FKK: Die Nacktheit der Anderen

Nackte Leser am Strand in Prerow auf der Ostseehalbinsel Darss, 1999. Kurz darauf wurde das hüllenlose Baden nur noch an speziellen FKK-Stränden erlaubt. © Bernd Wüstneck/​dpa

Das Spannendste an diesem Nacktbadetag waren die Momente, wenn Jugendliche vorbeikamen, die zu einem anderen Badeabschnitt liefen. Das, was gerade ihre Mode als attraktiv vorschrieb, sah fragwürdiger aus als ein alter zattriger Nackedei oder eine gänzlich blanke Matroschkafrau. Die Jugendlichen trugen Kopfputz, der vorgab, sie wären aus einem harten Ghetto, kurz nach einer Schießerei, während eines Musikvideos, hier her vom Himmel gefallen, mitten auf diesen sonnigen Sandweg. Ihre Kleidung zeigte an, wer sie sein wollen, was sie sich leisten können und wo sie hingehören wollen. Das alles ist ohne Kleidung natürlich schwieriger darzustellen. Die Requisiten fehlen. Wer ist man dann?

Ihrem Alter angemessen liefen sie den Weg entlang, tragbare Musik bei sich, und konnten nicht ohne das Ausstoßen von Geräuschen an den nackten Alten vorbei gehen. Kichern, würgen, ihhhh. Wer nichts rief, machte sich verdächtig, das nicht abstoßend zu finden, also vielleicht sogar anziehend. Es existierte nur Sonne oder Schatten. Jung oder alt. Nackt oder angezogen.

Wir saßen im Halbschatten und genossen die magischen Momente, wie sich hier etwas begegnete und durch das Andere definierte. Ein bisschen wie die unsaubere Spiegelung, wenn Leute vor dem Affenkäfig "Uhuhuh" rufen und lachen, während der Affe mit seinen kleinen wachen Augen zuschaut und nichts tut. Die jungen Menschen könnten sehen, was aus ihnen wird, aber das konnten sie nicht. Vor lauter Überschwang ihrer noch losen Gefühle warfen sie Übersprungshandlungstöne aus.

Der Körper kann übrigens gar nicht unterscheiden, gegen wen sich negative Gefühle und Gedanken richten. Es ist ungünstig für den eigenen Körper, andere Körper zu verabscheuen. Es ist ungesünder als Zucker und Cholesterin oder was der bemüht gesund lebende Mensch sonst so meidet. Sehr hohe Arroganz- und Ekelwerte sind schlimmer als Fett. Das nur als Argument für Leute, denen es leichter fällt, aus purem Eigennutz toleranter zu werden, als sie es aus Nächstenliebe können.

Müsste man bei Personen mit Hang zur Abscheu wie bei scheuenden Pferde Scheuklappen anlegen? Oder zwei Bildschirme links und rechts, wo etwas zu sehen ist, das man besser erträgt? Das einen nicht verwirrt? Die Filterblase zum Rumtragen? Ich bin ja eigentlich für das Gegenteil. Radikales Toleranztraining. Gerade was einem schwer fällt zu akzeptieren, sollte man sich regelmäßig in leichten Dosen zu Gemüte führen.

Interessanterweise wählen ja die Stadtteile mit buntem Bevölkerungsanteil wesentlich toleranter als die Stadtteile, in denen man unter sich bleibt und somit kein vernünftiges Toleranztraining im Alltag absolvieren kann. Logisch. Ohne Training keine Toleranzmuskulatur. Oder wenigstens eine Mir-doch-egal-Muskulatur.

Die Lösung ist also nicht weniger nackte Menschen, sondern mehr? Kann es denn tatsächlich noch mehr nackte Menschen geben?

Das Internet ist voll davon. Auch von Amateuren mit normalen Körpern, aber es handelt sich zum größten Teil um eine sexualisierte Nacktheit und man will ja nun auch nicht jeden mit Intimität verbinden. Darum wäre es sinnvoller, normale Nackte zu sehen, die normale Dinge tun: lesen, reden, sich am Kopf kratzen.

Eigentlich existiert das Thema Nacktheit fast nicht mehr, außer in geschützten, umzäunten Gebieten. Eine Umfrage sagt, dass das Tragen von Badebekleidung korreliert mit den Übergewichtswerten der Deutschen. Ebenso der Beliebtheitswechsel von Bikini zu Badeanzug.

Hat die Umfrage mich fett genannt? Nur weil ich auch lieber Badeanzug trage?

Der Osten hat sich dem Westen auch in diesem Thema längst angeglichen. Wer gegen FKK war, kann beruhigt aufatmen. Es gibt kaum noch hässliche nackte Ossis zu sehen.

Das Nacktsein der Nazis hat dem Westen das Nacktsein eventuell nachhaltig vermiest. Das Nacktsein der Ossis war ertrotzt und das bisschen Freiheit in der Unfreiheit. Nun benötigt man diesen Schniedelsieg nicht mehr, also wird sich auch hier der Vergangenheit des Entledigens entledigt. Es muss ja immer etwas anderes in sein als vorher, sonst wäre es ja nicht in. Vielleicht wird das Nacktsein irgendwann wieder in, wenn es lang genug out war?

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