss selbst darüber lachen, wie ich seine Rückverwandlung einleite. Eben lag er noch nackt neben mir im Bett, jetzt sucht er seine Brille auf der Kommode, zieht sich seine Kleider an und aus dem Liebhaber wird wieder der Freund.

Was gut ist, weil es so für mich leichter ist, wenn er geht. Wir haben zwar diese Nacht miteinander verbracht, und ich habe mich für diese Zeit ein bisschen weniger einsam gefühlt. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass er jeden Abend auf meinem Sofa sitzt. Deshalb werde ich auch nicht traurig sein, wenn er am nächsten Morgen keine Nachricht schreiben wird. Und auch ich denke nicht drüber nach, mich bei ihm zu melden. Lieber werde ich in der stillen Begleitung meiner Kaffeetasse an das Schöne denken, das wir haben, wenn es sich ergibt. Vielleicht schon in zwei Wochen wieder, vielleicht erst in ein paar Monaten. Und zwischendurch wird es einen Abend geben, an dem wir einfach nur ein paar Schallplatten hören.

Die Nacht ist halb vorüber, wir gehen noch auf meinen Balkon und rauchen eine Zigarette. Früh um vier mach ich die Tür hinter ihm zu. Das Bett, es hat nicht gequietscht.

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