Endlich Vintage! Frauen, die auf Männchen starren

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Hakuna Matata: Seit Jahren wollte unsere Kolumnistin eine Freundin in Kenia besuchen. Dann war, wusch, wusch, wusch, das Leben fast vorbei. Es kam noch zur Mädels-Safari. Von

Neulich musste ich von jetzt auf gleich nach Afrika. Man denkt ja, die letzte Strecke werde ein bisschen Hakuna Matata, also entspannter. Es war dann aber hophophop. Weil ich zwar seit Jahren geplant hatte, meine alte Freundin Louise zu besuchen, früher WG-Genossin, jetzt in Kenia. Zuletzt war der Besuch auf Frühjahr angesetzt gewesen. Dann aber gab es so viel zu tun, dass mir erst im Sommer auffiel, dass ich im Frühjahr nicht in Kenia gewesen war. Noch nicht mal abgesagt! Ich nenne es das Salatschleuder-Syndrom, wusch und wusch und wusch, so dreht sich das Leben eilig und eilig und eilig. Ich musste mich bei Louise entschuldigen. Ich versprach wortreich, im Herbst zu kommen. Ich sagte: Wie wäre es mit Oktober?

Louise sagte: Prima. Da musst du nicht so weit fahren. Ab Oktober bin ich in Berlin, im Ruhestand.

Hui! Gestern noch studiert, und heute ist das Leben schon fast vorbei.  Wir jammerten ein bisschen, dann sagte Louise versöhnlich, ich könne ja auch sofort kommen. Aber subito. Es gäbe noch andere Freunde, ein Paar, mit dem wir einmal zusammen studiert hatten, in einer Lebensphase, die so lange vorbei war, dass es schien, jemand anders hätte sie erlebt,  übrigens Franzosen. Sie hatten ihren Besuch bei Louise ebenfalls seit Jahren vor sich hergeschoben, aber waren jetzt entschlossen, die letzte Chance zu nutzen. Safari! Auf zu den Löwen und Antilopen, Giraffen und Nashörnern! Ich sagte, bin dabei. Louise sagte, ok, sie habe nur noch eine kleine Operation. Wegen so einer kleinen blöden Stelle. Wo? An der Nase. Das werde schon. Hakuna Matata.

So entstand eine Afrika-Vorbereitungs-Chatgruppe: Wer nimmt wie viel Autan mit? Hilft das gegen die Tsetsefliege? Müssen es echt sandfarbene Khakihosen sein, also dieser dämliche Karen-Blixen-Look? Ich hörte dann, auch Sabine komme mit. Ebenfalls früher Naturalismus-Seminar. Ihr Mann war neulich gestorben. Sie hatten zusammen in die Serengeti fahren wollen, und jetzt fahre sie allein, also mit uns, wie man halt auf eine Reise geht, die man zu zweit geplant hatte.

Dann schrieben die Franzosen: Absage. Einer von den beiden hatte schon mal einen Herzinfarkt gehabt. Beim Gedanken, Hunderte Kilometer durch Urwald und Wüste, Vulkankrater und Staubpisten zu brettern, immer weiter weg von einem Krankenhaus mit Tipptopp-Notfallstation und blinkenden Großgeräten, da wäre ihnen die Angst den Nacken hochgekrochen.

Ein paar Tage lang schwieg die Chatgruppe. Dann schrieb Sabine, sie habe ein wenig die Lust verloren. Jemand schrieb sinngemäß, wie man sich das denn jetzt vorstellen solle, statt einem Jeep alter Freunde nun eine Horde alter Mädels? Ich wendete das in meinem Herzen. Ich dachte an meinen Freund Klaus, der nach seiner Operation so langsam geworden war. Gehirntumor-OP. Ich dachte an Thomas, der so alt ist wie ich, aber im letzten Jahr so zittrig im Kopf wurde, dass seine Frau ihn jetzt an der Hand hält, damit er sich, wenn er rausgeht, nicht verläuft. Ich dachte an die Nachbarin, die neulich beim Rasenmähen umgefallen war. Aus die Maus. Dann schrieb ich: Mädels! Warum nicht ein bisschen Safari? Es wird vielleicht wie früher, als wir zusammen im Schwarzwald wanderten und dann den Federweißen probierten und viel Spaß hatten. Doris Lessing hat geschrieben, dass die Sundowner in Afrika das Tollste seien! Mit anderen Worten, jetzt oder nie, oder wie? Louise sagte, dann komme jetzt auch noch Iris mit.

Und so kam es, dass ich auf Safari war, mit einem Haufen Mädels. Unser Ranger hieß Maliki, morgens krähte er: Hello my harem! Stundenlange Fahrt durch eine leere flache Welt. Da war niemand. Der Himmel war so hoch, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Ab und zu stand am Rand der Schotterstrecke ein Kind. Woher es kam, wohin es wollte, ein Rätsel. Es stand da, während wir vorbeibretterten. Ab und zu in der Ferne eine Windhose über dem toten Gras. Louises Nase hatte zu Beginn wie frisch poliert geglänzt. Der Staub puderte dann die Nasen, er kroch uns in die Ohren. Maliki hielt unerschrocken Spur, man fragte sich, wie er es fertigbrachte, die vibrierenden Hände am Lenkrad zu halten. Wir ratterten dahin, dass die Plomben vibrierten, und wenn es noch holpriger wurde, schrie Maliki: Hold on, ladies!

Ab und zu war in der flachen Ödnis der ein oder andere Maulwurfshügel aufgeworfen. Auf solchen Maulwurfshügeln stand ab und zu ein Springbock, die Beine bildeten unter seinem Leib ein spitzes Dreieck, damit er seine Hufe in den Maulwurfshügel stemmen konnte. Den Kopf hielt so ein Springbock leicht gesenkt, vielleicht, um der heißen Luft die Stirn zu bieten. Wir schepperten vorbei, und ich hätte gerne einmal Augenkontakt mit einem solchen Springbock gehabt, aber so ein Bock hält den Kopf stur geradeaus und zuckt mit keiner Wimper, wenn ein Wagen voller Weibsen an ihm vorbeirast.

Was mochte so ein Bock denken? Was sah er am leeren Horizont? Schaute er so unbeweglich auf diese in der Luft vibrierende Linie, um etwas zu entdecken? Oder schaute er auf diese letzte Linie, weil da nichts war? War es eine Art von tierischer Meditation? Und wie stellt man sich vor, wie das Leben eines Bocks verläuft, wenn er so Stunden und Stunden mit den Augen den Horizont begrast? Fühlt es sich dann lang an, sein Leben? Oder kurz? Schnurrt es in seiner Bock-Lebenserfahrung vielleicht zu einem Moment zusammen, ähnlich kurz wie der, in dem ein Jeep an ihm vorbeijagt?

Ich habe dann auch angefangen, den Horizont zu beobachten. Manchmal sah ich gar nichts. Dann wurde die Landschaft etwas weniger trocken, es wehte das Gras und hinter den gelben Ähren tauchte ab und zu das Gesicht eines Löwen auf, wie ein Hologramm, fast transparent. Dürre Giraffen staksten durchs Gebüsch, als gäbe es irgendwo eine Giacometti-Werkstatt, der sie entkommen waren. Sie gingen wie in Zeitlupe, als seien sie erschöpft.  Ab und zu spreizte ein Baum vor dem Himmel seine Akazienfächer aus, gerne abends, wenn die Sonne blutrot unterging. Dann schien es so, als hätten alle Löwen und Antilopen und Hyänen und diese schubbernden grauen Berge, die man Elefanten nennt, nur den ganzen Tag so herumgetrödelt, um auf dieses Spektakel zu warten. Die Welt geht unter, als sei jetzt alles genug. Wir krochen in unsere Zelte und hörten die Tiere schreien.

Morgens war die Welt wieder neu. Wir krochen wieder raus aus den Zelten, tranken schwarzen Kaffee und schauten dabei auf rosa beleuchtete Bergsilhouetten, fuhren weiter und beschauten den Horizont. Ich sah Wolken, die sich schwarz über eine Kraterwand senkten, die in einem türkisfarbenen Wasser endeten, in dem Hunderte von pinken Flamingos standen, vor denen Aberhunderte von schwarzen Büffeln ihres Weges zogen. Sie gingen so langsam, dass es schein, sie stünden. Vielleicht war es auch nur eine Erscheinung, wie sie vielleicht auch die Böcke haben, wenn sie den Horizont scannen. Gelegentlich lag etwas im Gras. Gegenstände, die ich für Holz hielt. Bis ich bemerkte, es waren Schädelknochen, an denen sich nach rechts und links Hörner abspreizten und verzwirbelten wie knorrige Äste. Das Tier war weg, aufgegangen in dieser endlosen Steppe, nur die Hörner waren noch da. Das schien merkwürdig tröstlich.

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